16.NAHBELLPREISTRÄGER 2015:

~ JONAS GAWINSKI ~

INTERVIEW: "SEXUELL, POLITISCH UND KULTURELL DURCHTRÄNKT"

"wo sind die natürlichen quellen? / die absoluten metaphern? / aus denen wir flüssiges gold schöpfen / um die ameisen zu übergießen / die aus deinem mund laufen / (...) / keiner stellt die richtigen fragen / alle glauben alle antworten zu haben / ohne zu wissen das sie mit einem / unsichtbaren spiegel durch die welt rennen / (...) / ich akzeptiere keine gedichte die keine / echten menschen mit echten gefühlen / und klaren gefühlen erreichen ich bin / ein solches gedicht"
Jonas Gawinski, in: Eingesandt (Lyrikzeitungsticker Nr.84, 18.3.2014)


1.NAHBELLFRAGE (14.1.2014):
hallo jonas, du erhälst dieses jahr als bislang jüngster kandidat den nahbellpreis. deine lyrik-produktion ist enorm, kaum ein tag vergeht ohne eine poetische nachricht aus deinem surrealen bilderkosmos. darf man überhaupt die kategorie "surreal" für deine texte verwenden, oder wo siedelst du dich selber literaturhistorisch und theoretisch an? hast du eventuell vorbilder oder spürst eine art seelenverwandtschaft mit anderen dichtern?

1.NAHBELLANTWORT (15.1.2015):
Vorab möchte ich an dieser Stelle mein Ehrgefühl ausdrücken. Ich schätze sowohl Preis als auch bisherige Preisträger sehr, wie Thomas Kunst etwa oder Angelika Janz. Ich mag das Wort "surreal" nicht. Es legt sich, durch Konnotation mit Rimbaud beispielsweise, allzu sehr fest auf ein poetologisches Programm, eine Zeit. Ich bin zur Zeit irgendwo im Orbit und suche das Loch im Raumanzug. Meine Gedichte sind Ärzte, die Welt ist ein Krankenhaus, wir sind alle Patienten. Weißt du, Tom, ich bin damals gemeinsam mit Jack Frost vom Zehner gesprungen und habe mit Nick Born ein paar kalte Bier gezischt, vielleicht ist es das, was du "Seelenverwandtschaft" nennst..

2.NAHBELLFRAGE (15.1.2015):
liegt da der anfang deiner dichterei begründet? wie und wann ging es bei dir los mit dem schreiben? kannst du uns ein kurzes gedicht aus deinen anfängen zitieren, das für dich heute noch gültigkeit hat?

2.NAHBELLANTWORT (15.1.2015):
Der Anfang? Ich denke Wörter haben keinen Anfang und kein Ende, wenn sie zueinanderfinden. Ich hoffe, ich habe nie aufgehört ein Gedicht zu werden in den drei Jahren, die ich jetzt schreibe. Tut mir leid, Tom, nichtmal das Gedicht von vor einer Woche hat noch irgendeinen Wert für mich..."the only poems for me, are the mad ones...."

3.NAHBELLFRAGE (20.1.2015):
kannst du uns trotzdem ein gedicht von dir zitieren, daß dem leser einen guten ersten eindruck von deinem stil und deinen themen vermittelt?

3.NAHBELLANTWORT (20.1.2015):

Liebesgedicht—

Wo bist du jetzt, was tust du?
Es hat die Entstehung sieben toter Wälder gedauert
Dich zu vergessen—

Aber am achten Tag, dem Tag nach der Ruhe, fand ich mich
In deinen Augen wieder. Ich warf mein gestanztes
Wintergedächtnis, wie 5 Rappen in den Abfluss,

Bern, die Ruhe, im Auge des Sturms,
die Felder weinen ihren nassen Glanz in den Himmel,
in dem jetzt du bist.

Sitzt auf einer Wolkenbank, zündest die Berührungen an,
Kompositionen in Keilschrift,
wie Zigaretten, die niemand raucht—

1.11.2013, irgendwo in Eden

4.NAHBELLFRAGE (20.1.2015):
gerade bei einem liebesgedicht fällt mir etwas ganz anderes ein: in den letzten jahren wird ja in der szene viel darüber diskutiert, ob lyrik (wieder) politisch sein sollte bzw ob sie das überhaupt sein kann. verfolgst du solche debatten und was ist deine meinung dazu? hast du explizit politische gedichte?

