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Broken Bike Nr.166 (c) De Toys, 10.9.2011
Broken Bike Nr.166 (c) De Toys, 10.9.2011

The so-called "postmodern" period of free-/open-minded awareness of eternity/infinity (refering to Ken Wilber the next step beyond "time") cannot hush up the confused collective consciousness of PLEONASTIC MYTHICAL beliefs. Following Jean Gebser who showed in his master piece "URSPRUNG UND GEGENWART" (1949/50) that humanity developed from archaic over magic, mythic and mental to an integral consciousness that enables to concretise TIME as a sensual dimension, the traffic signs (same as the columns in the ancient Greek temples) help perma-mythic modern people to pace the SPACE that is still not concretised because it needs at least mental awareness (that is still not given to the crowds!) to see & feel the space itself like Petrarca firstly did:

"Von jenem Tage auf dem Berge Ventoux an [26. April 1336] bis zu seinem Lebensende dauert nun der Kampf in Petrarca, der durch den Einbruch des Raumes in seine Seele und man könnte mit dem gleichen Recht auch sagen: der durch den Ausbruch des Raumes aus seiner Seele – ausgelöst wurde: die alte Welt, die in dem Worte Augustins, daß die Zeit in der Seele sei, ihre bündigste Formulierung fand, jene alte Welt, in der nichts außerhalb der Seele Liegendes wunderbar und des Anschauens für wert befunden wurde, sie beginnt zu zerbrechen." (Gean Gebser)

 

BROKEN BIKE Nr.165: Panorama-Version (c) De Toys, 30.8.2011 @ Goch
BROKEN BIKE Nr.165: Panorama-Version (c) De Toys, 30.8.2011 @ Goch

Petrarcas Dimensionensprung: Die Entdeckung der Landschaft


Es gibt Ereignisse in der Kulturgeschichte, die den kontinuierlichen Ablauf der Geschehnisse unterbrechen und als kulturelle "Mutationen" oder "Dimensionensprünge" einer Kultur nicht nur Neuland, sondern ganze Dimensionen erschließen. Als ein solches Ereignis kann man zweifellos Petrarcas Mont-Ventoux-Erlebnis vom 26. April 1336 bezeichnen. Hans Blumenberg deutet dieses Erlebnis als "einen der großen, unentschieden zwischen den Epochen oszillierenden Augenblicke". Auch für Jean Gebser liegt in Petrarcas Darstellung "ein geradezu epochales Ereignis, denn sie bedeutet nichts Geringeres als die Entdeckung der Landschaft, und in ihr kommt ein erstes Aufleuchten jenes Raumbewußtseins zum Durchbruch, das in der Folge grundlegend die Stellung des europäischen Menschen in und zur Welt verändert."

Broken Bike Nr.167 (c) De Toys, 10.9.2011
Broken Bike Nr.167 (c) De Toys, 10.9.2011

"Zuerst stand ich, durch einen ungewohnten Hauch der Luft und durch einen ganz freien Rundblick bewegt, einem Betäubten gleich" – so beschreibt Petrarca sein Gipfelerlebnis. Aber auf diese Entdeckung des Raumes folgt etwas, was Blumenberg folgendermaßen beschreibt:

Broken Bike Nr.167 (c) De Toys, 10.9.2011
Broken Bike Nr.167 (c) De Toys, 10.9.2011

"[...] diese Erfahrung geht nicht auf im überwältigten und ergriffenen Anschauen dessen, was erwartet wurde und nun vor dem Blick liegt; ganz in dem von Augustin geschaffenen Schema setzt sich die memoria gegen die curiositas durch, die Innerlichkeit gegen die Weltergriffenheit, die Heilssorge gegen die theoretische Affektion, aber auch: der Zeitbezug gegen das Raumverhältnis. Die Konkurrenz zwischen Außen und Innen, zwischen Welt und Seele endet damit, daß Petrarca die ständig mitgeführte Taschenausgabe der 'Confessiones' Augustins aufschlägt und genau vorsehungsgemäß auf eine Stelle im zehnten Buch trifft, an der das Staunen über die Höhen der Berge, die Fluten des Meeres und der Ströme und die Bahnen der Gestirne in harten Kontrast gesetzt ist zur Selbst­vergessenheit des Menschen."

