Jung glaubt, daß diese psychoide Basis ein archetypisch-autonomer LEBENSTRIEB sei, dessen instinktive Gestaltungskraft das willentliche Ich wie eine Art INNERER BEFEHL unbewußt energetisch steuert und zu neurotischen Mangelerscheinungen führe, wenn sich das Individuum dieser in ihm wirkenden kollektiven Kraftquelle verweigere. Sogesehen hätte aus Jungscher Sicht Religion eine rituelle Schutzfunktion gegen die chaotische Inflation allzu subjektiver Projektionen, ja er geht sogar so weit zu behaupten, der Mensch sei prinzipiell Opfer und Instrument einer "kosmogonen Liebe", die als androgyner Gott EROS Hebamme aller Bewußtheit sei. Spannend an dieser vermeintlich dogmatischen (altersweisen oder altersschwachen?) Haltung ist der paradoxe Kontrast zu seiner ansonsten übervorsichtigen Betonung des bildlosen "Numinosums" (vgl. Rudolf Otto: 'Das Heilige') aller Archetypen:

 

"Ich begegne immer wieder dem Mißverständnis, daß die Archetypen inhaltlich bestimmt, d.h. eine Art unbewußter 'Vorstellungen' seien. Es muß deshalb nochmals hervorgehoben werden, daß die Archetypen nicht inhaltlich, sondern bloß FORMAL bestimmt sind, und letzteres nur in sehr bedingter Weise. Inhaltlich bestimmt ist ein Urbild nachweisbar nur, wenn es bewußt und daher mit dem Material bewußter Erfahrung ausgefüllt ist. (...) Der Archetyp ist ein an sich leeres, formales Element, das nichts anderes ist als eine facultas praeformandi, eine a priori gegebene Möglichkeit der Vorstellungsform. Vererbt werden nicht die Vorstellungen, sondern die Formen, welche in dieser Hinsicht genau den ebenfalls formal bestimmten Instinkten entsprechen. Ebensowenig wie das Vorhandensein von Archetypen an sich, kann auch das der Instinkte nachgewiesen werden, solange sich diese nicht in concreto betätigen."

C.G.Jung: "Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus" (1938)


Diese generelle metaphysische Absurdität, die (irgendwie reale) EXISTENZ einer transzendenten (also übersinnlichen im Sinne von nicht direkt sinnlich erfahrbaren) IDEE beweisen zu wollen, indem man sie aus ihren konkreten (von Menschen erfundenen) SYMBOLEN ableiten möchte, verfolgt die Menschheit, seitdem sie sich fragt, was (oder OB überhaupt "etwas" -absolutes-) hinter den Dingen "versteckt" sei, insofern nicht nur ein Lied in ihnen schläft. Den Psychoanalytiker Erich Fromm haben sowohl Sigmund Freuds als auch Jungs Theorien über die Bedeutung von Religion dazu bewegt, einen Vortrag über deren unterschiedliche Ansätze zu halten. Darin erklärt er:


"Freud hat das Problem von Psychoanalyse und Religion in einem seiner tiefsten und glänzendsten Bücher, 'Die Zukunft einer Illusion', behandelt. Jung, der einer der ersten war, die verstanden haben, daß Mythen und religiöse Ideen der Ausdruck tiefer Einsichten sind, hat dasselbe Thema in den Terry-Vorlesungen 1937 behandelt (publiziert unter dem Titel 'Die Psychologie und Religion'). (...) Hält die populäre Meinung, Freud sei ein Feind und Jung ein Freund der Religion, unserer Prüfung der Haltung beider gegenüber der Religion stand? Eine kurze Vergleichung der Anschauungen Freuds und Jungs zeigt, daß jene Behauptung eine irreführende Übervereinfachung ist. (...) Freud spricht im Namen des ethischen Kerns der Religion und kritisiert ihre theistisch-übernatürlichen Seiten, sofern sie die volle Verwirklichung dieser ethischen Zielsetzungen hindern. Er erklärt die theistisch-übernatürlichen Konzeptionen als Stadien der menschlichen Entwicklung, die einstmals notwendig und förderlich waren, jetzt aber nicht länger nötig und tatsächlich ein Hindernis für weiteres geistig-seelisches Wachstum seien. (...) Für Jung ist ein religiöses Erlebnis durch ein spezifisches Gefühlsmoment gekennzeichnet: Unterwerfung unter eine höhere Macht, sei diese nun Gott genannt oder das Unbewußte. (...) Wenn wir versuchen, die jeweiligen Positionen Freuds und Jungs auf eine kurze Formel zu bringen, dürfen wir sagen, Freud widersetzt sich der Religion im Namen der Ethik - eine Haltung, die zweifellos 'religiös' genannt werden kann. Andrerseits führt Jung die Religion einschränkend auf ein psychologisches Phänomen zurück und erhebt gleichzeitig das Unbewußte zu einer religiösen Erscheinung."

