Antiprosa: ÜBERSKANDAL

 

Tom de Toys, 4.9.2005

ÜBERSKANDAL
(LITERAtürSPRECHANLAgenMANIPULATION)


Das eigentlich krasse an jeder literatur ist ja normalerweise der extreme kontrast zwischen dem ort ihrer niederschrift und dem zeitpunkt ihres gelesenwerdens. dazwischen liegen manchmal jahrhunderte, mindestens aber 10 jahre warteschleife. das ist ein kulturelles naturgesetz, insofern der tatsächliche texterfinder keine eindeutigen merkmale eines popliteraten aufweist. es kann zwar durchaus passieren, daß die gewählte buchstabenkombination in leicht abgewandelter form bereits früher auf einem der etablierten schriftzeichenmarktplätze feilgeboten wird, aber das original findet seinen weg in das kollektive überbewußtsein erst später, viel später, ja sehr sehr viel später. die kommunikationstechnik ist daran allerdings nicht schuld, auch nicht die übersetzungsprogramme, denn die quantenmechanische telepathie funktioniert schon seit abermilliarden jahren absolut sprachenübergreifend. das entscheidende problem liegt woanders, nämlich im ALLGEMEINEN DESINTERESSE des vielbeschäftigten menschen. das klingt vielleicht im ersten moment etwas übertrieben, aber läßt sich ganz einfach beweisen anhand dieses vorliegenden textes. ach so, ich vergaß wohl, mich vorzustellen: hallo, da draußen, ich bin der text, den du soeben vernimmst und ich stehe dazu. meine aufgabe besteht lediglich darin, dir als unterhaltung zu dienen, völlig unabhängig davon, ob ich in just diesem moment erst erfunden werde oder schon jahrelang auf meine bestimmung zu warten hatte. du, als mein rezipient kannst mich nur solange verkonsumieren wie ich existiere. und ich schwöre dir jetzt schon: wenn ich erst einmal wieder verschwunden bin, wird dir nichts fehlen. es gibt keinen echten bedarf an literatur, sie wird hingenommen wie alles, was uns umgibt. und dort, wo sie nicht ist, entsteht keine lücke, denn irgendetwas anderes ist dann da: kinos, restaurants, partys, büros, kleidung, hochhäuser, parks, parkplätze, sex, andere menschen, der himmel, die nachrichten, das ganze leben. einen mangel an literatur kann nur jemand empfinden, der weiß, was literatur ist, und dementsprechend spürt, wenn sie fehlt, ohne durch irgendetwas anderes ersetzt werden zu können. eine art literarische mangelerscheinung im nervensystem tritt dann ein, eine geistige unterernährung, die sogar auf das immunsystem übergreift, wenn solch ein besonderer mensch zu lange literarisch abstinent bleibt. er beginnt dann unter stärker werdenden seelischen schmerzen instinktiv nach etwas literarisch verwertbarem zu suchen und stößt dabei unwillkürlich auf einen sachverhalt, der gerne totgeschwiegen wird, nämlich daß sich das literarische längst aus dem uns allzu vertrauten universum verabschiedet hat. alles bekommt sowieso einen namen, jede bewegung wird sowieso aufgezeichnet, kein noch so sprachloses weltbeispiel bleibt unausgesprochen. es ist einfach alles gesagt. es hat sich ausgeredet. die weltliteratur hat sich vollendet. es bleibt nichts mehr niederzuschreiben, was nicht schon entdeckt wurde. alles weitere wäre bloß wiederholung. der beste beweis für den ungläubig staunenden ist der folgende hochliterarische satz: KOPULIERENDE LIBELLEN SCHWEBEN ÜBER SONNENDURCHFLUTETEM WASSER! solltest du die bedeutung dieses satzes nicht verstehen, gehörst du entweder zu jenen überlebenden, denen die welt noch restgeheimnisse vortäuscht oder du mußt ein außerirdischer sein, der die welt heute zum allerersten male besucht. am wahrscheinlichsten ist aber, daß dir die bedeutung des satzes derart vertraut ist, daß du im grunde auf ihn verzichten kannst. du bist umgeben von kopulierenden libellen, du kannst selber schweben, du wirst von der sonne durchflutet und du bestehst aus einem beachtlichen anteil wasser! also, worin besteht das literarische an diesem frei erfundenen und noch nie dagewesenen satz "KOPULIERENDE LIBELLEN SCHWEBEN ÜBER SONNENDURCHFLUTETEM WASSER!" ? ich weiß es nicht, aber ich bin auch nur der text drumherum. meine heimliche aufgabe war darauf beschränkt, dich auf das problem hinzuweisen und dir die lösung des rätsels notgedrungenerweise vorzuenthalten, denn ich muß mich nun selber verabschieden, meine zeit ist schon längst abgelaufen. wir sehen uns wieder in einigen jahren. bis dahin drehe ich ein paar runden im innersten bannkreis meiner buchstabenstruktur, um mich in topform zu halten. ganz tief in meiner sprachlosen seele spüre ich, daß unsere begegnung etwas außergewöhnliches war. wir sind auserwählte, ja du und ich. unsere sehnsucht wird uns immer wieder zusammenführen, und eines tages sprechen wir klartext. und erfinden gemeinsam eine neue literatur, die zwar keiner versteht und die keiner braucht. außer uns. weil wir uns lieben. und das ist gut so.