 

(c) Entnommen aus einem Aufsatz von BEEPWORLD

Broken Bike Nr.168: Red Version (c) De Toys, 10.10.2011
Broken Bike Nr.168: Red Version (c) De Toys, 10.10.2011

 

Der bedeutende Brief von Francesco Petrarca (gefunden bei BEEPWORLD), in dem er von der Besteigung des Mont Ventoux berichtet. Der Brief handelt von der Entdeckung der Landschaft und wird von vielen als die "Geburtsurkunde der modernen Subjektivität" angesehen:

 

 

Francesco Petrarca, 26.4.1336 (an Francesco Dionigi von Borgo San Sepolcro in Paris)


Die Besteigung des Mont Ventoux

Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdientermaßen Ventosus, den Windigen, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen. Dabei trieb mich einzig die Begierde, die ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch Augenschein kennenzulernen. Viele Jahre lang hatte dieses Unternehmen mir im Sinne gelegen; habe ich doch in der hiesigen Gegend, wie du weißt, seit meiner Kindheit geweilt, wie eben das Schicksal die menschlichen Dinge fügt. Dieser Berg aber, der von allen Seiten weithin sichtbar ist, steht mir fast immer vor Augen.


Nun aber faßte ich den Entschluß, endlich einmal auszuführen, was ich täglich hatte ausführen wollen, besonders nachdem mir tags zuvor, als ich römische Geschichte beim Livius nachlas, zufällig jene Stelle vor Augen gekommen war, wo Philipp der Macedonierkönig – derselbe, der mit dem Römischen Volke Krieg geführt hat – den Berg Hämus in Thessalien besteigt. Denn er hatte der Fabel Glauben geschenkt, man könne von seinem Gipfel zwei Meere schauen: das Adriatische und das Schwarze Meer. Ob zu Recht oder zu Unrecht, habe ich nicht genügend ergründen können; denn die Sache wird dadurch unsicher, daß der Berg von unserer Welt so weit entfernt ist und die Schriftsteller verschiedener Meinung sind. Um deswegen nicht alle nachzuschlagen: der Kosmograph Pomponius Mela berichtet, ohne Anstand zu nehmen, daß es so sei, Titus Livius hält die Fabel für falsch. Wäre es aber für mich so leicht, jenen Berg zu erkunden, wie diesen hier, so würde ich nicht lange im Zweifel lassen, wie die Sache sich verhält.

Um übrigens jenen fernen Berg zu lassen und zu diesem zu gelangen: Mir schien für einen Jüngling ohne Anteil am Staatsleben entschuldbar zu sein, was man ja an einem greisen König nicht tadelt. Als ich aber wegen eines Begleiters mit mir zu Rate ging, erschien mir, so merkwürdig es klingt, kaum einer meiner Freunde dazu geeignet: so selten ist selbst unter teuren Freunden jener vollkommenste Zusammenklang aller Wünsche und Gewohnheiten. Der eine war mir zu saumselig, der andere zu unermüdlich, der zu langsam, jener zu rasch, der zu schwerblütig, jener zu fröhlich, der endlich zu stumpfen Sinnes, jener gescheiter als mir lieb. Beim einen schreckte mich seine Schweigsamkeit, beim anderen sein lautes Wesen, beim einen seine Schwere und Wohlbeleibtheit, beim anderen Schmächtigkeit und Körperschwäche. Beim einen machte mich kalte Gleichgültigkeit bedenklich, bei einem anderen wieder gar zu heißes Anteilnehmen. All das, so schwerwiegend es ist, erträgt man daheim – erträgt die Liebe doch alles, und vor keiner Belastung scheut sich die Freundschaft. Schwerer jedoch wird alles dies unterwegs. So wog mein empfindliches Gemüt, das auf eine anständige Vergnügung sann, umsichtig alle Einzelheiten gegeneinander ab, ohne damit irgendein Freundschaftsgefühl zu verletzen. Schweigend vielmehr verdammte es alles, wovon nur irgend vorauszusehen war, daß es auf der ins Auge gefaßten Reise lästig werden könne. Was glaubst du wohl? Schließlich wende ich mich um Beistand an den, der mir zunächst steht, und eröffne die Sache meinem jüngeren, meinem einzigen Bruder, den du ja gut kennst. Frohere Botschaft hätte er nicht hören können, und er dankte mir freudig, daß er bei mir gleichzeitig die Stelle eines Freundes und eines Bruders hätte.

