Selten schreibt Tom de Toys überhaupt Prosa, und wenn, dann nur als sogenannte Antiprosa, weil er weder Figuren formt noch Geschichten erzählt. Genau genommen handelt es sich um Neuroprosa, die sowohl der automatischen Schreibtechnik als auch dem antimetaphorischen Assoziationsfluss
verpflichtet ist. Der satirisch-spirituelle Essay "HUXLEARYVOLUTION (DIE SANFTE VERMÖBELUNG)" ist solch eine zugleich surreale, hyperreale und transreale Collage aus tiefenphilosophischen &
tagespolitischen Anspielungen. Schon immer beschäftigt sich De Toys nicht nur in seiner Direkten Dichtung als Neuropoelitiker (ein Neologismus aus Neurologie, Politik und Poesie) mit den
GRUND(LOS)BEDINGUNGEN DER MENSCHLICHEN "INWESENHEIT", sondern scheut nicht davor zurück, fälschlicherweise als paranoid oder esoterisch abgestempelt zu
werden, wenn er mit satirischem Ernst unzeitgemäße mystische und kosmische Elemente in seine neurosoziologischen Abhandlungen einstreut.
"Denn letztlich zählt nur jede Gegenwart. Deine eigene Gegenwart. Die ekstatische Erinnerung an Dein Dasein. Diese Rückkehr ins direkte Mitspielen. Und das Beste
draus machen. Wer weiß, was noch alles passieren könnte, wenn Du Dich einläßt. Die Welt ist sehr groß, vielleicht sogar größer als bisher vermutet. Weder räumlich noch zeitlich. Nicht geistig.
Nicht sinnlich. Aber vielleicht irgendwie anders. Prüfe Deine Bewußtheit. Deine Aufmerksamkeit. Deine Wachheit. Und Fähigkeiten. Prüfe rundum Dein Empfinden für das, was unmittelbar umgibt. Das
ist der Kontakt, mit dem alles beginnt."
De Toys, in: SONNTAGEN
(30.1.2000)
Tom de Toys, 27.10.2008, 9-12 Uhr @ CROSSI (Pannierstreet 56)
+ finale Ergänzung am 26.4.2011 (13:13h)
HUXLEARYVOLUTION
(DIE SANFTE VERMÖBELUNG)
Was ist eigentlich aus der sogenannten BEWUßTSEINSREVOLUTION geworden, die mit Huxley, Watts und Leary Mitte des letzten Jahrhunderts begann?
Michael Murphy und Stanislav Grof gehören zu den letzten lebenden Veteranen, aber wer kennt sie schon außerhalb von
transpersonalen Spezialistenkreisen! Hast Du Dich auch schonmal gefragt, was die Helden Deiner Jugend heutzutage machen, während Du einen stinknormalen
Montagmorgen irgendwo auf dem Planeten mit den vertrauten Ritualen beginnst, um gar nicht erst darüber nachzudenken, wie langweilig und sinnlos nicht nur Dein eigenes Leben ist sondern ALLE
ÜBERALL GLEICHZEITIG ihrer gewohnten Beschäftigungstherapie nachgehen. Ich nenne das ab jetzt die "strukturelle Diktatur der Normalität" (SDN), die sich an Regentagen als subtile Melancholie
bemerkbar macht: Du erinnerst Dich plötzlich wehmütig an die erste große Liebe, Deinen ersten Urlaub ohne Eltern und den ersten Waldspaziergang unterm prall leuchtenden Vollmond... Was ist
seitdem geschehen? Du bist älter geworden, einfach nur älter, älter und immer älter. Wenn du Glück hast sogar gesund geblieben. Oder zumindest nicht todkrank. Womöglich hast Du eine zweite
Sprache gelernt, um irgendwo im Ausland jemandem zu erzählen, woher Du kommst und was Du so alles im Alltag machst. Danach wird das Gespräch wieder aufs gute Essen gelenkt, garniert mit kurzen
Kommentaren über die kritische Weltlage - und alle wissen, was gemeint ist: die Klimakatastrophe, der Bankenskandal und die Genforschung. Kein Wort zuviel. Das richtige Gemisch an Floskeln für
die jeweilige Situation. Sogar Tiefgang mutiert zu Smalltalk - und überhaupt: habe ich grade "kritisch" gesagt? In der schönen neuen SDN-Welt gibt es keine echte Kritik, weil jede Kritik erlaubt
ist, ohne etwas zu verändern! Jeder ist bemüht, seine Position stabil zu halten und klüngelt dafür mit jedem, der sich die Langeweile mit ähnlichen Hobbys totschlägt. Willkommen im Sandkasten der
Erwachsenen! Spiel mit mir oder ich klau Dir Dein Förmchen! Es gibt keine religiösen Fanatiker. Es gibt auch keine politischen Fanatiker. Es gibt nur massenweise Menschen, die froh sind, wenn sie
irgendwo mitspielen dürfen. Und jeder beteiligt sich an der Erfindung von Spielregeln, indem er einfach nicht mehr macht, als dort zu sein, wo er ist. Ein lückenloses System absorbierter
Individualität. Protestiert jetzt wer da hinten in der letzten Reihe? Das Individuum braucht mittlerweile keinen freien Willen mehr, erstrecht keine unsterbliche Seele. Das postmoderne Leben
begnügt sich mit Befriedigung der überlebenswichtigen Grundbedürfnisse und erklärt jedem den Krieg, der die eigene Ruhe stört. Die allgemeine Leichenstarre. Getarnt als Turnübungen für Zombies.
