Tom de Toys, 2.-3.3.2002
VERSUCH ÜBER DIE STUNDE NULL
( NAME-DROPPING & FAME-FLOPPING PART 1 )
Es war ein stinknormaler Dienstag in Neukölln und vor mir warteten noch sieben andere darauf, daß einer der
vier Schalter frei würde. Jeder mit einem Brief oder Päckchen in der Hand. Als die Reihe endlich an mir war, klingelte das Handy. Draußen schien die Sonne bei leicht bewölktem Himmel und etwas
Wind. Die typische Februarkälte. "Hallo?" "Tom? Treznok hier! Hast Du morgen nachmittag und am Wochenende Zeit?" "Mhm... ja und nein. Ich muß
meine Wohnung fertig einrichten, sonst kann ich nicht konzentriert arbeiten. Worum geht’s denn?" "Also... hättest Du Lust, in dem Stück mitzuspielen? Du wärst
nämlich perfekt für eine bestimmte Nebenrolle geeignet. Außerdem erledigt sich dann das Problem mit den Freikarten!" Mit einem schnellen "Ja, wenn die Gage stimmt
– ok, ich komme zur Probe" würgte ich ihn ab und zahlte 2 Euro 55. Ich finde es peinlich, in der Öffentlichkeit zu telefonieren. Das ist akustische Umweltverschmutzung. Auf der
Briefmarke stand zusätzlich noch 4 Mark 40, eine freundliche Orientierungshilfe in der ÜBERGANGSZEIT. Mein Paket enthielt Pressematerial für den Auftritt mit Christoph Schlingensief und Leni Riefenstahl im Sommer. Falls sie dann noch leben. Was für ein Tag: Dr.Treznok kennt man bis heute nur in den einschlägigen Kreisen als Lyriktherapeut. Und was man über
mich erzählt, habe ich keinen blassen Schimmer. Als die Stuttgarter Zeitung mich letztens einen Berliner Star schimpfte, mußte ich jedenfalls lachen. Jeder zweite am
Prenzlberg wurschtelt im kreativen Bereich herum, aber kaum fährt man durch die Republik, ist da der Bonus der neuen Hauptstadt. Egal, wie auch immer. Ein echtes Engagement, das von der
Sozialhilfe abgezogen wird. Ich bin da ganz korrekt, denn nur gegenseitiges Vertrauen hat ZUKUNFT. Außerdem bin ich als kleiner Junge schon knatschrot angelaufen, wenn ich versucht hatte zu lügen
oder zu klauen. Sowas is nix für mich. Besser die gerade Bahn, auch wenn alle um mich herum schneller reich sind. Selbstverschuldete Feinde bringen nur schlaflose Nächte. Wer einen nicht liebt,
braucht ja trotzdem nicht gleich zu hassen, oder? Na gut, ich laber schon wieder. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja: Die Post! Als ich rauskam, zog innerhalb kürzester Zeit ein gigantischer
Sturm auf, Orkanböen peitschten mir fette Hagelkörner gegens Schienbein. Ich versuchte, den Regenschirm zu retten. Und wieder: das Handy. Aber diesmal ein anderes Piepen. Kurzmitteilung! Konnte
nur Kristin sein, sie war auch unterwegs. Und tatsächlich: Auch sie kämpfte irgendwo mitten in Kreuzberg gegen das Unwetter, nachdem sie gerade erst wiedermal
einer Supermarktverkäuferin ein Autogramm geben mußte wegen dieser RTL-Serie. Dabei ist sie schon vor einem Jahr ausgestiegen, aber die Fans vermissen "die Ratte" noch immer. Zum Glück hab ich
keinen Fernseher, ich kenne "die Lenhardt" nur privat. Und da hat sie Pickel wie jeder normale Mensch. Kein Star ohne Pickel,
jeder Star ist normal. ICH HASSE HIERARCHIEN. Die arroganten Bosse der Welt sind die eigentlichen Sklaven: Gefangen in ihrer beschränkten Sicht auf die vorletzten Dinge. Lieber pflege ich
tausend Freundschaften als 1 Millionen auf dem Konto. Und selbst wenn ich nur 1 echten Freund hätte, wäre mein Anteil bloß Fünfhunderttausend, denn die andere Hälfte gehörte ihm. Naja, für den