Am festgesetzten Tage gingen wir fort von Haus und kamen gegen Abend nach Malaucène – das ist ein Ort am Fuße des Berges, nach Norden gewandt. Wir verweilten dort einen Tag und bestiegen heute endlich, jeder mit einem Bedienten, den Berg, nicht ohne viel Beschwerde. Er ist nämlich eine jäh abstürzende, fast unersteigliche Felsmasse. Indessen gut hat der Dichter gesagt: Verwegnes Mühen alles zwingt.

Ein langer Tag, schmeichelnde Luft, Lebensfeuer der Gemüter, Kraft und Gewandtheit der Leiber und was es sonst dergleichen geben mag, stand uns beim Wandern zur Seite; einzig widerstand uns die Natur des Ortes. Einen uralten Hirten trafen wir an den Hängen des Berges, der sich mit viel Worten bemühte, uns von der Besteigung abzubringen. Dieser sagte, er habe vor 50 Jahren in ebensolchem Ansturme jugendlichen Feuers den höchsten Gipfel erstiegen, indessen nichts von da heimgebracht als Reue und Mühe und von Felskanten und spitzem Dorngestrüpp zerrissenen Leib und Rock, und es sei weder vor noch nach jener Zeit je bei ihnen davon gehört worden, daß irgendwer Ähnliches gewagt habe. Da jener uns dies zuschrie, wuchs uns am Verbote das Verlangen – denn jugendliche Herzen schenken ja Warnern nur ungern Glauben. Infolgedessen ging der Greis, als er sah, daß er sich vergebens mühe, etwas mit vorwärts und wies uns zwischen den Felsen einen steilen Pfad mit dem Finger, wobei er vielerlei zu erinnern wußte und viel hinter uns her seufzte, als wir schon davongegangen waren.

Wir lassen bei ihm all das zurück, was irgend an Kleidungsstücken oder sonstiger Ausrüstung hinderlich sein könnte, schicken uns einzig und allein zur Besteigung an und klettern munter los. Aber wie es meist geschieht, folgt dem ungeheuren Unterfangen geschwind die Ermattung. Wir halten also nicht weit von dort auf einem Felsen sogleich wieder an. Von da brechen wir von neuem auf und rücken weiter vor, aber schon langsamer. Und besonders ich legte den Weg am Berghang mit schon bescheideneren Schritten zurück. Mein Bruder strebte freilich auf einem Abkürzungspfade geradeswegs auf das Bergjoch zu zur Höhe, ich dagegen, der ich weichlicher bin, wendete mich nach unten. Als er mich zurückrief und mir den richtigeren Weg wies, gab ich zur Antwort, ich hoffte, auf der anderen Seite einen leichteren Anstieg zu finden, und scheute den längeren Weg nicht, da ich auf ihm glatter vorwärts schreiten könne. Mit dieser Entschuldigung wollte ich meine Feigheit beschönigen, und als die andern schon die Höhe hielten, irrte ich durch die Täler, während nirgendwo sich ein gelinderer Anstieg eröffnete, vielmehr der Weg sich streckte, und zugleich die unnütze Mühe sich verschlimmerte.

Erst als ich vom Überdruß erschöpft war und mich mein Irrtum reute, beschloß ich, geradeswegs die Höhe zu erklimmen. So holte ich den wartenden und durch langes Ausruhen erfrischten Bruder ermattet und ärgerlich ein, und wir zogen nun etliche Zeit gleichen Schrittes weiter. Kaum daß wir aber jenen Hügel hinter uns gelassen, siehe, da lasse ich mich wiederum nach unten drängen und gedenke nicht mehr des Umwegs von vorhin, und wiederum gerate ich beim Durchwandern der Talgründe, während Weg von bequemer Länger suche, auf einen langen, unbequemen Weg. Allerdings schob ich so die Last des Steigens auf, aber durch Menschengeist wird die Natur der Dinge nicht aufgehoben, und es kann nun einmal nicht geschehen, daß irgendein körperliches Wesen durch Hinabsteigen zur Höhe gelangt.

