"In unserer Kultur macht sich ohnehin ständig jeder Aufzeichnungen über alles mögliche, und es wird als wesentlich wichtiger angesehen, zu notieren was geschieht, als ein Ereignis zum Zeitpunkt seines Geschehens zu erleben. Diese Entwicklung frißt uns auf, weil es wichtiger geworden ist, die Buchhaltung in Ordnung zu halten, als das eigentliche Geschäft gut zu führen." Alan Watts, in: Das Tao der Philosophie (1995)
"Was wird zu den Aufgaben, den Notwendigkeiten des Liebesgedichts heutzutage gehören? Zu allererst wohl, daß es auf die Suche nach dem Liebenden von heute gehe!
Aber dieser Liebende entzieht sich. Er entzieht sich gerade dadurch, daß er sich in Öffentlichkeit flüchtet. Dadurch wird das Private maskiert. (...) Diese 'entzückte', parabolische Form ist
nahezu nie mehr in diesen Jahren gelungen, weil sie - in einem tiefen Sinne - nicht mehr zur Sprache gebracht werden kann, weil das Vermögen zu einer Sublimierung, die hierbei offenkundig wird, geschwunden ist,
weil nicht 'Erhöhung', 'Entrückung', sondern Entfernung, Sprachlosigkeit, auch Unwille an jeglicher Äußerung der Individualität im Gedicht Ausdruck für das sind, was aus diesem Gedicht und mit
denen, die es schreiben, geworden ist. (...) Bei jüngeren Autoren tritt ein derartiger Zustand nicht mehr ein. Sie bringen, wenn sie Gedichte schreiben, die man stets mit Vorbehalt Liebesgedichte
nennen sollte, weil sie frühere Vorstellungen vom Liebesgedicht als Genre nicht mehr zulassen, die Schwierigkeit des Versuchs überhaupt mit; sie ist dem Gedicht anzumerken. (...) Das Gedicht
weiß, wie sehr menschliche Beziehung lenkbar und überlagerbar ist, eingekreist von alter Herkunft wie von organisierter 'Gegenwart', die sogar noch Liebesbeziehung in ihre Planung einbezieht.
(...) Die Zurücknahme jeder Direktheit - aus Unsicherheit, Geduld, Resignation, aus Beunruhigung entstanden - gibt Aussprachemöglichkeiten, die auf direktem Wege unerträglich geworden sind. (...)
Es liegt auf der Hand, daß bei Vertretern einer das Gegenständliche und Thematische abstrahierenden Lyrik für das Liebesgedicht kein Raum ist. Der Stroff hat sich so weit aus diesen Texten
zurückgezogen, daß stoffliche Wahrnehmungen bestenfalls auf ein Minimum reduziert erscheinen. (...) Der einstigen Ich-Du-Beziehung wird jedenfalls auf diese Weise ausgewichen. Sie sinkt zu einer
schattenhaften Konstellation ab, bekommt etwas unmerklich Gespenstisches, Entferntes, Undeutliches, Wunderliches, nicht ganz Geheures. (...) Das übersensibilisierte Wort verfällt einer Schwäche,
die in Agonie übergehen kann. In der Liebeslyrik bewegt sich die Grenze zum Schweigen, zum Verstummen hin in anderer Richtung. Sie hat mehr mit Diskretion, mit Distanz mittels Diskretion als mit
der eigentlichen Aufhebung der Wortexistenz mittels Buchstabenzerfall zu tun, wie das bei der konkreten Poesie unserer Tage [1961] oft genug zu beobachten ist. (...) Individualität, lyrisches Ich
oder wie wir es bezeichnen wollen, wird gerade im Liebesgedicht als letztes ausgerottet sein. Das macht es schließlich für manche zum Monstrum. Aber manchen gilt es gerade deshalb als Inbegriff
dessen, was allem rapiden Gestaltwandel zum Trotz, ihrer Hoffnung 'Nahrung gibt, daß das Gedicht auch weiter überlebe."
Karl Krolow, in: ASPEKTE ZEITGENÖSSISCHER DEUTSCHER LYRIK,
aus der 3.Vorlesung als Gastdozent für Poetik an der Universität Frankfurt im Wintersemester 1960/61 (DIE BESCHAFFENHEIT DES MODERNEN LIEBESGEDICHTS)
"(...) Die Zeit ist gekommen, da der Mensch im Menschen aufsteht. Sein Ganzheitsgewissen erwacht. Er beginnt wieder die Seiten seines Menschseins zu fühlen und
zuzulassen, die unter den herrschenden Umständen nicht leben durften: das Weibliche im Menschen (im Mann nicht weniger als in der Frau), das in dieser mann-männlichen Welt keinen Platz hat, die
Individualität des Einzelnen, die in einer versachlichten, organisierten Welt 'stört', vor allem aber das WESEN, d.h. die Weise, in der das Sein im Menschen als sein eigentlicher Kern ans Licht
drängt. Aber nur in dem Maße, als der Mensch leibhaftig zu seiner Erdmitte hinfindet, wird das Verdrängte wirklich neu zu leben vermögen."
Karlfried Graf Dürckheim, in:
'HARA - DIE ERDMITTE DES MENSCHEN' (1967/2005)
Tom de Toys, 9.4.1995, 2.E.S.
