DURCHRAISE: Die Flugschrift

(TEIL 1: Autopsychographische Faselei zur Rettung Integraler Inspiration)

SCHWEBE(ZU)STAND (c) De Toys, 18.6.2005 SCHWEBE(ZU)STAND (c) De Toys, 18.6.2005

 

Erstveröffentlicht als limitierte G&GN-Originalausgabe (Köln-Pesch 1995), Nachdruck mit ISBNummer im ehemaligen VAPET-Verlag (Bochum 1997).

 

Gewidmet allen

Neuroastronauten

quer durch die Zeiten...

 

Tom de Toys, 9./10.10.1994

(Passagen-Auswahl vom 15.11.-15.12.2004)

 

DURCHRAISE: Die Flugschrift
(Auszüge des Loch-Traktates aus Sebastians Trip)


Jeder Glaube ist eben NUR EIN Glaube. Und das war durchaus wertend gemeint; denn meine tiefsten Erfahrungen verboten mir schon seit geraumer Zeit, all die vielen Einzelheiten des Lebens in einer Formel zu bündeln, die dann ewig gültig sein soll. Im Gegenteil: da, wo ich genauer hinschaute, um Gründe und Ursachen für Erscheinungen und deren Zusammenhänge zu finden, tat sich letztlich ein großes gähnendes Loch auf – ein Loch, das nicht nur alle Materie unendlich durchlässig machte sondern noch schlimmer: überall war! Ich meine damit, keinen Rahmen hatte, also nicht auf irgendeiner "anderen", vielleicht mystischen oder religiösen Ebene des Seins angesiedelt war, nein, wohnen konnte man "dort" nicht. Das war kein abgrenzbarer Zwischenraum, lediglich der erleuchtete Charakter des Ganzen: die Fülle war leer, so leer, daß es kein Dahinter gab, wo der Philosoph gerne Geist vermutet hätte, die Kirche ihren lieben Gott, der Mystiker die große Energie, der Künstler das letzte Bild und der Forscher das Ding an sich. Eine unglaubliche Entdeckung für mich, die sämtlichen Traditionen widersprach. Alle Erscheinungen würden dadurch zur unabdingbaren Wahrheit erhoben, jede für sich als ausschnitthafte Teilwahrheit und die gesamte Wirklichkeit war nicht mehr Ahnung eines Größeren, sie war selbst das Großartigste – ohne Wenn und Aber: die unbeschränkte Totalität der Existenz alles Existenten ließ nichts eliminieren, eben auch im wortwörtlichen Sinne des sogenannten "Nichts", daß kein Konzept eines nichtenden Unraums gültig sein konnte – Energien waren also nur ihren Wesenszwecken gemäß an- und umzusiedeln. Die in sich wesende Welt als offene Tatsächlichkeit [...]: als prozessuales Perpetuum Mobile ohne Täter und Opfer, nur klischeelose Wechselwirkungen aller Teilnehmer. Die Folgen waren kaum abzusehen, Argumentationsmethoden hätten sich völlig zu verändern, bei privaten Problemen bis in politische Kalküle, weil nun alles immer berücksichtigt werden mußte. [...] Jedem sein Spielzeug und jedem die geeigneten Mitwisser. Eine seltsam unromantische Zärtlichkeit. Wer sich hier rein wagte, in diesen Zustand des geöffneten, erwachten Bewußtseins, wußte lediglich eines: daß alles existierte. Und daß alles zusammengehörte und zusammenpaßte. Irgendwie. Und daß trotzdem alles frei war, obwohl nichts flüchten konnte, weder vor sich noch vor dem Rest. Denn die Freiheit, das war einfach dieses tiefe und zugleich banale Wissen, daß Du in Deiner Haut steckst, daß Du, als Dein Fleisch, Dich leben kannst und darfst in genau dem, was Dir beschert wird – die Gnade der Geburt in die Unausweichlichkeit des Seins. Ein gewaltiger Schock natürlich, wenn die Handhabe des Planeten dem daraus folgenden Verständnis für Kultur und Liebe so widerspricht, daß man verzweifeln könnte. Was da so gebaut und zerstört wird, tagein tagaus, das hatte wenig mit Ekstase und Kreativität zu tun, das war dumpfes Massenmorden aus Angst, selbst nicht zu überleben. Ein Morden bis in subtilste Alltagssituationen. Ein Morden im Sinne eines Nicht-Ermöglichen von Kommunikation. Aus Glauben an die eigene Identität. Eine feste Identität, so fest wie keine Brücke und kein Wolkenkratzer gebaut sein dürfen, um dem Wind standzuhalten. Also eine "Gesellschaft", die nicht im angeblich freien Ideenrausch schwingt, sondern deren sogenannte Multimedialität einem oft unausgesprochenen