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T U C H O L S K Y   R E L O A D E D . . .

Lochismus-Jubiläumsessay: "NEUROSMOG? DER ALLTAG ALS TAG IM ALL!"

Seit seinem mystischen Erlebnis am 5.5.1989, das er als Loch-Erfahrung bezeichnet, beschäftigt sich Tom de Toys dichterisch mit den begrifflichen Dogmen der Sprache. Das existenziell Politische an der Sprachlosigkeit liegt für ihn darin, daß das Freiwerden von Begriffen zum totalen Ankommen in der wirklichen Welt führt. Ein "lochistisches" Plädoyer gegen die Weltflucht - Tucholsky reloaded...

"Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs ... festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne. Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt."  Kurt Tucholsky, in: "Zur soziologischen Psychologie der Löcher" (erstveröffentlicht in der Weltbühne, 17.3.1931)

 

"Wieso verändert sich die Welt um uns herum, während unsere innere Landschaft stets gleich bleibt? Weil die oberste Regel des Clubs lautet: Immer nach außen. Niemals nach innen. Daraus folgt zwingend, daß jeder, der irgendeine Lehre, Doktrin oder Philosophie vertritt, automatisch Mitglied des Clubs ist. Jeder spirituelle Lehrer, der es seinen Schülern gestattet, Fragen zu stellen, und ihnen Antworten gibt, ist Mitglied des 'Immer-nach-außen'-Clubs, ein ahnungsloser - und deshalb um so tückischerer - Agent der Unwissenheit. Die Welt ist voll von anerkannten und geschätzten spirituellen und religiösen Lehrern. Man stellt ihnen Fragen, und sie liefern Antworten."

Jed McKenna, in: SPIRITUELLE DISSONANZ (2008)

 

 

Tom de Toys, 5.5.2015

NEUROSMOG? DER ALLTAG ALS TAG IM ALL!

