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 Verwendungszweck: NAHBELLPREIS

 

"Man wünscht sich mehr Dichterinnen ..., die die mutlose und glattgebügelte deutsche Gegenwartsliteratur aufmischen. Weniger Gefälliges, mehr Radikales. Mehr Echtes."

Gerrit Wustmann: Kein Bock auf Literaturagenten,

in: der Freitag, Ausgabe 34/2017

 

19.Nahbellpreis VERDOPPELT STATT VERSCHOBEN: 2 österreichische Preisträgerinnen 2018

SOPHIE REYER & TANJA PLAY NERD

Zu den beiden Nahbellpreis-Interviews mit den Autorinnen:

Sophie Reyer (*1984) & Tanja "Lulu" Play Nerd (*1982)

Sophie Reyer, geb. 20.12.1984  //  Tanja "Lulu" Play Nerd, geb. 3.2.1982

 

Zitate aus dem 19.Nahbell-Interview mit TANJA "LULU" PLAY NERD (*1982)"Renaissance der engagierten Emotionalität gegen die neue Generation Overchill"

  

... Nun bist Du im Gegensatz zu Deiner etablierten Mitgewinnerin Sophie Reyer mit ihren unzähligen Publikationen noch eine Newcomerin im Bereich "seriöse Lyrik", aber trotzdem keine echte Nachwuchsautorin, obwohl Du noch immer recht jung bist; denn Du warst bereits vor Deinem diesjährigen Debutband "LEB JETZT" eine nicht unbekannte Slamdichterin im deutsch-sprachigen Raum ...

 

TPN: es ist mir egal, dass meine ehmaligen slamfans davon kaum notiz nehmen - sie würden die texte doch eh nicht interessieren: humorlose weltanalyse mit zu romantischer sehnsucht nach einflussnahme aufs gesellschaftliche geschehen! ich denke, die würden mich jetzt irgendwie peinlich und langweilig finden.

 

TPN: im grunde ist doch die poesie heutzutage genauso ein megapestizidvergifteter supermarkt wie die politik: alles ist völlig tabulos erlaubt, aber nichts hat eine auswirkung auf wirklich schreckliche weltprobleme! mag sein, daß auch ich zu obszöner comedy neige, das kam eben immer am besten an, aber mir liegt wesentlich mehr an dem, was du "ehrlich emotional" nennst: eine gewisse literarische renaissance der engagierten emotionalität, ohne sentimental oder fanatisch zu werden, sondern auf einem seismografischen seelischen level "berührt", wie du es in deiner netten rezension auf amazon über meinen gedichtband LEB JETZT schon geschrieben hast.

 

TPN: ich könnte den ganzen tag schreien, wenn ich mir all diesen weltwahnsinn nicht ab und zu von der niere schreiben täte! und wenn ich nur mit einem einzigen kleinen gedicht irgendwo jemanden retten oder ein arschloch therapieren könnte, ich wäre die glücklichste schriftstellerin auf der welt!

  

TPN: also ich denke auf jeden fall, daß sich die allerjüngste "generation overchill" durch die handy-ära entwickelt hat: alles wird über den minimonitor kommuniziert und konsumiert, und das perverse daran: selbst die spiritualität wird über apps konsumiert! yogaapp, meditationsapp, spiritualbookapp: alles kommt dir digital ins haus, niemand braucht dafür in echt mehr raus! auch politik lässt sich per mausklick erledigen: petitionen werden per touchscreen signiert. touchscreen against torture!

 

TPN: ich brauche den abstand zur zivilisation, um sie dadurch umso gestochener vor dem inneren auge zu analysieren und "anzugreifen". ob sich da gaga und gong so vereinen, daß es auch slamtauglich wäre, müsste ich erstmal testen. aber prinzipiell sind die gedichte doch eher zum lesen für sich alleine gedacht. als säße der leser auch an einem verwunschenen paradiesstrand und schaute hoch in den himmel auf einen nahenden planeten wie in lars von triers melancholia...

 

TPN: als reporterin empfinde ich mich nun nicht grad, das wäre genau die veraltete engagierte politlyrik, die morgen schon hinfällig ist, wenn das thema vom tisch ist, weil sich kein geld mehr damit machen lässt. andy warhols kritik an der 5-minuten-ruhm-gesellschaft greift leider auch bei all den dramatischen szenarios, die uns die medien ins haus liefern: kein arsch interessiert sich für opfer, wenn das spektakel vorbei ist! das eigentliche leiden beginnt im alleingelassen werden mit den schmerzen und langfristigen narben. (...) die revolution wird auch aus diesem grunde nicht nur vom fernsehen nicht übertragen (wie gil scott-heron es sang) geschweige denn gemacht, sondern die revolution ist prinzipiell etwas anderes, als das, was konsumiert und kommuniziert wird: revolution geschieht erst im handwerklichen prozess hinter den kulissen.