metaphysischen Motto huldigt [...], die Sprache ständig vergewaltigt und immense Gelder für Museen und Rüstung verschleudert und für Süßigkeiten, Zeitvertreibe und ein Heer von Glaubenssystemen, wo Du fein Dir Deines wählen kannst. Beschäftigung ist Zwang, und Freizeit dient dem besänftigenden Ausgleich, erhöht aber zugleich den Streß, wenn jede Tätigkeit, und damit auch das sogenannte Ausruhen, als fahrlässiger Verschleiß von Pseudonischen langfristig dem katastrophalen Wuchern des längst schon enttarnten und verlachten falschen "Fortschritts" dient – und keiner öffentlich-rechtlich bekennen darf, daß die Erde nicht nur rund ist sondern leichter zu ertragen wäre, wenn wir unseren Schwerpunkt eher geteilter Lust und selbstbefreitem Spaß gewidmet hätten als arbeitender Besserwisserei und Ausschließerei. Mit welchem Recht wollen wir denn mehr haben als wir brauchen, wenn es ein anderer nötiger hat, und wieso wollen die meisten immer alles besser wissen als sich wissen läßt? Nein, so ein überflüssiges Getue führt gewiß zu keinem lebendigen Organismus einer Menschheit, die eigentlich gemeinsam durch das All jagt. Dafür ist das planetare Raumschiff viel zu schade und nicht voll genutzt in seinen Möglichkeiten, als reales Paradies gefeiert zu werden. [...] Und dann die Kunst: ein jeder macht mit ihr, was ihm gefällt, und tilgt dabei ganz selbstverständlich, ohne es zu merken, nebenbei ihre Botschaft; denn die Kunst trägt stets den Funken der Ekstase, sei es als politische Kritik, als subjektive Erinnerung oder archetypische Sehnsucht. [...] Mein "Wahnsinn": die kleine weitreichende Entdeckung, daß die Wirklichkeit auch ohne Sinn nicht schrecklich ist, daß die Wirklichkeit sogar viel wirklicher ist als wir uns gemeinhin gönnen. Dazu fehlt der Mut, die angelernten Denkprogramme brauchen immer einen Halt, auf den sie sich beziehen können, eine räumliche Sicherheitsmaßnahme mit möglichst wenig Schlaglöchern und Baustellen – freies Denken in zeitbetonten Bahnen wie Flickenteppiche aus Gegenwarten, die nicht linear fortschreiten sondern als vibrierende Ringe holistisch ineinander greifen als gäbe es weder Raum noch Zeit, weil jeder einzelne Moment sich diesen Kategorien stur dem darin Eintauchenden entzieht, das bereitet Angst. Angst vor einer solchen totalen Hingabe an restlos alle Momente, die da erblühen und ganz gelebt sein wollen. Das wird gleichgeschaltet mit Chaotik, Kriminalität, Psychotik und asozialer Naivität, weil der Sprung in multidimensionale Wahrnehmungsmuster fehlt, um sich darin zu orientieren. [...] Und was ich fühle, da wo alles Denken, Fühlen, Wollen, Können, Brauchen, alles herkömmliche Sein sich auflöst, da sitzt dieser alte, ururalte Mensch in einer riesen gläsernen und lichtdurchfluteten, energetisch getragenen Gegend, ohne Raum und Zeit, ein Kraftfeld mit tausend Sinnen, Hände und Füße öffnen sich wie magnetische Ströme prickelnd und wohlig fließend, zugleich farblos und blendend bunt, eine unendliche Ruhe mit schärfster Aufmerksamkeit, die sich ins Ganze fluchtlos eingebettet weiß und Zukunft und Vergangenes als zeitloses Ganzes schaut und schaut und schaut aus voller Gegenwärtigkeit im Ganzen ein geheimnisloses Wunder schaut, das unbegreifbar greifbar ist und bleibt und IMMER war, kein "Ursprung" und kein "Ende", nur ein ständiges Verwandlungsmeer aus ungezählten kleinen Tropfen, [...] und so den Sinn, den großen "letzten" Sinn bildet, einen sinnlichen, gelebten Sinn. [...] Der Ozean des Seins treibt in sich mit sich und genüßlich vor sich her und zaubert ständig neue Reibungspunkte, deren "Zwischen" nicht nur windig leer ist sondern jeder Punkt in sich gestellt bloß ein ganz kleiner Kreis mit einer leeren Mitte, von deren Mitte aus sogar der Rand verschwindet. Darum liegt der Schwerpunkt der Materie in der echten mystischen Erfahrung überall und jedes Wissen ist im grobstofflichen Alltag NUR doch wenigstens EIN Wissen unter vielen.