Zur Überwindung von spirituellem Neurosmog


Das spirituelle Loch im Bewußtsein hat keinerlei Eigenschaften. Es leuchtet nicht, aber es verschluckt auch kein Licht, weil es kein Maul zum Schlucken hat, geschweige denn ein Gesicht. Das Bewußtseinsloch ist ein gesichtsloses Monster wie ein leerer Spiegel. Es existiert nur in Form des Randes rund um die eigentliche Lücke. Das Loch selber gibt es sogesehen nicht. Es ist einfach die Lücke, die sich von außen betrachtet nahtlos schließt. Wer vom Loch redet, der spricht über die sprachlose Mitte. Die Mitte ist überall und nirgendwo. Sie ist die gefühlte Leere. Von innen erfasste Unendlichkeit. Das Nichts, als ob es was wäre. Der Gott hinter Gott hinter Gott hinter Gott. C.G.Jung nannte es das Pleroma (die Eigenschaftslosigkeit des Abraxas). Es erinnert in mancher Hinsicht ans Tao, aber es duldet keinen Ismus. Ans Loch kann man nicht glauben. Lochisten sind automatisch Neurodadaisten, denn aus einem Loch lässt sich keine Religion hervorzaubern. Das Loch ist die randlose Leere. Hier wohnt kein Ich. Aber wer im Loch ankommt, wohnt erst wirklich in der Welt. Denn das Loch ist ein Schlupfloch ins Ganze: es verbindet beide Seiten, das konkret Weltliche und das abstrakt Weltlose, und es verschmilzt beide Seiten zu einem einzigartigen seitenfreien Existenzgefühl, das weder Identität noch Ichlosigkeit benötigt, sondern so ist, wie es ist, nämlich DA. Durch das Loch hindurch in das ganze Dasein zu schauen, bedeutet, auf kein Objekt mehr fixiert zu sein. Weder auf ein materielles noch auf ein metaphysisches. Das Bewußtsein befreit sich vom allgegenwärtigen Objektivierungszwang. Es ruht in sich selbst, ohne sich mit etwas zu identifizieren. Das Lochbewußtsein ist sich lediglich des unendlichen Lochs im Bewußtsein bewußt. Um dieses Loch herum ist die Welt der Identitäten angesiedelt, in der wir leben. Wer heute ohne Identitätswahn leben will, fällt durch das Loch und landet wieder im Ganzen. Aber das Ganze leuchtet nun. Wer das Loch nicht erfahren hat, kennt auch das Leuchten der Welt nicht, sondern verwechselt das Loch mit den Rändern. Er meint, daß die Welt dunkel sei und das Loch erst ein Licht in diese dunkle Angelegenheit brächte. Aber in Wirklichkeit ist alles hell. So wie im Weltraum, der von allen Seiten von Sternen ausgeleuchtet wird. Tag und Nacht kennt das Weltall nicht. Es ist zu jeder Zeit schwarz leuchtend und leer. Es ist das einzige Loch, das es gibt. Aber das All ist weit größer, als man gemeinhin so glaubt. Darin ähnelt es dem inneren Seelenloch. Löcher sind prinzipiell größer und weiter und tiefer als der menschliche Verstand. Denn der Verstand kann nicht hinter die Unendlichkeit schauen. Selbst die Unendlichkeit ist schon zu groß! Allerdings nur für diejenigen unter uns, die sie von außen betrachten und als Objekt definieren wollen. Wer mit seinem Geist selber im Loch landet, hat seine eigene Wahrnehmung ins Unendliche ausgedehnt und kann die gewaltige Leere des Lochs direkt spüren. Das ist ein Zustand, den man jedem und keinem wünscht, denn an diesem Punkt der Geschichte enden die Träume und Mythen, die Hoffnungen und Illusionen, die Legenden und Projektionen. Hier, mitten im Loch, dehnt sich der Geist auf das ganze Universum aus und bekommt eine Ahnung von der tatsächlichen Größe des Alls. Jetzt wird es urplötzlich klar: das Universum hat nirgendwo angefangen und endet auch nie. Der moderne Aberglaube an den Urknall ist eine typische Selbstlüge des Geistes, der nicht hinter die Unendlichkeit schauen kann. Aber sobald du dich selbst ins Unendliche ausdehnst, erfährst du das Lochhafte des Ganzen. Die Unendlichkeit ruht in ihrer eigenen Leere. Die Leere ist einfach nur das Gelochtsein der Unendlichkeit. Eine Extraleere gibt es genau so wenig wie ein Extraloch. Das Unendliche ist das Leere und Löchrige des Ganzen. Mehr leuchtet nicht. Nur einige Armleuchter suchen Erleuchtung außerhalb der natürlichen Leere. Fast möchte man meinen, das sei der Beweis, daß das Loch selber doch leuchtet. Aber dann übersieht man eben wieder das eigentlich Entscheidende: daß es kein Loch jemals gab, sondern nur seine Ränder drumherum. Wer das Loch nur von außen betrachtet, versucht die Unendlichkeit zu zählen. Wer aber im Loch wohnt, hat seinen Geist aufgegeben und spürt die Unendlichkeit von innen. Die eigene Existenz fühlt sich dann leer und unendlich an. Das ganze Weltall wird plötzlich präsent. Durch den innersten Punkt ist der Geist in das unendliche Außen hindurch geschlüpft und hat keine Frage mehr an das Sein. Fragen stellen nur Lochlose, während die Lochisten staunen. Es gibt keine Lichtquelle, das Ganze leuchtet aus sich selbst heraus. Dieses Leuchten ist farblos. Es ist nur das Sein des Seienden. Das erstaunliche "Da!" des Daseins. Das große Das. Philosophen und Wissenschaftler hatten schon immer ein Problem mit dem Ganzen. Nur Mystiker trauen sich, alles von innen zu fühlen. Denn nach innen gelangt man nur über das Loslassen. Dann stellt man fest, daß man schon immer ganz innen war. Irgendwie hatte das Ich aber vergessen, daß es sich selber von innen erkennen kann. Weil sich die Wörter von innen auflösen. Sobald du du BIST, HAST du kein Ich mehr. Das narzißtische Ich und das neutrale Loch widersprechen sich, weil das Loch ALLE Ichs erlaubt, nicht nur das eine gedachte. Das Wort "ich" endet, wo sich das Loch im Bewußtsein ausbreitet. Der Mensch ist viel größer als all diese Wörter, die er für sich und das Ganze erfindet. Wer heute noch immer an Gott glaubt, hat die unendliche Leere noch nicht gespürt. Und wer nach einer mystischen Erfahrung weiterhin von Gott redet, der ist in sein kleines Ich zurückgefallen, weil er das Loch nicht verkraftet hat. Wenn du deinen Geist einerseits leer machst und dann wieder mit Neurosmog anfüllst, wirst du zum Esoteriker und kannst die diplomatische Laufbahn eines Gurus einschlagen. Als Heimkehrer ins Ich kannst du das Loch und die Leere vermarkten, als seien das Dinge, die man konsumieren kann. Aber ein Schüler der Leere merkt schnell, daß ihm das Loch zwischen den Fingern zerrinnt. Es ist wie Wasser - es plätschert dahin, ohne sich greifen zu lassen! Es ist, als ob du selber aus Wasser bestündest und durch dich selbst hindurch greifst. Dein Ich ist in Wirklichkeit das gesamte Zerfließen deiner Anwesenheit. Wenn deine Hände dich selbst umarmen, greifen sie durch den Körper ins Leere. Aber sobald du dich von innen spürst, hat diese Leere eine Stimme, die keinen Namen hat, sondern der Welt "Guten Tag!" sagt. Denn es ist ein guter Tag. Ein Tag im All. Dein Alltag. Alles ist da. Alles ist wahr. Niemand braucht Wunder. Alles ist wunderbar. Wir SIND in der Unendlichkeit. Zuhause...

LICHTKUPPEL (c) De Toys, 15.4.2015 @ Botanischer Garten, Düsseldorf
LICHTKUPPEL (c) De Toys, 15.4.2015 @ Botanischer Garten, Düsseldorf

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