POLITLYRIK-GASTBEITRAG 2011

Clemens Schittko "Der nullte Kaddish"

 

Clemens Schittko

Der nullte Kaddish

vor Paulus Böhmer

"Ich dachte an die vielen Morde ...
die im In- und im Ausland ..."
Graf Schwerin von Schwanenfeld

Was die mit Preisen und
Stipendien ausgezeichne-
ten, die mit Poetikdozen-
turen bedachten oder vom
Feuilleton gelobten (über
120) deutschsprachigen
Lyriker meiner Generation
in ihrer sogenannten zeit-
genössischen Lyrik nicht
erwähnen, das ist das ei-
ne Kind unter zehn Jah-
ren, das alle fünf Sekun-
den verhungert; das ist
der eine Mensch, der alle
vier Minuten wegen Man-
gel an Vitamin A das Au-
genlicht verliert, das sind
die über 100.000 Men-
schen, die jeden Tag an
Hunger oder seinen un-
mittelbaren Folgen ster-
ben, das sind die 828
Millionen Kinder, Män-
ner und Frauen, die letz-
tes Jahr permanent
schwerstens unterer-
nährt waren, das sind die
12 Milliarden Menschen,
die die Weltlandwirtschaft
heute problemlos ernäh-
ren könnte (aus der Zeit-
achse fällt alles Fleisch),
das ist die nordamerika-
nische Finanzoligarchie,
die 24% des Welt-Brutto-
sozialprodukts, 41% des
Welthandelsvolumens
und 53% des Weltener-
giemarktes beherrscht,
das sind die 42% aller
Militärausgaben der
Welt, die die USA Jahr
für Jahr tätigen, das ist
der inzwischen nur noch
zweitreichste Mann der
Erde, Bill Gates, der so
viel Geld besitzt wie die
ärmsten 120 Millionen
US-Bürger zusammen,
das sind die Hunderte
von Millionen, die jedes
Jahr an den Folgen von
Krankheiten und Epidemien
sowie den Mangelerschei-
nungen, die auf schwere
Unterernährung zurück-
zuführen sind, sterben,
das sind die 2,7 Milliarden
Menschen, die unterhalb
der Armutsgrenze von we-
niger als zwei US-Dollar
pro Tag leben (ich kann
mir an den Kopf fassen,
kann mich aber nicht als
Gehirn begreifen), das
sind die reichsten 1% der
Weltbevölkerung, die 40%
des Weltvermögens kon-
trollieren, das ist die ärm-
ste Hälfte der Weltbevöl-
kerung, die nur 1% des
Weltvermögens besitzt,
das sind die 2,6 Milliarden
Menschen und damit fast
zwei Fünftel der Weltbe-
völkerung, die keinen Zu-
gang zu Sanitäranlagen
haben, das sind der Man-
gel an sauberem Wasser,
fehlende Sanitäranlagen
und schlechte Hygiene,
die jährlich etwa 1,5 Milli-
onen Kindern unter fünf
Jahren das Leben kosten,
das sind die 500 größten
multinationalen Konzerne
der Welt, die 52% des Welt-
bruttosozialprodukts, also
die Hälfte aller auf der Welt
erzielten Reichtümer, be-
herrschen (kein König, Kai-
ser oder Papst hat jemals
so viel Macht besessen),
das sind die 176 Kinder
unter sieben Jahren, die
innerhalb von zwei Stun-
den an Hunger sterben,
das sind die 49 ärmsten
Länder der Welt, die im
letzten Jahr eine Auslands-
schuld von 2.100 Milliarden
Dollar auszuweisen hatten,
das sind die 30 Millionen
Menschen, die jährlich ver-
hungern (im Vergleich dazu
tauchen die über 3.000 Men-
schen aus 62 Nationen, die
innerhalb von drei Stunden
am 11. September 2001 in
New York ermordet wurden,
in keiner überregionalen Mor-
talitätsstatistik auf), das sind
Hunger, Seuchen, Durst und
armutsbedingte Lokalkonflik-
te, die jedes Jahr fast genau-
so viele Männer, Frauen und
Kinder dahinraffen wie der
Zweite Weltkrieg in sechs
Jahren, das sind die sieben
Millionen Menschen, die auf-
grund mangelhafter Ernäh-
rung oder infolge von Krank-
heiten jedes Jahr erblinden,
das ist das Wissen der Welt
(über die Welt), das sich alle
fünf bis zwölf Jahre verdop-
pelt, (Notiz an mich: Ab dem
30. Lebensjahr verdoppelt
sich auch, egal an welchem
Ort der Erde, ca. alle 9 Jah-
re das Risiko zu sterben),
das sind die vielen Billionen
Menschen, die tot sind, seit
es Menschen gibt (ginge es
demokratisch zu, müsste
man Wahlbenachrichtigun-
gen an die Friedhöfe dieser
Welt schicken), das sind die
mit Preisen und Stipendien
ausgezeichneten, die mit Po-
etikdozenturen bedachten
oder vom Feuilleton gelobten
(über 120) deutschsprachigen
Lyriker meiner Generation
selbst (denn ich will hier
niemanden mit Zahlen lang-
weilen), die sich in ihrer
sogenannten zeitgenössi-
schen Lyrik nicht erwähnen.