4.NAHBELLANTWORT (20.1.2015):
ich denke, dass es zur zeit keine ernstzunehmenden politischen poeme gibt, die polarisieren, massen zu bewegen, um pluralistisch eine symbiose einzugehen. ich denke es liegt vor allem ein problem der mangelnden vermarktung vor. als dichter, sei es als politisch konnotierter oder tatsächlich versucht politischer ...ähm.....ja (hier bitte ein leichtes lächeln meinerseits einfügen), dichter, lyriker, was auch immer, sollte man doch genug mut besitzen das eigene versagen anzuerkennen, wenn man die dichtung mit poetry slams etwa vergleicht oder populärer musik, das spektrum der genres sei mal dahingestellt, muss man doch zu der einsicht gelangen, das ein versagen, eine krise hinsichtlich der archetypen, die in den 60ern noch ganze massen polarisierten, aber dort sehe ich jedenfalls, Tom, eine ernstzunehmende verfremdung der dichtung, dort ist nichts existenzielles, nur akademische Namenszwillinge, die sich gegenseitig mit dem Sektglas in der Hand zu 4000 Euro gratulieren-- "This machine kills facists."--- meine michtung, tom, ist natürlich politisch, wie jede andere art von dichtung, marktbewusst oder nicht, politisch geprägt ist. und diese prägung, denke ich, strahlen einige meiner gedichte sicherlich aus. aber ich würde nicht sagen, dass meine wörter explizit gedichte sind oder sein sollen. Vielleicht sind es nur Werkzeuge, mehr nicht. Aber ich denke durchaus, dass man mehr erreichen könnte..... "But even the president of the United States, sometimes has to stand naked"--- Aber dennoch Tom, wenn ich ehrlich bin, beschäftige ich mich nicht mit Politik, Der Wettermann kann mir auch nur seine Prognosen an den Kopf schmeißen. Ich küsse mit meinen Gedichten, sozusagen den Wind.

5.NAHBELLFRAGE (21.1.2015):
du küsst den wind, aber welche muse küsst dich? kannst du beschreiben, woher die inspiration bei dir kommt? sind es konkrete äußere auslöser oder überfällt dich das dichten aus unergründlichen inneren tiefen? kontrollierst du den schreibfluss (zeit der niederschrift, thema, umfang)? oder bist du dem ganzen quasi ausgeliefert?

5.NAHBELLANTWORT (21.1.2015):
Es ist vor Allem die geheimnissvolle S., die große Liebe, eine Leidenschaft, die mich zum Schreiben verführt, die kleine Audrey als persona non grata in meinen Liedern. So ne Art Hohelieder würde ich fast sagen. Visions of S. Ich versuche gerade (leider vergeblich, vermarktung und zeilenbürokratie), das Liebesgedicht wiederzubeleben, dieses angeschossene Tier, der Dichter heutzutage muss lernen Jäger zu sein. Jedenfalls ist Jack Frost und ein ordentliches Glas 86er Scotch durchaus anregend. Ein anderer Auslöser könnte auch Otto Steinert sein, der bedeutende Deutsche Nachkriegsfotograf. Ich schreibe einige meiner Texte neben Seine Fotos, in großen Bildbänden, nur ein privates dichterisches Interesse, zugegeben, aber es entlockt ungeahnte Geometrien der Unschuld. Nein, Dichtung nistet sich in mir ein und ich in ihr, parasitäre Instanzen, die sich gegenseitig zerstören wollen, doch am Ende sehen sie ein, was bleibt ist die Liebe, nichts als die Liebe- nein, es ist viel eher eine Konklusion beider Optionen: Zum einen bin ich meinem, ich nenne es mal Sprachtrieb, Animus, Jung--, bin ihm jedenfalls haltlos ausgeliefert, wie ein Tier, ein Gedicht, andererseits habe ich jedoch bemerkt, dass es Formatierungen gab, alles ändert sich, jeden Tag, jedes unaushaltbare Gedicht. Ich konkretisiere durchaus meine Ideologeme. Denn Schreiben ist, denke ich, Tom, eine ewige Elegie, oder wie Peter sagt: "Diese unbekannte Liebe zum Schreiben."