Ernstfall nehme man das bitte bloß metaphorisch. Aber eines steht fest: Ohne Freunde ist das Leben nicht nur langweilig sondern nicht mehr lebenswert. Dementsprechend muß man sich schon aus ganz
egoistischen Gründen um das Wohl seines Bekanntenkreises kümmern. Bei der Probe am nächsten Tag lernte ich den 13-jährigen Artur kennen, der mich zunächst
höflich siezte. Seitdem mir das zum ersten Mal mit 25 passiert war, daß mich im Kölner Grüngürtel 3 hübsche Studentinnen in der Sie-Form nach dem Weg fragten,
durchzuckt mich immer dieser Schmerz, daß die Jugend nun endgültig vorbei ist. Und dabei fühle ich mich eher wie ein 7-bis-17-Jähriger als diese frühvollendete Fürstenrolle. Aber mit
welchen sogenannten Erwachsenen läßt sich schon so richtig rumblödeln wie damals? Als ich Artur drohte, ihn zurückzusiezen, hat ers sofort begriffen – und sowieso: Dieser kleine Mann entpuppte
sich im Laufe des kurzfristigen Besetzungsspektakels als einer der wenigen wirklich Ernstzunehmenden. Seine Art war noch pur und direkt, ohne Hintergedanken oder doppelten Boden. Er
sagte, was er dachte und fragte, was zu fragen war, und freute sich, von mir nicht wie ein "dummes Kind" behandelt zu werden. Also wenigstens einer, zu dem ich offen und ehrlich sein
konnte, und der sich ebenfalls wunderte, wie eine Inszenierung überhaupt glücken soll, wenn ein völlig überforderter Möchtegern-Regisseur sogar auf der Generalprobe das Fehlen von Requisiten, die Abwesenheit von Schauspielern, den technischen Mangel und seine eigenen widersprüchlichen
Anweisungen als nebensächlich herunterspielt, nachdem es für einzelne Szenen noch nicht einmal eine Probe im Vorfeld gegeben hatte – ein Chaos-"Ensemble" (sofern man den Begriff dafür
mißbrauchen möchte), für das sich immerhin Ben Becker nicht zu schade war, bis zum Schluß sein Bestes zu geben, obwohl es von Anfang an zum Scheitern
verurteilt schien. Aus der angestrebten Neugründung der RAF wurde eine halbe Stunde vor Uraufführung die Stunde Null der Schauspielerei und die lächerlichen 200
vorverkauften Arena-Karten zurückerstattet. Wenigstens saß ich dadurch viel früher als geplant mit meinen beiden Dichterkollegen Jo Marek &
Norbert Krüßmann in der "Künstlichen beatMung", einer neuen Bar in Friedrichshain, und wir diskutierten bei Rotwein, Cola und Mochito über die Bedeutung von
Bertolt Brecht und Erich Fried, die ich beide nicht nur für völlig überbewertet halte sondern als Lyriker absolut
schlecht und überflüssig, obwohl ihre (kultur-)politische Bedeutung außer Frage steht. Aber so ist das wohl: Bringt man in einer Disziplin gute Leistungen, darf man
plötzlich alles an die große Glocke hängen. Und die schlägt oftmals erst Generationen später zur vollen Stunde. Bis dahin bleibt der kulturelle Fortschritt auf Fünf Vor eingefroren – die Zeit
steht still, während die wahren Meister im Halbdunkel ihres Sprachlabors rund um die Uhr für irgendwelche Visionen vorarbeiten, jederzeit bereit für
eine große Pause, ob Mittag oder Mitternacht ist dabei einerlei. Wenn der große Gong ertönt, bebt eine nach der andern
Null durch die glühenden Seelenlöcher und wir sprechen die ewig währende Stunde der Poesie laut und deutlich gemeinsam aus: Nnnnnnnnnnull!!! Null, null,
null... im unendlichen Takt der Zeitlosigkeit.