 


Entnommen aus:

Kai Pohl & Clemens Schittko: "da kapo mit CS-Gas",

Fixpoetry Verlag 2011

 

GASLATERNE NR.60: DEN HAAG (c) De Toys, 25.5.2011 @ Tiergarten (Freilichtmuseum) GASLATERNE NR.60: DEN HAAG (c) De Toys, 25.5.2011 @ Tiergarten (Freilichtmuseum)
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Der wichtigste "schmal-lange" politische Text des Jahres 2011 als GASTBEITRAG hier: Clemens Schittko "Der nullte Kaddish" und das brandneu gastierende 2012er-Politpoem von Kai Pohl "Durchgeknallte Materie"

Mein allergrößter literarischer Mißerfolg (2003) auf nationaler Ebene: die überdadaistische Hommage an Hans Arp mit allen Hintergrunddetails!

Mein schönstes Erlebnis als Lyrik-Rezitator (2010) am 10. Weltpoesietag 21.März mit Gedichten von Hans Vogt: WORLD POETRY DAY

 

De Toys, 23.1.2009

OVERWOR(L)DED
(BE-ing NOWhere)
[12.PRAYER OF TRANSRELIGIOUS HOLeISM]

no sun no moon no galaxy
no thoughts of nothing and
no nothing no illusions and
no truth no question but
no need for answers
is the answer just
awake aware arrived
where this is
called the only THIS
AND THAT is sure
like nothing more than THIS
AND THAT turns mad
if you can't love it
like the laughter
of your lover
of your laughter
til the end of time
within this mOMent
that is touching
as you know it
now from inside
where the emptiness
turns outside
showing this is
no side never

 

De Toys, 17.1.1993

KINDHEIT

ich wachte auf
die sonne schien
und ich
fing wieder an
zu spielen

 

De Toys 1970 @ TomDeToys.de De Toys 1970 @ TomDeToys.de

 

"Auch heute noch blickt der Realist nur nach außen und ist sich nicht bewußt, ein Spiegel zu sein. Auch heute noch blickt der Idealist nur in den Spiegel und kehrt der realen Außenwelt den Rücken zu. Die Blickrichtung beider verhindert sie zu sehen, daß der Spiegel eine nicht spiegelnde Rückseite hat, eine Seite, die ihn in eine Reihe mit den realen Dingen stellt, die er spiegelt: Der physiologische Apparat, dessen Leistung im Erkennen der wirklichen Welt besteht, ist nicht weniger wirklich als sie."
Konrad Lorenz, in: DIE RÜCKSEITE DES SPIEGELS (1973)

ARATIONALER ASTRONAUT (c) De Toys, 21.1.2006 @ www.URENGEL.de ARATIONALER ASTRONAUT (c) De Toys, 21.1.2006 @ www.URENGEL.de

 

De Toys, 9.2.2005

KU(E)R-Zen!

jeden morgen
wach ich auf
und denke
es ist wirklich
ein geschenk
und wunder
noch zu leben
wieder da
zu sein
die welt
zu spüren ganz
egal in welchem
zustand
alle körper
alle kriege
sich befinden
denn der tod
kommt sowieso
viel früher und
viel schneller
als uns recht
ist jede
einzelne sekunde
lohnt sich
mit der inbrunst
ihrer kurzen
gegenwart
als ewigkeit
zu würdigen