6.NAHBELLFRAGE (21.1.2015):
was (und warum) ist ein "unaushaltbares" gedicht? kannst du das bitte vertiefend erklären?

6.NAHBELLANTWORT (25.1.2015):
so ein Text muss entstehen, er darf nicht. Er treibt einen in den Wahnsinn, das ist ein verdammt scharfschneidiger Werdungsprozess, der alltäglichen Problemen ausgesetzt ist, zum Beispiel, wie viele Pfandflaschen ich zusammensuchen muss um mir Allen Ginsbergs Gesammelte Gedichte kaufen zu können. Oder um mir die neue CD von Wagner zu kaufen, irgendwelche unbedeutenden Variationen. Keiner würde Wagner hören, seine Tage sind gezählt. Ein scharfschneidiger Existenzialismus. Man lebt einfach dahin, wir werden von der Zeit festgehalten wie Statistiken, ich singe für eine verlorene Generation, die an der Starrsinnigkeit der zeitgemäßen ---Lyrik--- leidet, ich singe für die Hartz4Kinder, die wie ich ein Dichter sein könnten, ich singe, sie sprechen zu lehren-- jedenfalls, Tom, denke ich, dass ich demnach als Autor ein unaushaltbares Gedicht bin, ich werde gelesen und vergessen und am Ende jeden Tages bleibt nur noch das Vergessen und die Liebe, wie am Ende jeder Zeile. Die auszehrende Leidenschaft, das Liebesgedicht, beide sind irgendwo in mir, wie Totgeburten.

7.NAHBELLFRAGE (28.1.2015):
A) das klingt, als würdest du sehr in der gegenwart und für die gegenwart leben und dichten, für den totalen augenblick, der dich antreibt? B) andererseits wirkt es, als seist du dem poetischen prozess quasi ausgeliefert, immer knapp auf der kippe zum durchdrehen? hat das nicht doch etwas zu tun mit dem surrealen der situationisten und der hingabe an den strom des unbewußten? C) du kreierst ja in deiner gedichtsprache unglaubliche bilder, ich staune bei jedem deiner gedichte, als wäre es das erste und einzige, das geschrieben werden müßte, denn die bilder sind so gewaltig, so momumental, und doch auch ziemlich fragil dabei. D) jedes gedicht wirkt irgendwie wie eine grabrede, ein letztes statement, ein kurzes wegreissen des schleiers, bevor sich wieder nebel aufs bewußtsein senkt. von starrsinn ist jedenfalls in deiner lyrik keine spur. empfindest du dich als unzeitgemäß im vergleich zu anderen aktuellen tendenzen? und worauf könnte das ganze hinauslaufen?