Doch wozu viele Worte! So erging es mir zu meiner Entrüstung mindestens dreimal innerhalb weniger Stunden, und mein Bruder lachte darob nicht wenig. So hatte ich mich denn, oft enttäuscht, in einem Tal niedergelassen. Dort schwang ich mich auf Gedankenflügeln vom Körperlichen zum Unkörperlichen hinüber und wies mich selbst etwa mit den folgenden Worten zurecht: „Was du heute so oft bei der Besteigung dieses Berges hast erfahren müssen, wisse, genau das tritt an dich und an viele heran, die da Zutritt suchen zum seligen Leben. Aber es wird deswegen nicht leicht von den Menschen richtig gewogen, weil die Bewegungen des Körpers zutage liegen, die der Seele jedoch unsichtbar sind und verborgen. Wohl aber liegt das Leben, das wir das selige nennen, auf hohem Gipfel, und ein schmaler Pfad, so sagt man, führt zu ihm empor. Es steigen auch viele Hügel zwischendurch auf, und von Tugend zu Tugend muß man weiterschreiten mit erhabenen Schritten. Auf dem Gipfel ist das Ende aller Dinge und des Weges Ziel, darauf unsere Pilgerfahrt gerichtet ist. Dorthin gelangen wollen zwar alle, aber, wie Ovid sagt: Wollen, das reicht nicht aus, Verlangen erst führt dich zum Ziele. Du allerdings – wenn du dich nicht hierin wie in vielen Dingen täuschst –, du willst nicht bloß, du verlangst auch. Was hält dich also ab? Doch wahrhaftig nichts weiter, als daß der Weg durch die irdischen und allerniedrigsten Gelüste ebener ist und, wie es auf den ersten Blick scheinen möchte, bequemer. Gleichwohl mußt du nach langer Irrfahrt unter der Last des zum Unheil aufgeschobenen Weges hinansteigen zum Gipfel des seligen Lebens selber oder in den Talgründen deiner Sünden säumig erliegen; und wenn sich dort – was nur heraufzubeschwören mir graut – Finsternis und Schatten des Todes finden, so mußt du die ewige Nacht unter beständigen Qualen verbringen.“

Es ist nicht zu glauben, wie sehr diese Überlegung mir zu dem, was noch zu tun verblieb, Geist und Körper aufrichtete. Ach könnte ich doch ebenso mit dem Geist jene Wanderung vollführen, nach der ich Tag und Nacht schmachte, wie ich nach endlich überwundenen Schwierigkeiten die heutige Wanderung mit leiblichen Füßen vollführt habe! Aber bei weitem leichter müßte doch wohl jene Wanderung sein, die durch die bewegliche unsterbliche Seele selbst ohne jede Fortbewegung im Nu des Augenwinks geschehen kann, als diese, die im zeitlichen Verlauf durch den Dienst des sterblichen und hinfälligen Körpers und unter der schweren Last der Glieder ausgeführt werden muß.

Ein Gipfel ist da, der höchste von allen, den nennen die Waldleute „das Söhnlein“ – warum, weiß ich nicht. Ich vermute aber, daß es wie manches andere nach dem Prinzip des Gegensatzes gesagt wird; denn in Wahrheit scheint er aller benachbarten Berge Vater zu sein. Auf seinem Scheitel ist eine kleine Hochfläche. Dort ließen wir uns ermüdet endlich zur Ruhe nieder.

Und da du nun gehört hast, was für Sorgen beim Aufsteigen mir ins Herz emporgestiegen sind, so höre, mein Vater, auch das übrige, und wende eine von deinen Stunden daran, die Taten eines meiner Tage nachzulesen.