 

TPN: auch das liebesgedichte-hinundher mit ivan goll ist tief und poetisch und nicht kitschig trotz der bemüht wirkenden metaphern, aber für heutige zeiten ist dieses drumherumreden ein wenig zu blumig, allerdings keineswegs "hermetisch", wie so manche bieder-blümerante gemüsedichtung, und liest sich daher noch immer viel progressiver als das zeitgenössische preisträgerzeug der altbackenen "generation von jetzt". ich bin mittlerweile defnitiv großer fan von safiye can und melamar, die beide sehr starke emotionale und engagierte lyrikerinnen sind. lütfiye güzel finde ich auch hochspannend, aber ich kenne sie erst durch deinen poesiesalon und den artikel von gerrit wustmann über die fehlende frauenpower in der szene.

   

TPN: wenn geld da ist, fängt der mensch ja erst an, frei zu denken, ohne den ökonomischen druck, diese unmenschliche belastung, die uns von allen regierungen auf der welt angetan wird, die auf unsere kosten gut leben, aber uns totarbeiten lassen. ich könnte gar nicht genug geld haben, um damit soziale projekte zu unterstützen und selber voll durchzustarten! es ist doch zum kotzen, wie viel geld überall in den falschen händen gebündelt wird, ohne die welt zu... retten oder zumindest zu heilen! (...) so viel sehnsucht und so viele utopien, so viele gescheiterte menschheitsentwürfe nach so vielen jahrtausenden zivilisationsgeschichte und so viele vollkoffer, die sich präsidenten nennen, aber nur elitäre narzistische abzocker sind - kein geld der welt wird diesen virus der dummheit, der totalen verblödung auf der obersten etage ausmerzen (außer vielleicht eine architektonisch erweiterte merzkunst, die einfach an den idioten vorbeibaut?), die präsidenten wachsen immer wieder nach, weil ihre konzerne auch weitermachen...

 

TPN: dieses gefühl der totalen freiheit, zu sagen, was immer du willst, dieser größenwahn, diese macht über das publikum zu haben, das seinerseits kein mikro hat wie in einem echten hiphopper battle, sondern das meinen text erstmal ertragen muss, und nur durch das klatschen oder buhrufen am ende beeinflussen kann, ob der gladiator getötet oder geehrt wird. den text selber konnten sie nicht verhindern, der text war das heilige, göttliche, das als gigantische schallwelle in ihren ohren ankommt.

 

TPN: diese droge "text" war eine selbst verabreichte überdosis an wörtern, die mich nach einem slam noch im traum verfolgten. das war auch der einzige grund, warum ich dann irgendwann anfing, die texte im nachhinein aufzuschreiben: ich musste sie wie einen fluch magisch bannen, um sie aus meinem kopf wieder rauszutreiben, aber ich konnte gar nicht so viel schreiben, wie ich performte. ich war keine literatin, ich war nur live wirklich gut. darum hab ich auch keinen der slamtexte jemals veröffentlicht. das war keine literatur, sondern nur eine eventös akademisch aufgeblähte echtzeitdroge für das partyvolk. klar, daß dann irgendwann dieser ekel begann, und ich das ganze format "slam" nur noch widerlich fand: alle saufen und kiffen, vor und auch hinter der bühne, es geht überhaupt nicht um inhalte, es geht nur um ficken, fame und fun!

 

TPN: mir ist daran gelegen, die welt nicht noch mehr zuzumüllen. ließe sich die erde vom weltall aus so betrachten, daß nicht nur das elektrische licht überall auf der nächtlichen halbkugel sichtbar wäre, sondern noch zusätzlich die werbetafeln mit ihren hohlen verkaufsschlagern und alles, wo sprache zu plakativen zwecken missbraucht wird: der planet würde grell leuchten vor lauter wortmüll!