7.NAHBELLANTWORT (31.1.2015):
A) Ich dichte nur um nicht zu sterben. Ich dichte, damit wieder gelernt wird zuzuhören. Ich dichte für all die anderen (noch unentdeckten) Gedichte da draußen. Natürlich, die Gegenwart ist alles andere als vielversprechend, Tom. Ich sehe da wenige, denen man zuhören könnte, wenn sie predigen. Wir sind nur Gebete und Gedichte, eine verlorene Generation, der ich eine Stimme geben will, ich werde für sie auf die Straße gehen und singen. Ich habe ne Menge Gebete gelesen, die in der Gegenwart wurzeln. Hab Wagner gehört und die Kompositionen in den Müll geschmissen, in die Regentonnen. Der totale Augenblick, wenn ein Freund in die Endrunde eines bedeutenden Wettbewerbs kommt dann ist das grotesk. Das Groteske, Tom, zieht mich an, das Chaos flüstert mir zu, wenn keiner hinsieht, aber ja. Der totale Augenblick, Liebe und nichts als Liebe, die hinter uns allen liegt, Hartz4Kindern und Millionären, wie ein langer Schatten. Ich schreibe für diesen Augenblick, zu wissen ich bin ein Gedicht, dass lieben kann, nichts als lieben--
B) Ich bin nicht ausgeliefert, eher eingegeschifft, wie eine Seuche, ein Gedicht. Der Wahnsinn ist mein Pathos, im poetischer Impetus, die unzulänglichen Versprechungen irgendelcher Akademiker, das Lächeln der Hartz4Kinder, die meine Gedichte lesen und staunen. Am Anfang war Chaos heißt eines meiner nicht ganz so antiken Gedichten, das ist eine Art Finger den ich hebe, oder mein lyrisches Es und sieht, fühlt, dass sich etwas verändern muss, der Wahnsinn muss endlich ausgetrunken werden, wie das letzte Glas Whisky. Hingabe, ja. Eigentlich kein Kommentar, aber ab und zu mischt sich das lyrische Es ja ein in den Alltag. Du musst Dichter sein, du kannst nicht, ich für meinen bescheidenen Part in diesem Schattenkabinett der "lyrik von heute", muss, ich muss dichten, ich kann nicht. Dichtung und Liebe, mehr gibt es nicht in meiner Welt--
C) du hast schon völlig recht, Tom. Dass jedes meiner Gedichte irgendwie Bestand hat, könnte ich nicht verlangen. Einige, ja. Aber all dieser symbolistische Kram erhält ja nicht seine Aufmerksamkeit, da meine Gedichte eher soetwas wie Rohbauten sind. Ich schreibe, um sterblich zu bleiben. Fragil? Ja, das Staunen, der Anfang, das ist fragil. Das Lächeln der Putzfrau ist fragil, Gebete sind fragil, manchmal muss ich mich selbst fragen, ob ich in meinen "fragilen" Gedichten schwimmen kann oder sinke--
D) Natürlich. Jedes Gedicht ist die Bestattung einer Wolke. Wir alle lernen doch von den großen Bestattern unter den Dichtern. Ich hoffe, dass eines Tages alle Menschen meine bescheidene Rolle als "Bestatter" anerkennen. Oh nein. Auf keinen Fall. Ich bin nicht zeitgemäßer als ein Wagner oder ein Student aus Hildesheim. Alle sind auf ihre Dichtung beschränkt, die angereichert ist vom "Nebel der Zeit". Dennoch, Tom: Ich versuche mit meinen Texten den einfachen Mann von der Straße zu begeistern, ich versuche meine Gedichte in Greenwich Villages zu verwandeln. Letztens kam jemand auf einer Party auf mich zu und meinte: Deine Gedichte sind geil. Ich sehe mich darin, in diesem unterdrückten lyrischen Ich, deine Gedichte sind der Hammer, Mann! Du hast ES, du hast ES! den Typen kannte ich nichtmal. Das meine ich, Tom. Ich bestatte die parasitenverseuchte Frau, Lyra von ihrem Leid. Denn: Es ist nicht auszuhalten, ohne gegen sie zu schreiben. Irgendwie hören mir auch Leute zu, von denen ich es nie erwartet hätte. Hartz4Kinder aus meiner Kindheit, Fremde, die NICHTS mit Büchern, geschweigedenn sogenannten "Gedichten" am Hut haben. Sie wollen Lieder von mir hören, Balladen, ich will sie ihnen geben, mich geben, ein rohes Gedicht.

8.NAHBELLFRAGE (1.2.2015):
aus welchen quellen kennen diese fremden leute deine gedichte genau? hast du vor, eine erste ansammlung bisheriger gedichte in buchform zu veröffentlichen? wieviele gedichte sind es bis jetzt?

8.NAHBELLANTWORT (1.2.2015):
Es gibt sehr viele Leute die sozusagen meinen Namen weiterreichen, wie eine Art Fackel. So verbreitet sich das (beinahe schon parasitär). Außerdem gibt es viele Leute auf meiner Schule in lokalen Zeitungen oder eben auch durch meine zahlreichen Beiträge in Literaturzeitschriften, darunter Sterz, Signaturen, Ausser.dem, Rogue Nation, Lyrikzeitung. Es gibt wirklich viele Leute in meinem Bekanntenkreis, die sich nach mir poetisieren. Aber damit meine ich ihr Leben, die Art zu lächeln, zu staunen. Nicht mit einem Paradoxon, einem elitären Schattenkabinett, mit diesem Slogan 100 % unabhängig. Das ist lächerlich. Das sollte an dieser Stelle mal gesagt sein-- Ich stehe mit vielen Leuten in Kontakt, die meine Lesungen besucht haben und anhaltend poetisch geworden sind. Aber die würden nie Wagner lesen (oder hören), da das null Unterhaltungswert hat. Und wer könnte es ihnen übel nehmen? Ich habe in drei produktiven Jahren um die 600 Gedichte geschrieben. Und ja, ich denke irgendwann kommt man nicht drumherum, um Leute zu begeistern. Man muss sie bekehren um sie zu verraten. Gedichte und Menschen. Ich weiß noch nicht in welchem Ausmaße eine solche Ansammlung meiner Gedichte ausfiele.. vielleicht um die 50 bis 60, vor Allem jüngerer Vergangenheit--