Erich Fromm: "PSYCHOANALYSE UND RELIGION" (1948)


Der Psyche werden durch diese quasi-platonische Überhöhung gewisse Struktur-Prinzipien attestiert, die zwar formal leer, aber eben doch als existent vorausgesetzt sein sollen:


"Die wirklichen Tatsachen verändern sich nicht, wenn man ihnen einen anderen Namen gibt. Nur wir selber sind davon affiziert. Wenn jemand 'Gott' als ein 'reines Nichts' auffassen sollte, so hat das mit der Tatsache eines übergeordneten Prinzips gar nichts zu tun."

C.G.Jung: "SPÄTE GEDANKEN" (1959), in:

"Erinnerungen, Träume, Gedanken" (1961)


Kein geringerer als der Religionsphilosoph Alan Watts publizierte ebenfalls im Jahre 1954 (also zeitgleich zu Kühn fünf Jahre vor Jungs Spätwerk) eine Kritik an Jungs finalen "Tatsachen":


"Was ist Mythologie? (...) ...eine Zusammenfassung von Geschichten - zum Teil Tatsachen, zum Teil Legenden, die die Menschen aus verschiedenen Gründen als Darstellungen der inneren Bedeutung des Weltalls und des menschlichen Lebens betrachten. Mythus ist etwas ganz anderes als Philosophie im Sinn abstrakter Begriffe. Denn Mythus ist immer konkrete Gestalt und besteht aus lebendigen, den Sinnen faßbaren Erzählungen, Bildern, Riten, Zeremonien und Symbolen. (...) Doch ist es nicht leicht, festzustellen, warum zu gewissen Zeiten einige dieser ungewöhnlichen Erzählungen, gewisse Bilder und Symbole das 'Weltgefühl' einer Unzahl von Menschen auszudrücken scheinen und eine so zwingende und bewegende Kraft ausüben, daß die Menschen den Eindruck gewinnen, das Leben selbst hinge von ihrer Wiederholung und Wiederbelebung ab. (...) Deshalb sollten wir zwei andere Theorien über den Mythus in Betracht ziehen. Die eine stammt aus den Forschungen des Schweizer Psychologen C.G.Jung. Einfach dargelegt, behauptet diese Theorie, daß der Mythus aus Träumen und unmittelbarer Phantasie entspringt und viel weniger ein willkürlicher Versuch ist, irgendetwas zu erklären. Grundlegend hierfür ist die Entdeckung, daß Träume und freie Phantasien von Tausenden moderner Patienten die gleichen Motive, Vorwürfe und Bilder aufzeigen wie die alten Mythologien, und diese sehr häufig ohne die geringste mythologische Kenntnis entstehen. Jung gibt dafür eine viel einfachere und unmittelbarere Erklärung als dies seine Sprachweise zuerst erkennen läßt. Seine Theorie von der Entstehung des Mythus aus dem kollektiven Unbewußten klingt höchst spekulativ und 'mystisch' und wird deshalb von Liebhabern der wissenschaftlichen Objektivität nicht gern anerkannt. Das Kollektive, Unbewußte aber ist nicht eine Art von transzendentalem Phantom, das alle menschlichen Wesen durchdringt. Man denke an den menschlichen Körper. (...) Der Vorgang, nach dem sich diese Gestalt entwickelt, ist unbewußt. Somit ist das kollektiv Unbewußte nur ein Name für diesen Vorgang, der unbewußt und allen Menschen gemeinsam ist. (...) Jung glaubt, sehr sichere Hinweise dafür zu haben, daß Träume und Phantasien Symptome sind für die Richtungen, die unbewußte psychologische Vorgänge einschlagen. Mit anderen Worten, daß diese dem Psychologen die Möglichkeit geben, den seelischen Zustand von Gesundheit oder Krankheit in gleicher Weise festzustellen wie Puls, Blutbild oder Urinanalyse dem Arzt die Bestimmung des allgemeinen körperlichen Gesundheitszustandes ermöglichen. (...) Nach seiner Meinung heilt der Psychiater am erfolgreichsten, wenn er die seelischen Vorgänge unterstützt, die sowohl unbewußt, schöpferisch und heilend und allen gemeinsam sind. Dies führte ihn dazu, der 'Weisheit' des psychologischen Unbewußten zu vertrauen und diese zu achten, ebenso wie der Arzt der genialen Weisheit des Körpers vertraut. Was uns hier besonders angeht, ist Jungs Behauptung, daß Träume und Phantasien seelisch gesunder Menschen der allgemeinen Form jener großen Mythen ähneln, die den geistigen und religiösen Traditionen der Menschen zugrunde liegen. (...) Allgemein ausgedrückt behauptet demnach Jungs Theorie, daß die großen kollektiven Mythen in gewisser Weise die heilende und schöpferische Arbeit des unbewußten seelischen Vorganges im Menschen darstellen, dem er vertrauen, den er achten und in seinem bewußten Denken und Handeln unterstützen muß. (...) In seiner Deutung der Symbole und Mythen bleibt aber etwas Unbefriedigendes; denn der letzte 'Sinn', den er herausfindet, ist eine Lebensauffassung und psychologische Philosophie, die Jungs persönliche Hypothese bedeutet, auch wenn eine Anzahl universaler und altehrwürdiger Elemente darin enthalten sind."

