8 Beispiele für Erweiterte Sachlichkeit (E.S.)

"In unserer Kultur macht sich ohnehin ständig jeder Aufzeichnungen über alles mögliche, und es wird als wesentlich wichtiger angesehen, zu notieren was geschieht, als ein Ereignis zum Zeitpunkt seines Geschehens zu erleben. Diese Entwicklung frißt uns auf, weil es wichtiger geworden ist, die Buchhaltung in Ordnung zu halten, als das eigentliche Geschäft gut zu führen." Alan Watts, in: Das Tao der Philosophie (1995)

YINYANG-DUO (c) De Toys, 9.10.2007 (D'dorf-Schwanenspiegel nahe Heine-Institut) YINYANG-DUO (c) De Toys, 9.10.2007 (D'dorf-Schwanenspiegel nahe Heine-Institut)

 

"Was wird zu den Aufgaben, den Notwendigkeiten des Liebesgedichts heutzutage gehören? Zu allererst wohl, daß es auf die Suche nach dem Liebenden von heute gehe! Aber dieser Liebende entzieht sich. Er entzieht sich gerade dadurch, daß er sich in Öffentlichkeit flüchtet. Dadurch wird das Private maskiert. (...) Diese 'entzückte', parabolische Form ist nahezu nie mehr in diesen Jahren gelungen, weil sie - in einem tiefen Sinne - nicht mehr zur Sprache gebracht werden kann, weil das Vermögen zu einer Sublimierung, die hierbei offenkundig wird, geschwunden ist, weil nicht 'Erhöhung', 'Entrückung', sondern Entfernung, Sprachlosigkeit, auch Unwille an jeglicher Äußerung der Individualität im Gedicht Ausdruck für das sind, was aus diesem Gedicht und mit denen, die es schreiben, geworden ist. (...) Bei jüngeren Autoren tritt ein derartiger Zustand nicht mehr ein. Sie bringen, wenn sie Gedichte schreiben, die man stets mit Vorbehalt Liebesgedichte nennen sollte, weil sie frühere Vorstellungen vom Liebesgedicht als Genre nicht mehr zulassen, die Schwierigkeit des Versuchs überhaupt mit; sie ist dem Gedicht anzumerken. (...) Das Gedicht weiß, wie sehr menschliche Beziehung lenkbar und überlagerbar ist, eingekreist von alter Herkunft wie von organisierter 'Gegenwart', die sogar noch Liebesbeziehung in ihre Planung einbezieht. (...) Die Zurücknahme jeder Direktheit - aus Unsicherheit, Geduld, Resignation, aus Beunruhigung entstanden - gibt Aussprachemöglichkeiten, die auf direktem Wege unerträglich geworden sind. (...) Es liegt auf der Hand, daß bei Vertretern einer das Gegenständliche und Thematische abstrahierenden Lyrik für das Liebesgedicht kein Raum ist. Der Stroff hat sich so weit aus diesen Texten zurückgezogen, daß stoffliche Wahrnehmungen bestenfalls auf ein Minimum reduziert erscheinen. (...) Der einstigen Ich-Du-Beziehung wird jedenfalls auf diese Weise ausgewichen. Sie sinkt zu einer schattenhaften Konstellation ab, bekommt etwas unmerklich Gespenstisches, Entferntes, Undeutliches, Wunderliches, nicht ganz Geheures. (...) Das übersensibilisierte Wort verfällt einer Schwäche, die in Agonie übergehen kann. In der Liebeslyrik bewegt sich die Grenze zum Schweigen, zum Verstummen hin in anderer Richtung. Sie hat mehr mit Diskretion, mit Distanz mittels Diskretion als mit der eigentlichen Aufhebung der Wortexistenz mittels Buchstabenzerfall zu tun, wie das bei der konkreten Poesie unserer Tage [1961] oft genug zu beobachten ist. (...) Individualität, lyrisches Ich oder wie wir es bezeichnen wollen, wird gerade im Liebesgedicht als letztes ausgerottet sein. Das macht es schließlich für manche zum Monstrum. Aber manchen gilt es gerade deshalb als Inbegriff dessen, was allem rapiden Gestaltwandel zum Trotz, ihrer Hoffnung 'Nahrung gibt, daß das Gedicht auch weiter überlebe."
Karl Krolow, in: ASPEKTE ZEITGENÖSSISCHER DEUTSCHER LYRIK,

aus der 3.Vorlesung als Gastdozent für Poetik an der Universität Frankfurt im Wintersemester 1960/61 (DIE BESCHAFFENHEIT DES MODERNEN LIEBESGEDICHTS)