Zuerst stand ich, durch einen ungewohnten Hauch der Luft und durch einen ganz freien Rundblick bewegt, einem Betäubten gleich. Ich schaue zurück nach unten: Wolken lagerten zu meinen Füßen, und schon sind mir Athos und Olymp minder unglaublich geworden, da ich das, was ich über sie gelesen und gehört, auf einem Berge von geringerem Rufe zu sehen bekomme. Ich richte nunmehr meine Augen nach der Seite, wo Italien liegt, nach dort, wohin mein Geist sich so sehr gezogen fühlt. Die Alpen selber – eisstarrend und schneebedeckt –, über die einst der wilde Feind des Römernamens hinüberzog, der, wenn wir dem Gerücht Glauben schenken wollen, die Felsen mit Essig sprengte – sie erschienen mir greifbar nahe, obwohl sie durch einen weiten Zwischenraum getrennt sind. Ich seufzte, ich gestehe es, nach italischer Luft, die mehr vor dem Geist als vor den Augen erstand, und ein nicht zu erstickender, glühender Drang beseelte mich, so Freund als Vaterland wiederzusehen; so jedoch, daß ich zuerst an beiden Regungen ihre noch unmännliche Weichlichkeit tadelte, obwohl mir für keine eine Entschuldigung fehlen würde. Sie könnte sich ja auf berühmte Zeugen als Beistand stützen.

Dann ergriff eine andere Überlegung Besitz von meinem Geist und brachte mich von der Betrachtung des Raumes auf die der Zeit. Ich sagte nämlich zu mir selbst: „Heute erfüllt sich das zehnte Jahr, seit du nach Abschluß der kindlichen Studien aus Bologna auszogst, und – o unsterblicher Gott! o unwandelbare Weisheit! – wie vielen und wie großen Wandel deiner Sitten hat doch die Zwischenzeit gesehen! Dabei übergehe ich, was noch unabgeschlossen ist. Denn noch bin ich nicht im Hafen, daß ich in Sicherheit vergangener Stürme gedenken dürfte. Vielleicht wird die Zeit einmal kommen, wo ich alles in genau der Folge, in der es sich abgespielt, erzählen kann, und zwar mit folgenden Worten deines Augustin als Vorrede: Vergegenwärtigen will ich mir meine vergangenen Abscheulichkeiten und meiner Seele fleischliche Verderbnis, nicht als ob ich diese liebte, sondern auf daß ich dich liebe, mein Gott.

Mir bleibt allerdings noch viel Zweifelhaftes, Beschwerliches zu tun. Was ich zu lieben pflegte, schon liebe ich es nicht mehr. Doch – ich lüge ja: ich liebe, aber minder heftig. – Schon wieder habe ich gelogen: ich liebe, aber bescheidener und zugleich trauriger. Nun endlich habe ich die Wahrheit gesagt. Denn so ist es: ich liebe, aber das, was ich lieber nicht liebte, das, was ich zu hassen wünschte. Und dennoch liebe ich, aber wider Willen, gezwungen, betrübt und voll Trauer, und an mir selbst erprobe ich Armer den Sinn jenes so berühmten Sprüchleins: Hassen – soweit ich kann, sonst liebe ich wider Willen. Es ist noch nicht das dritte Jahr verflossen, seit sich jenem verkehrten und nichtsnutzigen Willen, der mich ganz besaß und der im Palaste meines Herzens ohne Widersacher herrschte, ein anderer Wille als Aufrührer und Rebell entgegengestellt hat. Zwischen diesen beiden wird auf dem Schlachtfeld meiner Gedanken schon lange eine höchst mühselige und auch jetzt noch unentschiedene Schlacht geschlagen, darüber, wer herrschen soll von den beiden Menschen in mir.

So trieb es mich in Gedanken durch das vollendete Jahrzehnt. Da ließ ich meine Sorgen ums Vergangene fahren und befragte mich selbst: „Wenn es dir vielleicht gelingen sollte, durch zwei fernere Lustren dies unstete flüchtige Leben weiter zu führen und im Verhältnis zur Zeitdauer ebensoviel zur Tugend fortzuschreiten, wie du in diesen zwei Jahren durch das Anstürmen des neuen Willens gegen den alten von der ursprünglichen Verstocktheit losgekommen bist, könntest du dann nicht, wenn auch nicht gesichert, so doch in Hoffnung, im vierzigsten Lebensjahre dem Tode entgegenstehen und den Überschuß des ins Greisenalter hinabsteigenden Lebens leichten Herzens preisgeben?“