Alan Watts: "Mythus und Ritus des Christentums.

Anatomie einer Verblendung" (1954)


Neurophilosophisch lässt sich diese Glaubensfrage zeitgemäß auf folgenden PUNKT bringen:


"Dass da etwas ist, bezweifelt keiner. Und dass dieses Sein Energie ist (die ENERGEIA der Griechen), sieht man schon, wenn man die Natur ringsum betrachtet. Die Frage ist nur: WARUM gibt es etwas? (...) Die Frage geht über Gott hinaus, weil sie ihn einschließt: Warum Gott und nicht nichts? Die Frage nach der Existenz des Seins ist die erste und eine, die sich immer wieder stellt. Niemand kann sie beantworten. Die Behauptung, das Sein sei ewig, ist noch keine Erklärung. Dass es immer ein Sein gab, erspart uns, nach dessen Anfang oder Ursprung zu suchen, nicht aber, nach dessen Grund. (...) Die Philosophen entgehen dem Mysterium genauso wenig wie Physiker oder Theologen. Warum der Urknall und nicht nichts? (...) Warum das alles und nicht nichts? Die Frage 'Warum gibt es etwas und nicht nichts?' ist umso zwingender, als als eine Antwort unmöglich ist. Das macht sie so faszinierend, erhellend, anregend: Sie verweist uns auf das, was ich das Mysterium des Seins nenne und das von dessen Evidenz untrennbar ist. Die Frage weckt uns aus unserem positivistischen Schlummer. (...) Sie verweist uns auf unser erstes Staunen: Es gibt etwas und nicht nichts! (...) Die Existenz des Seins ist also zutiefst mysteriös, und dieses Mysterium ist unbezwinglich. Weil es undurchdringlich ist? Im Gegenteil: weil wir mittendrin sind. Weil es zu dunkel ist? Im Gegenteil: weil es das Licht selbst ist. (...) Das 'ozeanische Gefühl' gehört keiner Religion, keiner Philosophie, und so soll es auch sein. Es ist kein Dogma und kein Glaubensakt. Es ist eine Erfahrung. (...) Ist es eine Ekstase? Ich würde dieses Wort nicht benutzen, weil es kein Außen mehr gibt, in das man geraten könnte. (...) Eine Vision? Nicht in dem Sinn jedenfalls, wie man das Wort gemeinhin versteht. Ich habe nie etwas Schlichteres, etwas Natürlicheres erlebt. Ein Mysterium? Zweifellos, aber untrennbar von einer Selbstverständlichkeit. Eine Offenbarung? Wenn man will. Aber ohne Botschaft oder Geheimnis."

André Comte-Sponville: "Woran glaubt ein Atheist?