"(...) Die Zeit ist gekommen, da der Mensch im Menschen aufsteht. Sein Ganzheitsgewissen erwacht. Er beginnt wieder die Seiten seines Menschseins zu fühlen und zuzulassen, die unter den herrschenden Umständen nicht leben durften: das Weibliche im Menschen (im Mann nicht weniger als in der Frau), das in dieser mann-männlichen Welt keinen Platz hat, die Individualität des Einzelnen, die in einer versachlichten, organisierten Welt 'stört', vor allem aber das WESEN, d.h. die Weise, in der das Sein im Menschen als sein eigentlicher Kern ans Licht drängt. Aber nur in dem Maße, als der Mensch leibhaftig zu seiner Erdmitte hinfindet, wird das Verdrängte wirklich neu zu leben vermögen."
Karlfried Graf Dürckheim, in:

'HARA - DIE ERDMITTE DES MENSCHEN' (1967/2005)

SWANSET (c) De Toys, 8.7.2009 (Berlin, Treptower Park) SWANSET (c) De Toys, 8.7.2009 (Berlin, Treptower Park)

 

Tom de Toys, 9.4.1995, 2.E.S.

ENTARTETE

geteiltes glück ist millimeterarbeit
morgens neben dir
erwacht geteiltes
glück ist
millimeterarbeit unverbrauchter
schenkel schmiegen sich im
hinterland der öffentlichen
brennstoffmängel noch nach jahren
schamlos sachlich als
ein zuckerfreies grab mit
neongrüner beleuchtung von allen
seiten aufgerichtet wie
die echte stunde null
mein weltkrieg endet
bei dir

 

 

Tom de Toys, 22.11.1998, 22.E.S.

WIRKLICHKEITS(T)RÄUMER

mitten
im kalten
herz der nation
unendlich glücklich
und allein
mit dir so eins
daß unsere gesichter
ineinander wohnen
als ewiges
küssen zu früher
zukunftsreisen gnadenloser
gegenwartslippen ohne zwischenraum
von hirn zu hirn
lesbar wie das
jenseits selbst

 

 

Tom de Toys, 25.6.2000, 26.E.S.

ÜBERTRÄUMER

wir schenken uns
seelisches aufbegehren
seit über sekunden
durchströmen zwei stimmen
das sichtfeld der zitternden
haut zu haut
traumtäter sammeln
gemeinsames herzklopfen
aus ewiger wartezeit
nähren sich unwahrscheinliche
zungen nahe dem nichts
ist nichts verwandelt
den schamlosen schreck
ungläubiger trauer
in leuchtendes wasser wie
gold das gesicht wieder
gefunden

 

 

Tom de Toys, 16.4.2006, 37.E.S.

NEUROPOELITIKER
(FUSION JENSEITS DER LITERATURSZENE)

kein tinnitus
kein atommüll
keine talkshowtabus
kein elektrosmog
keine kostüme
kein drumherumgerede
kein echo
kein gott und
keine selbstlüge
wir lieben uns
nackt und ehrlich
von ganzem herzen
im bett unserer eltern
im bett unserer kinder
im bett unserer freunde
im flußbett der seele
das permanente
poesiealbum der gelebten
gegenwart ist nicht
kitschig hörst du
wir lieben uns
immer
noch laut und deutlich
in der leeren mitte
des unvorstellbar grenzenlosen
nach all den jahren
wie am ersten tag

 

 

Tom de Toys, 17.12.2007, 51.E.S.