Diese und ähnliche Betrachtungen, mein Vater, kehrten in meiner Brust immer wieder. Ich freute mich über meinen Fortschritt, beweinte, was ich noch unvollendet gelassen, und bejammerte die allgemeine Wandelbarkeit des menschlichen Tuns; und so schien ich gewissermaßen vergessen zu haben, an welch einen Ort ich gekommen sei und zu welchem Zweck. Endlich aber verabschiedete ich meine Sorgen, für die ja ein anderer Ort passender sein mochte, schaute um mich und sah nun wirklich das, was zu sehen ich hergekommen war. Man mahnte mich, die Zeit dränge zum Abmarsche, denn schon neige sich die Sonne und der Bergesschatten wachse in die Länge, und nun wandte ich mich, gleichsam erwacht, um und blickte zurück gen Westen.

Der Grenzwall der gallischen Lande und Hispaniens, der Grat des Pyrenäengebirges, ist von dort nicht zu sehen, nicht daß meines Wissens irgendein Hindernis dazwischen träte – nein, nur infolge der Gebrechlichkeit des menschlichen Sehvermögens. Hingegen sah ich klar zur Rechten die Gebirge der Provinz von Lyon, zur Linken sogar den Golf von Marseille, und den, der gegen Aigues-Mortes brandet, wo doch all dies einige Tagesreisen entfernt ist. Die Rhone lag mir geradezu vor Augen. Dieweil ich dieses eins ums andere bestaunte und jetzt Irdisches genoß, dann nach dem Beispiel des Leibes auch die Seele zum Höheren erhob, schien mir gut, in das Buch der Bekenntnisse des Augustin hineinzusehen, eine Gabe, die ich deiner Liebe verdanke und die ich bewahre, zum Gedenken an den Urheber wie an den Geber, und die ich stets in Händen habe.

Das faustfüllende Bändchen allerwinzigsten Formats, aber unbegrenzter Süße voll, öffne ich, um zu lesen, was mir entgegentreten würde. Was anderes als Frommes und Demütiges konnte mir wohl entgegentreten? Zufällig aber bot sich mir das zehnte Buch dieses Werkes dar. Mein Bruder stand in der Erwartung, aus meinem Munde etwas von Augustin zu hören, mit weit geöffneten Ohren da. Ich rufe Gott zu Zeugen an und ihn eben, der dabei war, daß dort, wo ich die Augen zuerst hinheftete, geschrieben stand: Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahinfließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne, und haben nicht acht ihrer selbst.

Ich war wie betäubt, ich gestehe es, und ich bat meinen Bruder, der weiter zu hören begierig war, mir nicht lästig zu fallen, und schloß das Buch im Zorne mit mir selbst darüber, daß ich noch jetzt Irdisches bewunderte. Hätte ich doch schon zuvor – selbst von den Philosophen der Heiden – lernen müssen, daß nichts bewundernswert ist außer der Seele: Neben ihrer Größe ist nichts groß. Da beschied ich mich, genug von dem Berge gesehen zu haben, und wandte das innere Auge auf mich selbst, und von Stund an hat niemand mich reden hören, bis wir unten ankamen. Genügend Beschäftigung hatte mir jenes Wort gebracht, und ich konnte nicht glauben, daß dies sich zufällig so gefügt hätte – nein, das dort Gelesene, glaubte ich, sei für mich und für niemanden anderen gesagt. Ich rief mir dabei ins Gedächtnis zurück, daß genau das gleiche einst Augustin betreffs seiner selbst vermutet hätte, als ihm nämlich bei der Lektüre der Apostelbriefe, wie er selbst berichtet, folgendes entgegentrat: Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid; sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus und wartet des Leibes, doch also, daß er nicht geil werde.

Dasselbe war ja schon vorher einmal, wie sein Biograph Athanasius berichtet, dem Antonius geschehen, der sich dem Dienst des Herrn weihte, als er das Evangelium gehört hatte, gleichsam als sei seinetwegen die Schrift verlesen worden, die Stelle nämlich, an der geschrieben steht: Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben.