 

TPN: den neuen feminismus, den du in deiner amazon rezension andeutest, mag es schon geben, aber bestimmt nicht aus solchen frauen bestehend, die nur alte männer nachahmen, denen wir das apokalyptische desaster aus monokultur à la soylent green (scifi-klassiker) und mikroplastik verdanken. wir brauchen aber auch keine weiteren neuen männer (wie es ina deter in meinem geburtsjahr vor bald vierzig jahren sang), die ihre sixpacks und nutrition smoothies auf instagram so irre irreversibel hirnlos zur schau stellen wie die fitnessbräute ihre falschen fingernägel, blowjoblippen, blowtoxfrisuren und faltenfreien zombie-botoxgesichter wie im film brazil (von terry gilliam, monty python). wenn überhaupt, dann brauchen wir ideologiefreie neue MENSCHEN, die sich nicht mehr über ihr gender klassifizieren, sondern über restlos innere werte wie liebe, wohlwollen, empathie, urvertrauen, neugier, interesse, offenheit, fürsorge, ehrlichkeit und aufrichtigkeit im umgang miteinander. weil wir menschen sind. eine große familie. wir sind alle verwandt miteinander.

  

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Zitate aus dem 19.Nahbellpreis-Interview mit SOPHIE REYER (*1984): "Dem Klang im Inneren einer Momentaufnahme unserer Gesellschaft lauschen"

 

... Nun bist Du im Gegensatz zu Deiner Mitgewinnerin Tanja Play Nerd keine Newcomerin oder Jungautorin, sondern im Gegenteil: Sophie Reyer ist quasi schon eine feste Instanz in der Szene mit einem beachtlichen Oeuvre und zahlreichen Publikationen und öffentlichen Projekten, obwohl Du noch immer recht jung bist. Zuletzt warst Du grad erst vor kurzem zu Gast im LCB ...

  

SR: Alle Neuerungen und Umbrüche finde ich grundsätzlich spannend. Dazu gehören für mich natürlich auch sämtliche Strömungen des Dadaismus, Surrealismus und Expressionismus, wobei ich diese auch immer wieder in meinen Poetik- Vorlesungen auf der Schreibpädagogik Wien präsentiert habe. Einer meiner besonderen Lieblingskomponisten dieser Zeit ist der wunderbare John Cage. Doch auch Hans Arps Werk hat mich immer wieder inspiriert. Ausgerechnet sein Gedicht "Sophie" kenne ich allerdings zugegebener Maßen nicht. Tatsächlich ist es so, dass ich es fast schon als poetologisches Programm beschreibe, von kleinen, alltäglichen Sätzen zu sprechen.

 

SR: Ich denke, dass man als Künstler dem Inneren lauschen muss - sonst schafft man nur Arbeiten, die formal angelegt sind, jedoch keinen Inhalt oder Gehalt aufweisen. Ich habe schon als Kind zugehört: dem Rauschen der Birken hinterm Haus, der Bewegung des Schilfs, dem Quaken der Frösche und dem Rauschen der Autobahnen, den Gutenachtgeschichten meines Vaters und so fort - und das Innere schwingt da von jeher mit, es ist in allen Dingen, man muss nur lauschen und sich Zeit nehmen.

 

SR: ich habe mich sozusagen von der toughen Kleinen über eine romantische Träumerin bis hin zur experimentellen Lyrikerin entwickelt, und irgendwann hab ich dann alle möglichen Stile ausprobiert und eher formal gearbeitet...

 

SR: Jedenfalls gibt es in Österreich mehr Möglichkeiten, an Förderungen zu gelangen, als in Deutschland, das ist das Einzige, was ich über Literaturpreise mit Sicherheit sagen kann...

 

SR: Für mich ist experimentelle Literatur eine, die sich einerseits auf die Traditionen der Moderne und Postmoderne beruft, und andererseits versucht, Neuland zu entdecken. Ich sehe mich in gewisser Weise schon auch als Soundpoetin; denn Henri Chopin war ein wichtiger Lehrer für mich - nur hole ich, im Sinne der Post-Postmoderne, das Spiel mit Bedeutung und Inhalt wieder hinein...

 