9.NAHBELLFRAGE (3.2.2015):
welches gedicht dürfte in der auswahl für ein buch unter keinen umständen fehlen? kannst du eins zitieren, das du auf jeden fall reinnehmen würdest? eventuell eins, das besonders viel resonanz von lesern bekam?

9.NAHBELLANTWORT (8.2.2015):
das folgende Gedicht bekam einige Resonanz. Von Thomas Kunst über Feridun Zaimoglu bis hin zu Florian Voß schlug es Wellen.

knicklicht

die angst, dass kein ursprung mehr ist
wenn wir den ursprung erfasst haben. statistisch
leben wir dahin. es ist als würdest du
vor die wahl gestellt werden: ein leben als bildhauer
oder ein tod als statur. alle helfen dir
nicht mehr dir selbst zu helfen. sie lernen
von deinen hastigen gehversuchen, von den krampfanfällen
und übertragen alles in ihre tagebücher. sie stellen sich
dumm, wenn es um ihre zeit geht. nichts zu tun haben mit
zeit. deine knochigen finger fassen wieder
mein weiches gesicht. es ist eine merkwürdige stille
in deinem tun. seit du verlernt hast
zu sprechen. viel gibt es nicht mehr, was dich
an dir hält. vielleicht diese art
ein schwarzes wunder in die böen zu weinen. vom meer
laufen die seegeburten
in alle richtungen, nur nicht zurück
auf deine zunge. die schafe liegen tot auf den wiesen.
deine stimme versiegt und nie
werde ich erfahren
was du mir sagen wolltest.

10.NAHBELLFRAGE (11.2.2015):
aber wie liest sich denn solch ein gedicht? muß man da ganz konkret psychophilosophisch rangehen oder ist es eine einzige große metapher? oder gar beides? was würdest du lesern und germanisten empfehlen, die das gedicht interpretieren wollen? wie nähert man sich deiner lyrik am besten? braucht man ein hintergrundwissen, um alles korrekt zu verstehen?

10.NAHBELLANTWORT (28.2.2015):
Entschuldige bitte, ich hatte Vorabiklausuren -.- also: ich weiß gar nicht wie oder ob man an meine gedichte überhaupt >herantreten< kann. sich konkret mit ihnen auseinanderzusetzen hieße ja sie ihrer rohhaftigkeit zu berauben. ich hoffe sehr, dass sie rätsel schaffen, einen mythos generieren, dass sie provozieren, existenziell werden und das auch verlangen. eine einzige metapher? nein, das würde ich so nicht sagen, ich schreibe in erster Linie, weil ich schreiben muss. handke hat mal irgendwas von der >unbekannten liebe< zum schreiben verfasst und ich denke durchaus, dass sich einige gedichte wie blindenschrift lesen, andere aber wie datenströme, mehr nicht. ein konkreter ansatz treibt doch oft einen keil zwischen dichter und publikum. er wird eingeordnet und bewertet und das widerspricht dem eigentlichen sinn meiner gedichte. nein, ich würde ihnen nichts spezielles empfehlen, ich würde ihnen nur gerne sagen, dass sie lernen müssen den Wind zu küssen. Sie werden alles lesen, mit der Zeit, wenn meine Gedichte mich solange am Leben erhalten....

11.NAHBELLFRAGE (2.3.2015):
ich hoffe, du hast die klausuren alle gut überstanden! sortierst du die "datenströme" beim dichten oder ist ein gedicht bei dir ähnlich dem automatischen schreiben der surrealisten ein ungefilterter ausdruck der seele ohne nachträgliche ästhetische korrekturen? wie erarbeitet sich ein gedicht bei dir ganz konkret?

11.NAHBELLANTWORT (24.3.2015):
ein gedicht ist immer sexuell, politisch und kulturell durchtränkt, wenn es geboren wird, es ist eine schwere aufgabe ihm das sprechen beizubringen. ich würde sie nicht seelenausdruck nennen, es sind schatten, die einen das ganze leben lang folgen. auf der flucht verlernt man beständig zu sein, eine literature engagé ist aus meiner sicht daher nicht möglich. man flüchtet sich in einer Variation der Lebenswirklichkeit. Der Dichter ist wie eine Ratte in der Stadt, unwillkommen, unbeachtet, die Krankheitserreger an Kadavern, die Zeilen faulen nur so vor sich hin. Da kann man nichts machen als schreiben, schreiben, schreiben, bis menschen wieder zuhören und sich sammeln, wie insektenschwärme, wenn sie erwachen aus ihren trostlosen kostümen, der surrealist domestiziert die tiere im zirkus, seine silben. ein solcher dichter kann nichts anderes tun, als Tag und Nacht zu schreiben, er läuft heiß, wird alt, vergeht, wie jeder andere. sein echo bleibt unerhört und er gibt sich all dem Selbstmitleid, dem Versagen hin, dass er von diesem kosmos erbt. Es ist die absurdität, das chaos, die angst, die leute aufrütteln soll, ich versuche gedichte aus uns allen zu machen.

12.NAHBELLFRAGE (11.6.2015):
A) Was für Zukunftspläne hast du? Irgendwas studieren, was mit Literatur und speziell Lyrik zu tun hat? B) Oder eher Vermeidung von Institutionen? C) Welche Chancen siehst du für Gedichte in der Gesellschaft? Werden Dichter gebraucht oder zukünftig total überflüssig, weil sie keinen Beitrag leisten, um die großen Weltprobleme zu lösen? D) Wo wird dein Platz in der Gesellschaft sein? E) Hast du eine Vision?

12.NAHBELLANTWORT (16.6.2015):
A) Ich will mich nicht einengen lassen, dennoch muss ich mich einigen gesellschaftlichen Vorstellungen "unterwerfen".. Ich plane in einem Jahr ein Studium der Freien Kunst, was nicht zwangsläufig heißt, dass sich meine unbekannte Liebe für das Wort mindert. Ich möchte vielseitig bleiben, nicht festlegbar auf eine Persönlichkeit, die man dann weite Strecken seines Lebens verabscheut, aber ich muss auch mit dem Schmerz leben als Dichtender.
B) Im Prinzip funktioniert doch herzlich wenig ohne Institutionen, doch man sollte aufpassen an was für Institutionen man gerät. Ich denke jegliche Korruption ist abzulehnen, jedes scheinheilige Schattenkabinett, jeder gezinkte Würfel.
C) Gedichte in der Gesellschaft, sind das nicht alle Menschen und müssen es fortwährend bleiben? Sie müssen sich selbst erhalten durch andere. Dennoch sind da draußen größtenteils Menschen die keine Ahnung haben von zeitgenössischer Lyrik. Es schreiben so viele wie selten zuvor, doch die Menschen sind anderes gewöhnt, Werbung an jeder Straßenecke, die dimensionssprengende Überreizung. Da wirken Gedichte altmodisch, überholt, Poetry Slams sind angesagt, in Deutschland wie sonst nirgends. Doch was den Kern eines Zeitgeistes angeht kann man so eine Anhäufung nicht als bedeutsam erachten. Da ist kein Pablo Neruda in Deutschland, da ist nichts Existenzielles, dabei ist diese Zeit so existenziell wie sie nurn sein kann und daraus erwächst doch die dringende Notwendigkeit dieses Distinktionsbedürfnis der Menschen zu stillen indem man sich der Zeit anpasst und sich dementsprechend vermarktet. Wo sind denn all die totalen Dichter hin, die noch seriösen politischen Schreiber?
D) Ich bin nur einer von vielen, in dieser morschen Arche.
E) Ich glaube nicht an die Utopie eines absoluten Dichterstaates, aber ich hoffe zumindest dass die Menschen eines Tages etwas mehr aus sich machen als diese parasitären Nichtse die sie jetzt sind. Ich hoffe für sie, dass sie lernen und sich als Staubkörner zu begreifen, nicht mehr.

Weitere Hörbeispiele:

www.DirekteDichtung.de

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