TEMPELSIGNALE (c) De Toys, 13.10.2011 @ Flugplatz: www.angenOMmene.de TEMPELSIGNALE (c) De Toys, 13.10.2011 @ Flugplatz: www.angenOMmene.de
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Der wichtigste "schmal-lange" politische Text des Jahres 2011 als GASTBEITRAG hier: Clemens Schittko "Der nullte Kaddish" und das brandneu gastierende 2012er-Politpoem von Kai Pohl "Durchgeknallte Materie"

Mein allergrößter literarischer Mißerfolg (2003) auf nationaler Ebene: die überdadaistische Hommage an Hans Arp mit allen Hintergrunddetails!

Mein schönstes Erlebnis als Lyrik-Rezitator (2010) am 10. Weltpoesietag 21.März mit Gedichten von Hans Vogt: WORLD POETRY DAY

 

De Toys, 23.1.2009

OVERWOR(L)DED
(BE-ing NOWhere)
[12.PRAYER OF TRANSRELIGIOUS HOLeISM]

no sun no moon no galaxy
no thoughts of nothing and
no nothing no illusions and
no truth no question but
no need for answers
is the answer just
awake aware arrived
where this is
called the only THIS
AND THAT is sure
like nothing more than THIS
AND THAT turns mad
if you can't love it
like the laughter
of your lover
of your laughter
til the end of time
within this mOMent
that is touching
as you know it
now from inside
where the emptiness
turns outside
showing this is
no side never

 

De Toys, 17.1.1993

KINDHEIT

ich wachte auf
die sonne schien
und ich
fing wieder an
zu spielen

 

De Toys 1970 @ TomDeToys.de De Toys 1970 @ TomDeToys.de

 

"Auch heute noch blickt der Realist nur nach außen und ist sich nicht bewußt, ein Spiegel zu sein. Auch heute noch blickt der Idealist nur in den Spiegel und kehrt der realen Außenwelt den Rücken zu. Die Blickrichtung beider verhindert sie zu sehen, daß der Spiegel eine nicht spiegelnde Rückseite hat, eine Seite, die ihn in eine Reihe mit den realen Dingen stellt, die er spiegelt: Der physiologische Apparat, dessen Leistung im Erkennen der wirklichen Welt besteht, ist nicht weniger wirklich als sie."
Konrad Lorenz, in: DIE RÜCKSEITE DES SPIEGELS (1973)

ARATIONALER ASTRONAUT (c) De Toys, 21.1.2006 @ www.URENGEL.de ARATIONALER ASTRONAUT (c) De Toys, 21.1.2006 @ www.URENGEL.de

 

De Toys, 9.2.2005

KU(E)R-Zen!

jeden morgen
wach ich auf
und denke
es ist wirklich
ein geschenk
und wunder
noch zu leben
wieder da
zu sein
die welt
zu spüren ganz
egal in welchem
zustand
alle körper
alle kriege
sich befinden
denn der tod
kommt sowieso
viel früher und
viel schneller
als uns recht
ist jede
einzelne sekunde
lohnt sich
mit der inbrunst
ihrer kurzen
gegenwart
als ewigkeit
zu würdigen