Manifest 2008: "TRANSHUM(ANiSTiSCH)ES TiEFENPOP-MANiFEST"

 

"Wenn man daher an den Schöpfungen des naiven Genies zuweilen den Geist vermißt, so wird man bei den Geburten des sentimentalischen oft vergebens nach dem Gegenstande fragen. Beide werden also, wiewohl auf ganz entgegengesetzte Weise, in den Fehler der Leerheit verfallen; denn ein Gegenstand ohne Geist und ein Geistesspiel ohne Gegenstand sind beide ein Nichts in dem ästhetischen Urtheil. Alle Dichter, welche ihren Stoff zu einseitig aus der Gedankenwelt schöpfen und mehr durch eine innere Ideenfülle als durch den Drang der Empfindung zum poetischen Bilden getrieben werden, sind mehr oder weniger in Gefahr, auf diesen Abweg zu gerathen."
Friedrich Schiller, in: ÜBER NAIVE UND SENTIMENTALISCHE DICHTUNG (1795)

"Wenn die Worte aufhören, mit den Tatsachen übereinzustimmen, ist es Zeit für uns, mit den Worten zu brechen und zu den Tatsachen zurückzukehren."
Daisetz Teitaro Suzuki, in: DIE GROSSE BEFREIUNG (1969)

"Themen, Vorstellungen, Arbeitsmethoden verweisen direkt oder indirekt auf die elektrifizierte, durch Elektronik veränderte Großzivilisation hin, die als die 'natürliche' angenommen worden ist und die man zu durchdringen versucht (...) und die Verwendung technischer Apparate ebenso zur Steigerung des Einzelnen dienen kann, zum Vollzug unkanalisierter, spontan schöpferischer Produktivität."
Rolf Dieter Brinkmann, in: ACID (1969)

 

 

Tom de Toys, 13.-16.5.2008 - transreal & transreligiös...
(gewidmet Frank Zappa, Hugo Friedrich und Seymour Krim)

TRANSHUM(ANiSTiSCH)ES TiEFENPOP-MANiFEST
[ ZUR PROPHYLAXE POETiSCHER PARALYSE ]


Wir leben in einem antispirituellen klima
esoterischer plattheiten die keinen
tatsächlich tabulosen tiefgang dulden weil
immer mehr scheinheilige gralshüter
und schnelllebige szene-stars unsere
lückenlose hypnose schönreden oder totreden um
ALLES SEELISCHE
supermarkttauglich zu verbiegen bis sich sogar satori
in überteuerten streichholzschachteln anbieten läßt
des kaisers neue kleider sind
leere streichholzschachteln mit deiner
eigenen zündenden idee als kostbares markenprodukt
für das sich niemand interessiert
außer dein monitor im gehirn


Wir sind verseucht von der fastfoodliteratur
bis in die knochen ja bis in die gene
das plastik hat unsere zellen erreicht
und die welt verklebt nachdem uns
sämtliche strömungen auseinander rissen


Wir hatten...
sakrale UND soziale texte
sachliche UND surreale
symbolistische UND sensualistische
aber die wahre Synästhetische Symbiose
integraler direktheit zur überwindung
aller polaren (platonischen oder privaten) schulen
liegt nicht in der asketischen leere
sondern dem ekstatischen leben das durch
PRÄSENZ STATT PROJEKTIONEN
aus ihr entsteht jenseits der
phänomenalen oder phantastischen formen und stile
und jenseits der trends
die uns auf trab halten wollen


Wir brauchen keine metaphern für narzißtische
geheimnisse ebensowenig wie kryptische
metaebenen für erotische spontaneität
die nur verschleiern daß die sprache
als ersatzwelt mißbraucht wird
alles engagierte UND authentische
ergibt sich in einem rutsch
durch den gelebten augenblick der das herz berührt
echte tuchfühlung mit allen wesen die uns begegnen
der stoff aus dem die tiefe emporsteigt
der stoff in den wir die buchstaben kleiden
die sprache flattern lassen
damit unsere königin lyri-ka fliegen lernt

 


"Was bleibt? Ein Sagen, das seine Evidenz in sich selber hat. Der Dichter ist ganz allein mit seiner Sprache. Hier hat er seine Heimat und seine Freiheit, um den Preis, daß man ihn ebensogut verstehen wie nicht verstehen kann. (...) Aber gerade diese scheinobjektive Dichtung macht darauf aufmerksam, daß der Mensch, in der gesamten modernen Lyrik, auf eine andere Weise da ist, nämlich als kreative Sprache und Phantasie. (...) Auch in der Dichtung wurde der Mensch zum Diktator seiner selbst. (...) Noch nie konnte man voraussagen, wie die Zukunft einer Kunst aussehen würde. Auch bei der modernen Lyrik, die in nicht geringerem Grade als die Malerei und die Musik ihre Möglichkeiten erschöpft zu haben scheint und zuweilen sich selbst zu vernichten droht, wissen wir nicht, wie es weitergeht."
Hugo Friedrich, in:

DIE STRUKTUR DER MODERNEN LYRIK (1956)

"Auf Grund von Kerouacs innerer Non-Stop-Teilnahme an der Gegenwart blitzen und zwitschern diese geistigen Impulse mit einer strahlend hell empfundenen Direktheit, die zwischen der Wahrnehmung und dem Akt der Mitteilung kein Moos ansetzen läßt. Fast zehn Jahre bevor die freche Unmittelbarkeit der Pop Art uns die ungeschlachte Umgebung sehen ließ, in der wir tatsächlich leben (...) Es würde mich nicht im mindesten erstaunen, wenn sein unkriegerisch tapferer Drauflosstil einmal als authentischste Chronik unserer verrückten neo-adoleszenten Ära gelten wird, indem er in gleichem Maß Würdigung findet, wie die Zeit seine scheinbaren Exzentrizitäten annehmbar macht, die der in Reklameliteratur befangenen breiten Masse jetzt noch unverdaulich sind."
Seymour Krim, im Vorwort von:

ENGEL, KIF UND NEUE LÄNDER (Jack Kerouac, 1961)


"Was wird zu den Aufgaben, den Notwendigkeiten des Liebesgedichts heutzutage gehören? Zu allererst wohl, daß es auf die Suche nach dem Liebenden von heute gehe! Aber dieser Liebende entzieht sich. Er entzieht sich gerade dadurch, daß er sich in Öffentlichkeit flüchtet. Dadurch wird das Private maskiert. (...) Diese 'entzückte', parabolische Form ist nahezu nie mehr in diesen Jahren gelungen, weil sie - in einem tiefen Sinne - nicht mehr zur Sprache gebracht werden kann, weil das Vermögen zu einer Sublimierung, die hierbei offenkundig wird, geschwunden ist, weil nicht 'Erhöhung', 'Entrückung', sondern Entfernung, Sprachlosigkeit, auch Unwille an jeglicher Äußerung der Individualität im Gedicht Ausdruck für das sind, was aus diesem Gedicht und mit denen, die es schreiben, geworden ist. (...) Bei jüngeren Autoren tritt ein derartiger Zustand nicht mehr ein. Sie bringen, wenn sie Gedichte schreiben, die man stets mit Vorbehalt Liebesgedichte nennen sollte, weil sie frühere Vorstellungen vom Liebesgedicht als Genre nicht mehr zulassen, die Schwierigkeit des Versuchs überhaupt mit; sie ist dem Gedicht anzumerken. (...) Das Gedicht weiß, wie sehr menschliche Beziehung lenkbar und überlagerbar ist, eingekreist von alter Herkunft wie von organisierter 'Gegenwart', die sogar noch Liebesbeziehung in ihre Planung einbezieht. (...) Die Zurücknahme jeder Direktheit - aus Unsicherheit, Geduld, Resignation, aus Beunruhigung entstanden - gibt Aussprachemöglichkeiten, die auf direktem Wege unerträglich geworden sind. (...) Es liegt auf der Hand, daß bei Vertretern einer das Gegenständliche und Thematische abstrahierenden Lyrik für das Liebesgedicht kein Raum ist. Der Stroff hat sich so weit aus diesen Texten zurückgezogen, daß stoffliche Wahrnehmungen bestenfalls auf ein Minimum reduziert erscheinen. (...) Der einstigen Ich-Du-Beziehung wird jedenfalls auf diese Weise ausgewichen. Sie sinkt zu einer schattenhaften Konstellation ab, bekommt etwas unmerklich Gespenstisches, Entferntes, Undeutliches, Wunderliches, nicht ganz Geheures. (...) Das übersensibilisierte Wort verfällt einer Schwäche, die in Agonie übergehen kann. In der Liebeslyrik bewegt sich die Grenze zum Schweigen, zum Verstummen hin in anderer Richtung. Sie hat mehr mit Diskretion, mit Distanz mittels Diskretion als mit der eigentlichen Aufhebung der Wortexistenz mittels Buchstabenzerfall zu tun, wie das bei der konkreten Poesie unserer Tage [1961] oft genug zu beobachten ist. (...) Individualität, lyrisches Ich oder wie wir es bezeichnen wollen, wird gerade im Liebesgedicht als letztes ausgerottet sein. Das macht es schließlich für manche zum Monstrum. Aber manchen gilt es gerade deshalb als Inbegriff dessen, was allem rapiden Gestaltwandel zum Trotz, ihrer Hoffnung Nahrung gibt, daß das Gedicht auch weiter überlebe."
 

 

Karl Krolow, in: ASPEKTE ZEITGENÖSSISCHER DEUTSCHER LYRIK,

aus der 3.Vorlesung als Gastdozent für Poetik

an der Universität Frankfurt im Wintersemester 1960/61:

"DIE BESCHAFFENHEIT DES MODERNEN LIEBESGEDICHTS"

Weitere Hörbeispiele:

www.DirekteDichtung.de

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