Spiritualität ohne Gott" (2006)


Das ist ein erstaunliches, beinahe mutiges Bekenntnis zur persönlichen mystischen Erfahrbarkeit eines transpersonalen (also die humanistische Ich-Zentrale des Individuums übersteigenden) Bewußtseinszustandes, der früher nur auserwählten Propheten und erleuchteten Meistern erlaubt war, die darüber hinaus den chaotischen Inhalt der Offenbarung zunächst gemäß ihrer kulturellen Rahmenbedingungen in ein modisch (ideologisch) relevantes Kleid pressen mußten, das sich für andere (breit grinsende) Eingeweihte zwar wie des Kaisers neue Kleider anfühlt, nämlich archetypisch leer, aber durch die rabenschwarz getönten Sonnenbrillen des religiös bevormundeten Volkes die Nacktheit des gläsernen Körpers verschleierte, damit kein Tumult in den Köpfen erwache. Denn die verbotene Nacktheit der kOMplett entprojizierten, total-disidentifizierten (also gewissermaßen "genullten") Seele ließ den antiken Mensch angeblich noch mehr erschaudern als den heute noch oftmals verschüchterten und nur halb aufgeklärten sogenannten "modernen" Mensch, wie wir aus einer ganz anderen Disziplin wissen: der Mathematik. Im Land des Zählwesens erfanden die Babylonier nämlich aus ganz praktischen Gründen um 300 v.Chr. einen "bodenlosen" Ort: die Unzahl Null, zunächst nur als symbolischen PLATZHALTER in Form zweier schräggestellter Keile, (gemäß einer leeren Spalte auf dem bis dahin verwendeten Abakus, dem Rechenschieber mit Steinchen), damit der wortwörtliche Stellenwert der restlichen Ziffern eindeutig war. Aber trotz aller Nützlichkeit dieser "wertfreien" Ziffer bewirkte die Entdeckung der NACKTHEIT DER NULL als symbolische Zahl für absolute Substanzlosigkeit, daß sie sowohl Römer wie auch Griechen nur widerwillig duldeten:

 

"Wir können es uns heute kaum vorstellen, daß man sich vor einer Zahl fürchtet. Aber die Null ist unausweichlich mit der Leere - mit dem Nichts - verknüpft. Dem Menschen graute es schon immer vor Leere und Chaos. Also empfand er auch eine urtümliche Angst vor der Null. Die meisten alten Völker glaubten, daß vor der Entstehung der Welt nur Leere und Chaos herrschten. Die Griechen waren davon überzeugt, daß die Dunkelheit die Urmutter aller Dinge sei und daß aus der Dunkelheit das Chaos entspringe. Dunkelheit und Chaos brachten dann die übrige Schöpfung hervor. Nach den hebräischen Schöpfungsmythen war die Erde wüst und leer, bis Gott sie mit Licht überflutete und mit seinen Geschöpfen bevölkerte. Die älteren hinduistischen Überlieferungen berichten von einem Schöpfer, der die Butter des Chaos in die Erde schlägt, und altnordische Mythen künden von einer offenen Leere, die mit Eis bedeckt wurde; aus dem Chaos, das aus der Vermischung von Feuer und Eis hervorging, entsprangen dann Giganten. Leere und Unordnung kennzeichneten folglich den urzeitlichen, natürlichen Zustand des Kosmos, und ständig nagte an den Menschen die Furcht, am Ende aller Zeiten könnten Chaos und Leere wieder die Oberhand gewinnen. Die Null repräsentierte ebendiese Leere. Die Furcht vor der Null war jedoch keineswegs nur ein Unbehagen angesichts der Leere, sondern sie ging tiefer. Für die Völker der Antike waren die mathematischen Eigenschaften der Null unverständlich, ebenso von einem Schleier des Geheimnisses umgeben wie die Geburt des Kosmos. (...) Der ganze griechische Kosmos ruhte auf dieser einen Säule: Es gibt keine Leere."

Charles Seife: "Zwilling der Unendlichkeit.

Eine Biographie der Zahl Null" (2000)


Ob es nun also "die" LEERE (als abstrakte Form oder konkrete Inhaltslosigkeit?) und damit "das" CHAOS (als GOTT hinter den Göttern?) oder den astrophysikalischen Urknall (als sagenhafte Singularität?) "an sich" gibt oder nicht gibt bzw. was "geben" (im Sinne von "exISTieren") eigentlich (d.h. absolut isoliert betrachtet) überhaupt (also über das denkende Haupt hinweg) bedeutet, (...)

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