An Strandbars und in Edelbordells. Kein Sand mehr im Getriebe. Der Sand ist aus Plastik. Die Welt ist kein quantenmechanisches Mysterium sondern ein billiges Feinstaubgemisch aus glitzerndem
Plastikmüll, der über das Plankton auf dem Meeresgrund an die Menschmaschine verfüttert wird. Adornos Dialektik ad absurdum: Sand war gleich Natur und Plastik wurde Kunst, doch wenn der Sand aus
Plastik, ist NATUR GLEICH KUNST und alle sind Kunstwerke. Beuys wäre geschockt, aber seine Asche leuchtet in den nördlichen Glühwürmchen noch lange nach. Oder sind es doch Elfen mit Vampirzähnen?
Der elektrische Leib von Walt Whitman wird jedenfalls endlich unter Starkstrom wiederbelebt und dabei zufällig das letzte Weltwunder entdeckt: Einsteins Gehirnhäppchen passen perfekt in Whitmans
hohlen Schädel. Kinder hatten das glitschige Puzzle unterm Weihnachtsbaum zusammengefügt und erhielten dafür den Jugendforscht-Nachwuchspreis, weil des Dichters Schädel gläsern zu leuchten begann
und das erste Wurmloch nun wie eine Wunde im Weltall aus ihm klafft. Mikroskopische Quantenraumschiffe transportieren schon bald die ersten Milliardäre ins kosmische Urlaubsexil und wir kennen es
aus der Geschichte: In keinen hundert Jahren können sich sogar Hartz4-Empfänger einen Sonntagsausflug in eine ferne Galaxie leisten. Montags sitzen sie dann
alle wieder an ihrem üblichen Platz in der Stammkneipe. Es regnet. Der Gesprächsstoff reicht aus, um die Verzweiflung über die Sinnlosigkeit der Routine in Schach zu halten. Die sanfte Revolution
der Normalität hat etwas beinahe Romantisches: Alle sind gut und geschmeidig übers Spielfeld verteilt, jeder Atemzug ein Schachzug, um die neurochemische Kollektivhypnose permanent zu
stimulieren. Nirgends eine Nische, um den Atem anzuhalten. Aus dem Traumpaar Eros und Psyche wurde Latex und Psychopharmaka. Der letzte Zenmeister verkauft
seine Peitsche, um die Miete für den laufenden Monat zu bezahlen. Wir leben in der sogenannten Gegenwart - der totalen Gegenwart ODER ZUMINDEST DER SUBTIL
TOTALITÄREN ohne metaphysische Möglichkeit zu flüchten...
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
Luigi De Marchi: DER URSCHOCK (1984)
Aldous Huxley:
Schöne Neue Welt (1932)
Alan Watts:
Vom Geist des Zen (1935); Die sanfte Befreiung (1939); Weisheit des ungesicherten Lebens (1951); Kosmologie der Freude - Abenteuer in den Welten des Bewusstseins (1962); Die Illusion des Ich
(1966); Erotic Spirituality - The Vision of Konarak (1971); ZEIT ZU LEBEN (1972); Der Lauf des Wassers - Die Lebensweisheit des Taoismus (1975)
Norbert Wiener:
Mensch und Menschmaschine - Kybernetik und Gesellschaft (1950)
Marilyn Ferguson:
Die Sanfte Verschwörung. Persönliche und gesellschaftliche Transformation im Zeitalter des Wassermanns (1980)
Timothy Leary:
Neuropolitik. Die Soziobiologie der menschlichen Metamorphose (1981); Neurologic (1993)
Robert Anton Wilson:
DER NEUE PROMETHEUS (1983)
Hans A. Pestalozzi:
Die sanfte Verblödung. Gegen falsche New Age-Heilslehren und ihre Überbringer - Ein Pamphlet (1985)
Michael Murphy:
Der Quanten-Mensch (1992)
Stanislav Grof:
Kosmos und Psyche. An den Grenzen menschlichen Bewußtseins (1997)
Dr. Egon Denkmal:
ANTITOURISMUS STATT ANTITERRORISMUS - PLÄDOYER FÜR EINEN "HOLISTISCHEN HUMANISMUS" (1999)