FRAGLOSE

Uns In Unseren Armen
Liegen Ganz Glückselig So
Als Hätten Wir Es
Schon Getan Und Spüren
Jede Zelle Lichtgesättigt Tief
Verschränkt Durch Unsere Haut
Dringt Frieden Wie
Das Selbstverständlichste Der
Welt Kein Gott
Kann Dieses Große Ja erzeugen
Das Sich Unerwartet
Zwischen Aufgewachten Körpern
Zeigt Und
Deine Augen Grenzenlos Mit Meinen
In Das Jetzt Verzweigt

 

 

Tom de Toys, 14.3.2009, 59.E.S.

überHITzte

obwohl du in der ferne wohnst
kann ich dich spüren deine hände
halten meinen geist zusammen
deine haut dringt tiefer in die seele
als der boden unter meinen füßen
zwischen uns ein leerer ozean wir
sind zwei kontinente ohne abstand
ja wir sind ein himmel füreinander
und ein ganzes universum wir
versuchen nichts zu suchen nichts
zu denken nichts zu wollen nichts
zu lieben nur zu lieben und wir
lieben uns so sehr weil wir nichts
sind wir sind das nichts oh gott
wir sind es wirklich denn die sonne
scheint bei vollmond weiter durch
das glitzernde gewebe wer glaubt
noch an weitere entdeckungen das
wichtigste ist ausgesprochen ausgesprochen
einfach und kursiert durch
sämtliche menschheitsepochen wie
ein unerwünschter virus für geschockte
nerven die noch futter brauchen während
wir uns gegenseitig heiße luft einhauchen

 

 

Tom de Toys, 13.9.2009, 60.Jubiläums-E.S.

G E H E i M N i S L O S E

jetzt kann ich dir die ungelesenen gedichte zeigen
so als ob ich sie vor deinen augen schriebe
hier ist zukunft durch vergangenheit verewigt
und wir trauen unsern augen kaum daß liebe
doch noch wahr wird nach dem ganzen terror
den wir gern als welt bezeichnen der
das gegenteil von unsrer sehnsucht ist das
gegenteil von allen gegenteilen
jetzt wirds endlich philosophisch
jetzt wirds tief und exis exis exis ten zi ell
wir sind die liebenden die es nicht geben darf
wir sind die unerwarteten die plötzlichen
der virus dessen kräfte im unendlichen verwurzeln
dessen auswirkungen nicht vorhersehbar
in den geschichtsprozess eingreifen
wie schamanen nur nicht mehr so einsam wie sie
die uns lebenslänglich weggefährten waren
waren ja doch WAREN denn wir sind zuhause
wir sind angekommen wir SIND
endlich dem geheimnis nahe
näher als wir es aus kinofilmen kennen
näher als topmanager jemals begreifen
näher als die psychologen als gesund erachten
näher als spießbürger
in der kirche ihrem hohlen gott

 

 

Tom de Toys, 10.4.2011, 67.E.S.

QUANTENSPUK FÜR LIEBENDE

schmerzfrei mit dir
durch die sonne wandern keine
formel finden um das unsagbare
zu beschreiben dich vermissen
während wir im letzten kuss
versinken kurz bevor der zeitstrom
körper trennt die seelen
bleiben ineinander so verschränkt
daß alle sterne auf uns wirken
wie ein einziges gesteinsgewitter
länder zittern städte beben
der planet stürzt
aus der alten bahn und
doch erinnert sich das universum
an das urvertrauen zwischen
den atomen die uns formten

 

Pages to the People

LINKLISTE: ALLE 158 POEMiE-DOMAINS HIER... SENSATION: EHEMALIGES G&GN-ARCHIV ONLINE WIEDERENTDECKT - EINE DER ALLERERSTEN LITERATURSEITEN IM INTERNET SEIT 1 9 9 8 !!!

Mein kommender Best-OFF-Lyrikband: "BODENLOS VERWURZELT WIE EIN STERN" mit 88 ausgewählten Gedichten aus 2 Jahrzehnten!