SEELENPARK (c) De Toys, 10.12.2011 @ Am Heldenfriedhof (Jülich) SEELENPARK (c) De Toys, 10.12.2011 @ Am Heldenfriedhof (Jülich)
JÜLICHER SEELENPARK (10.12.2011: Am Heldenfriedhof)
Beim Spaziergang mit meinem Vater durch den "Kleinen Weg" am Zitadellengraben entlang in die Innenstadt erzeugte der Sonnenstand wieder einmal eine ähnliche Stimmung wie auf seinem Acrylgemälde von 2005...
JÜLICHER SEELENPARK 10.12.2011 Am Helden
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De Toys, 23.1.2009

OVERWOR(L)DED
(BE-ing NOWhere)
[12.PRAYER OF TRANSRELIGIOUS HOLeISM]

no sun no moon no galaxy
no thoughts of nothing and
no nothing no illusions and
no truth no question but
no need for answers
is the answer just
awake aware arrived
where this is
called the only THIS
AND THAT is sure
like nothing more than THIS
AND THAT turns mad
if you can't love it
like the laughter
of your lover
of your laughter
til the end of time
within this mOMent
that is touching
as you know it
now from inside
where the emptiness
turns outside
showing this is
no side never

 

De Toys, 17.1.1993

KINDHEIT

ich wachte auf
die sonne schien
und ich
fing wieder an
zu spielen

 

De Toys 1970 @ TomDeToys.de De Toys 1970 @ TomDeToys.de

 

"Auch heute noch blickt der Realist nur nach außen und ist sich nicht bewußt, ein Spiegel zu sein. Auch heute noch blickt der Idealist nur in den Spiegel und kehrt der realen Außenwelt den Rücken zu. Die Blickrichtung beider verhindert sie zu sehen, daß der Spiegel eine nicht spiegelnde Rückseite hat, eine Seite, die ihn in eine Reihe mit den realen Dingen stellt, die er spiegelt: Der physiologische Apparat, dessen Leistung im Erkennen der wirklichen Welt besteht, ist nicht weniger wirklich als sie."
Konrad Lorenz, in: DIE RÜCKSEITE DES SPIEGELS (1973)

ARATIONALER ASTRONAUT (c) De Toys, 21.1.2006 @ www.URENGEL.de ARATIONALER ASTRONAUT (c) De Toys, 21.1.2006 @ www.URENGEL.de

 

De Toys, 9.2.2005

KU(E)R-Zen!

jeden morgen
wach ich auf
und denke
es ist wirklich
ein geschenk
und wunder
noch zu leben
wieder da
zu sein
die welt
zu spüren ganz
egal in welchem
zustand
alle körper
alle kriege
sich befinden
denn der tod
kommt sowieso
viel früher und
viel schneller
als uns recht
ist jede
einzelne sekunde
lohnt sich
mit der inbrunst
ihrer kurzen
gegenwart
als ewigkeit
zu würdigen