ENTARTETE
geteiltes glück ist millimeterarbeit
morgens neben dir
erwacht geteiltes
glück ist
millimeterarbeit unverbrauchter
schenkel schmiegen sich im
hinterland der öffentlichen
brennstoffmängel noch nach jahren
schamlos sachlich als
ein zuckerfreies grab mit
neongrüner beleuchtung von allen
seiten aufgerichtet wie
die echte stunde null
mein weltkrieg endet
bei dir
Tom de Toys, 22.11.1998, 22.E.S.
WIRKLICHKEITS(T)RÄUMER
mitten
im kalten
herz der nation
unendlich glücklich
und allein
mit dir so eins
daß unsere gesichter
ineinander wohnen
als ewiges
küssen zu früher
zukunftsreisen gnadenloser
gegenwartslippen ohne zwischenraum
von hirn zu hirn
lesbar wie das
jenseits selbst
Tom de Toys, 25.6.2000, 26.E.S.
ÜBERTRÄUMER
wir schenken uns
seelisches aufbegehren
seit über sekunden
durchströmen zwei stimmen
das sichtfeld der zitternden
haut zu haut
traumtäter sammeln
gemeinsames herzklopfen
aus ewiger wartezeit
nähren sich unwahrscheinliche
zungen nahe dem nichts
ist nichts verwandelt
den schamlosen schreck
ungläubiger trauer
in leuchtendes wasser wie
gold das gesicht wieder
gefunden
Tom de Toys, 16.4.2006, 37.E.S.
NEUROPOELITIKER
(FUSION JENSEITS DER LITERATURSZENE)
kein tinnitus
kein atommüll
keine talkshowtabus
kein elektrosmog
keine kostüme
kein drumherumgerede
kein echo
kein gott und
keine selbstlüge
wir lieben uns
nackt und ehrlich
von ganzem herzen
im bett unserer eltern
im bett unserer kinder
im bett unserer freunde
im flußbett der seele
das permanente
poesiealbum der gelebten
gegenwart ist nicht
kitschig hörst du
wir lieben uns
immer
noch laut und deutlich
in der leeren mitte
des unvorstellbar grenzenlosen
nach all den jahren
wie am ersten tag
Tom de Toys, 17.12.2007, 51.E.S.
FRAGLOSE
Uns In Unseren Armen
Liegen Ganz Glückselig So
Als Hätten Wir Es
Schon Getan Und Spüren
Jede Zelle Lichtgesättigt Tief
Verschränkt Durch Unsere Haut
Dringt Frieden Wie
Das Selbstverständlichste Der
Welt Kein Gott
Kann Dieses Große Ja erzeugen
Das Sich Unerwartet
Zwischen Aufgewachten Körpern
Zeigt Und
Deine Augen Grenzenlos Mit Meinen
In Das Jetzt Verzweigt
Tom de Toys, 14.3.2009, 59.E.S.
überHITzte
obwohl du in der ferne wohnst
kann ich dich spüren deine hände
halten meinen geist zusammen
deine haut dringt tiefer in die seele
als der boden unter meinen füßen
zwischen uns ein leerer ozean wir
sind zwei kontinente ohne abstand
ja wir sind ein himmel füreinander
und ein ganzes universum wir
versuchen nichts zu suchen nichts
zu denken nichts zu wollen nichts
zu lieben nur zu lieben und wir
lieben uns so sehr weil wir nichts
sind wir sind das nichts oh gott
wir sind es wirklich denn die sonne
scheint bei vollmond weiter durch
das glitzernde gewebe wer glaubt
noch an weitere entdeckungen das
wichtigste ist ausgesprochen ausgesprochen
einfach und kursiert durch
sämtliche menschheitsepochen wie
ein unerwünschter virus für geschockte
nerven die noch futter brauchen während
wir uns gegenseitig heiße luft einhauchen
Tom de Toys, 13.9.2009, 60.Jubiläums-E.S.
G E H E i M N i S L O S E
jetzt kann ich dir die ungelesenen gedichte zeigen
so als ob ich sie vor deinen augen schriebe
hier ist zukunft durch vergangenheit verewigt
und wir trauen unsern augen kaum daß liebe
doch noch wahr wird nach dem ganzen terror
den wir gern als welt bezeichnen der
das gegenteil von unsrer sehnsucht ist das
gegenteil von allen gegenteilen
jetzt wirds endlich philosophisch
jetzt wirds tief und exis exis exis ten zi ell
wir sind die liebenden die es nicht geben darf
wir sind die unerwarteten die plötzlichen
der virus dessen kräfte im unendlichen verwurzeln
dessen auswirkungen nicht vorhersehbar
in den geschichtsprozess eingreifen
wie schamanen nur nicht mehr so einsam wie sie
die uns lebenslänglich weggefährten waren
waren ja doch WAREN denn wir sind zuhause
wir sind angekommen wir SIND
endlich dem geheimnis nahe
näher als wir es aus kinofilmen kennen
näher als topmanager jemals begreifen
näher als die psychologen als gesund erachten
näher als spießbürger
in der kirche ihrem hohlen gott
Tom de Toys, 10.4.2011, 67.E.S.
QUANTENSPUK FÜR LIEBENDE
schmerzfrei mit dir
durch die sonne wandern keine
formel finden um das unsagbare
zu beschreiben dich vermissen
während wir im letzten kuss
versinken kurz bevor der zeitstrom
körper trennt die seelen
bleiben ineinander so verschränkt
daß alle sterne auf uns wirken
wie ein einziges gesteinsgewitter
länder zittern städte beben
der planet stürzt
aus der alten bahn und
doch erinnert sich das universum
an das urvertrauen zwischen
den atomen die uns formten