Und wie Antonius, nachdem er dies gehört hatte, nach nichts anderem mehr suchte, und wie Augustin, nachdem er jenes gelesen, nicht mehr weiter fortfuhr, so war auch für mich mit den wenigen Worten, die ich eben angeführt habe, das Lesen schon ganz erledigt, und schweigend bedachte ich, wie groß der Mangel an Einsicht bei den Sterblichen sei, so daß sie unter Nichtachtung ihres edelsten Teils sich im Vielerlei verlieren und in leeren Schauspielen sich verzetteln und außerhalb suchen, was innen zu finden gewesen wäre. Und ich bewunderte, wie adlig unsere Seele sei, wenn sie nicht aus eigenem Antriebe entartet, abgeirrt wäre von dem Uranfange ihrer Herkunft, und wenn sie nicht das, was Gott ihr zu ihrer Ehre gegeben hat, selbst in Schmach verwandelt hätte.

Wie oft, glaubst du, habe ich an diesem denkwürdigen Tage, auf dem Rückwege umblickend, den Gipfel des Berges betrachtet, und er schien mir kaum die Höhe einer Elle zu haben gegenüber der Höhe menschlicher Betrachtung, wollte man sie nur nicht in den Schmutz der irdischen Abscheulichkeit versenken. Und auch das kam mir Schritt für Schritt in den Sinn: Wenn es einen nicht reut, soviel Schweiß und Mühe auf sich zu nehmen, damit der Leib ein klein weniges dem Himmel näher komme, welches Kreuz, welche Kerkerqual, welcher Marterstahl dürfte dann die Seele schrecken, die da Gott sich naht und die dabei die aufgeschwollene Bergeskuppe der Überhebung und die Geschicke der Sterblichkeit unter die Füße tritt? Und auch dies: Wie vielen wird es denn überhaupt beschieden sein, daß sie von dieser Straße aus Furcht vor Hartem oder aus Gier nach Weichem nicht abschweifen? O, überglücklich ist ein solcher Mensch – wenn es jemals einen gibt. Von ihm, glaube ich, hat es der Dichter empfunden:


Glücklich, wer den Grund der Dinge durfte erkennen,

Wer die Schrecken des Tods und das unerbittliche Schicksal

Seinem Fuß unterwarf – und des geizigen Acheron Toben!


Ach, mit welchem Eifer müßten wir uns mühen, nicht um eine Höhe der Erde unter den Fuß zu bekommen, sondern die von irdischen Trieben geblähten Begierden!

Unter solchen Bewegungen der aufgewühlten Brust gelangte ich in tiefer Nacht, ohne vom steinigen Weg etwas zu fühlen, zurück zu der bäuerlichen Herberge, von wo ich vor Tageslicht aufgebrochen; und die mondhelle Nacht gewährte uns beim Gehen willkommenen Beistand. Inzwischen begab ich mich also, dieweil die Sorge um die Bereitung des Mahles die Dienerschaft beschäftigte, allein in einen abgelegenen Teil des Hauses, um dir dies hier in Eile und aus dem Stehgreif zu schreiben, damit nicht, wenn ich es aufschöbe, durch Ortsveränderung etwa die Gemütsbewegung sich wandele und so der Vorsatz zum Schreiben verbrause.

Siehe also, liebevollster Vater, wie ich so ganz und gar nichts in mir vor deinen Augen verborgen wissen will, da ich dir nicht nur mein ganzes Leben, nein jeden einzelnen Gedanken so sorgfältig eröffne. Für diese Gedanken bete – ich flehe dich an –: da sie so lange unstet und unbeständig waren, möchten sie endlich einmal verweilen, und da sie so viel unnütz umhergeschleudert worden sind, möchten sie sich nun zu dem einen Guten, Wahren, Sicheren, Dauernden kehren.

Lebe wohl.

Am 26. April zu Malaucène [1336]


Aus: Petrarca: Dichtungen, Briefe, Schriften.

Auswahl und Einleitung von Hanns W. Eppelsheimer.

Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1956
(Die Übersetzung des Briefes stammt aus: Briefe des Francesco Petrarca.

Eine Auswahl übersetzt von Hans Nachod und Paul Stern.

Verlag Die Runde, Berlin 1936.)

Weitere Hörbeispiele:

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