HOHLAPFEL (c) De Toys, 20.9.05 HOHLAPFEL (c) De Toys, 20.9.05

Musiker, Bands und Videokünstler jetzt für interaktives, multimediales QUANTENLYRIK-Projekt gesucht!

Das legendäre 1993er-Gedicht INFLATION aus dem ersten Werkquerschnitt "Die Welt als Schock und erweiterte Tatsache" IST JETZT KOMPLETT ONLINE ZU LESEN SOGAR MIT HÖRVERSION!!!

Das Tao der Poesie: FÜR ALIENS IST JEDER TAG IM UNIVERSUM ERSTER MAI - jetzt mit vollständiger 12-minütiger Videoversion der Live-Uraufführung!

CHRONIK DES LAUFENDEN WERKPROZESSES: LINKS ZU  73  TOPAKTUELLEN TITELN NEUER GEDICHTE

EVERGREEN: DIE NEUKÖLLNER STUNDE NULL (oder: die peinlichste Szene-Schote 2002: Was Sie schon immer mal über Ben Becker & Bertolt Brecht wissen wollten!)

Der wichtigste "schmal-lange" politische Text des Jahres 2011 als GASTBEITRAG hier: Clemens Schittko "Der nullte Kaddish" und das brandneu gastierende 2012er-Politpoem von Kai Pohl "Durchgeknallte Materie"

Mein allergrößter literarischer Mißerfolg (2003) auf nationaler Ebene: die überdadaistische Hommage an Hans Arp mit allen Hintergrunddetails!

Mein schönstes Erlebnis als Lyrik-Rezitator (2010) am 10. Weltpoesietag 21.März mit Gedichten von Hans Vogt: WORLD POETRY DAY

 

De Toys, 23.1.2009

OVERWOR(L)DED
(BE-ing NOWhere)
[12.PRAYER OF TRANSRELIGIOUS HOLeISM]

no sun no moon no galaxy
no thoughts of nothing and
no nothing no illusions and
no truth no question but
no need for answers
is the answer just
awake aware arrived
where this is
called the only THIS
AND THAT is sure
like nothing more than THIS
AND THAT turns mad
if you can't love it
like the laughter
of your lover
of your laughter
til the end of time
within this mOMent
that is touching
as you know it
now from inside
where the emptiness
turns outside
showing this is
no side never

 

De Toys, 17.1.1993

KINDHEIT

ich wachte auf
die sonne schien
und ich
fing wieder an
zu spielen

 

De Toys 1970 @ TomDeToys.de De Toys 1970 @ TomDeToys.de

 

"Auch heute noch blickt der Realist nur nach außen und ist sich nicht bewußt, ein Spiegel zu sein. Auch heute noch blickt der Idealist nur in den Spiegel und kehrt der realen Außenwelt den Rücken zu. Die Blickrichtung beider verhindert sie zu sehen, daß der Spiegel eine nicht spiegelnde Rückseite hat, eine Seite, die ihn in eine Reihe mit den realen Dingen stellt, die er spiegelt: Der physiologische Apparat, dessen Leistung im Erkennen der wirklichen Welt besteht, ist nicht weniger wirklich als sie."
Konrad Lorenz, in: DIE RÜCKSEITE DES SPIEGELS (1973)

ARATIONALER ASTRONAUT (c) De Toys, 21.1.2006 @ www.URENGEL.de ARATIONALER ASTRONAUT (c) De Toys, 21.1.2006 @ www.URENGEL.de

 

De Toys, 9.2.2005

KU(E)R-Zen!

jeden morgen
wach ich auf
und denke
es ist wirklich
ein geschenk
und wunder
noch zu leben
wieder da
zu sein
die welt
zu spüren ganz
egal in welchem
zustand
alle körper
alle kriege
sich befinden
denn der tod
kommt sowieso
viel früher und
viel schneller
als uns recht
ist jede
einzelne sekunde
lohnt sich
mit der inbrunst
ihrer kurzen
gegenwart
als ewigkeit
zu würdigen