VERDOPPELT STATT VERSCHOBEN

G&GN-INSTITUT, Düsseldorf im Mai 2018 / Traditionell am 21.6. wird der neue Nahbellpreisträger bekannt gegeben und das Email-Interview mit ihm veröffentlicht, das in den letzten Monaten geführt wurde. Nur so viel sei diesmal schon vorab verraten: Während der Nobelpreis für Literatur dieses Jahr ausfällt (allerdings nur verschoben wurde), wird der diesjährige 19.Nahbellpreis erstmals VERDOPPELT und geht an zwei junge österreichische Dichterinnen, von denen die eine als Newcomerin und Nachwuchsautorin der Lyrikszene gelten kann, obwohl sie bereits früher literarisch "auffällig" war. Die andere ist eine etablierte Instanz in der Szene und hat bereits zahlreiche Publikationen und öffentliche Projekte aufzuweisen! Von Karl-Johannes Vogt (verstarb 2013 mit 93) über Hadayatullah Hübsch (verstarb 2011 mit fast 65) und Jonas Gawinski (zum Zeitpunkt der Preisverleihung noch unter 20) bis zu den kommenden Preisträgerinnen klafft ein großer Altersunterschied; denn der Nahbellpreis war immer schon generationenübergreifend: Als "alternativer Lyrik-nobelpreis" richtet er sich erstmals seit dem Jahre 2000 an deutschsprachige Lyriker(INNEN!), die sich selbst oder Kollegen vorschlagen dürfen. Laut Urkunde ist die "Unbestechlichkeit im lebenslänglichen Gesamtwerkprozess" für die Vergabe entscheidend, ein Kriterium, das sich nur selten im Anfangsstadium eines Künstlers abschätzen lässt. Mit 10 Millionen Euro ist der Nahbellpreis der weltweit höchstdotierte Literaturpreis - leider fehlen bis heute geeignete Sponsoren, so dass sich alle bisherigen Preisträger derzeit mit einer symbolischen Ehrung und der Internet-Präsentation begnügen müssen. Mit der Höhe des Preisgeldes soll darauf aufmerksam gemacht werden, wie wertvoll ein Dichterleben eigentlich ist, wenn es wie jeder andere Beruf als tagtägliche Arbeit verrichtet wird. Gesellschaftlich engagierte Literaten, die mit ihren bibliophilen Kleinstauflagen und idealistischen Projekten oft selbstlos und selbstausbeuterisch zum kulturellen Mehrwert einer ansonsten immer weiter ENTPOETISIERTEN GESELLSCHAFT beitragen, brauchen eine viel souveränere Unterstützung als das herkömmliche profilneurotische Preissystem der etablierten konservativen Literaturszene, die nicht das stilistisch authentische Engagement kritischer, progressiver, visionärer Stimmen belohnt, sondern sich lediglich höchstselbst mit viel Gemüsedekoration inszeniert. Die hohe Summe des Nahbellpreises soll nicht nur garantieren, dass der Preisträger lebenslänglich ohne ökonomischen Druck auf höchstem Niveau und mit ungebremster Konzentration zum Wohle des kulturellen Fortschritts kreativ sein kann, sondern dass er sogar seinerseits selbst Geld an weitere Projekte ausschütten kann, die er für förderungswürdig erachtet. Die freie, nicht institutionell gebundene Poetisierung des Alltags soll dadurch entgegen des allgemeinen Trends zur antipoetischen und entpolitisierten Beauty-, Serien- und Fitnesskultur angekurbelt werden, um der apokalyptischen Stagnation des ankonditionierten Konformismus entgegenzuwirken. Die Nahbellpreis-trägerinnen machen einem Mut, sich das kreative, wilde, spontane Denken nicht von einer alltagsnarkotisierten Routinewelt aus poesielos trivialen Kollektivritualen verbieten zu lassen. Freie Poesie repräsentiert die notwendige Fähigkeit eines Menschen, sich selbst und die Umwelt RADIKAL OFFEN wahrzunehmen, um den Zivilisationsprozess reflektiert heilsam voranzutreiben und anzuregen. Um das Überleben der Menschheit zu sichern, benötigt es nicht nur Produktionsstätten und Pestizidgesetze, sondern vorallem zunächst einmal dekonditionierte Freigeister, die sich den Weltproblemen und den letzten Fragen des Lebens überhaupt widmen. Poesie ist vergleichbar mit wissenschaftlichen Studien: Poesie ist DAS Medium schlechthin, mithilfe dessen Psychologie, Religion, Politik und Alltag zusammengedacht wird!

Alle Buchpublikationen seit 2014 hrsg. vom G&GN im BoD-Verlag bei Amazon UND DEINEM BUCHHÄNDLER UM DIE ECKE erhältlich: popliteratur.de

Weitere Hörbeispiele:

www.NEUROLYRIK.de

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Als Gastautor der LDL (Liga der Leeren) mit Essays über spirituelle Demenz und die sog. SPIRI-PSYCHOSE

G&GN-INSTITUT - Das

Institut für Ganz & GarNix

seit 16.2.2011 zu Gast bei:

Als ausgebildete ZUSÄTZLICHE BETREUUNGSKRAFT nach §53c SGB XI finden Sie mich auf der Seite BETREUUNGSALLTAG.de: