18.Nahbellpreis 2017: A.J. Weigoni

"Ein 'Dichterfürst' ist er sicher nicht. Peter Maiwald sagte einst: >>A.J. Weigoni gehört zu den meistunterschätzten Lyrikern.<< Seither hat sich wenig geändert." Matthias Hagedorn (Edition Das Labor, 11.6.2017 (FB-Kommentar)

 

"Es gab ein kleines gallisches Dorf: Bottrop. Das analoge Internet ging von dort per Schneckenpost in die Vernetzung, seine Name: Ulcus Molle Info. Es wurde herausgegeben von Biby Wintjes. Dieser Aktivist initiierte seit 1969 ein Nonkonformistisches Literarisches Informationszentrum. Wintjes fungierte als Versand- und Vertriebsstelle für Zeitschriften und Bücher aus der Gegenkultur." A.J. Weigoni, im Nahbell-Interview 2017

 

Das Nahbell-Interview 2017 mit A.J. Weigoni

"Auszeichnungen und Preise ähneln Billy Wilder zufolge Hämorrhoiden, früher oder später bekommt sie jedes Arschloch. Und meist sind es die Jurys, die sich für ihren Geschmack auszeichnen. Der sogenannte Nahbellpreis ist ein Kofferwort, das die Begriffe Nähe, Gebell und Nabel mit sich trägt. Er würdigt Lebenswerke und öffentliches Engagement von Poeten, die ansonsten in Vergessenheit zu geraten drohen oder im laufenden Literaturbetrieb zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Gemäß dem Urkundentext sind lebenslängliche Unbestechlichkeit sowie stilistische Zeitgeistresistenz ausschlaggebend, um Interesse zu wecken."

Matthias Hagedorn, Mülheim a.d. Ruhr, 21.6.2017


DER LANGE ATEM:

WEIGONIS "VORLASS"-(WIEDER)BEAT(MUNG)

 

1.NAHBELLFRAGE

 

lieber weigoni, du bist genau ein jahrzehnt vor mir geboren und warst dementsprechend schon in den frühen 80ern (oder sogar ende der 70er?) literarisch aktiv, als ich noch die schulbank drückte. A) wie hast du die deutschsprachige lyrikszene damals empfunden? B) hattest du publikum? C) einen verlag? D) haben die medien über deine auftritte berichtet? E) und wie fing alles bei dir eigentlich an?

 

1.NAHBELLANTWORT

 

A) Hermetisch. Regiert von alten weissen Männern, selbstverständlich allesamt aufrechte Antifaschisten. Es war in den 1970-er Jahren eine geschlossene Gesellschaft, die niemand neuen hereinlassen wollte. Der VS (Verband Deutscher Schriftsteller - von Schriftstellerinnen und deutschsprachigen refugees keine Spur -) war in der Gewerkschaft IG Druck und Papier organisiert. Papier hatten diese Schriftsteller genug, ob sie nachhaltig Druck entwickelten wage ich zu bezweifeln. Nebenbei, gegen wen sollten diese Schriftsteller auch streiken?

 

B) In einem Klima der repressiven Toleranz entwickelte sich erst allmählich eine Gegenöffentlichkeit die sich als Alternative bezeichnete. Lesungen fanden beispielsweise in den neuen "Jugendhäusern" oder den "Teestuben" der evangelischen Gemeinden statt. Dies war die Zeit der so genannten Neuen Innerlichkeit, nicht die Lyrik, die ich präferierte. Die Frage nach Echtheit in dieser Form von Subjektivität erwies sich als Scheinproblem, das sich in ein berechtigtes Nichts auflöste, als der Punk nach Glaubwürdigkeit fragte. Ich bevorzugte die Free-Jazz-Szene in Wuppertal und die Performer in der Düsseldorfer Kunstakademie, oder dem Ratinger Hof, unvergessen die Konzerte von Pere Ubu und Wire. Im Lauf dieser Auseinandersetzung fragte ich mich: Warum gibt es eigentlich keinen erweiterten Literaturbegriff?

 

C) In den ersten Jahren habe ich für die Schublade geschrieben. Gemeinsam mit anderen Kollegen haben wir in den 1970-ern Jahre eine Wachsmatrizenkultur betrieben, um lyrische Faltblätter zu vervielfältigen, weil das fotokopieren damals zu teuer war. Fasziniert war ich bei einem Trip nach London von der DIY-Kultur und den ersten Punk-Fanzines. Meine erste eigene "Publikation" entstand auf Vermittlung eines Kollegen an einen Drucker der alten Schule. Bei diesem Schriftsetzer durfte ich im Satzkasten nach Bleilettern suchen und sie zeilenweise anordnen. Nachdem das Gedicht gesetzt war, habe ich den ersten Druck von der Presse abgezogen. Meine erste Veröffentlichung, ein Gedicht, Bleisatz auf Bütten in limitierter Auflage. Kann man besser für ein Künstlerleben geprägt werden?

 

D) Die Medien waren damals fest in konservativer Hand. Wir hatten keine Chance gegen den rheinischen Katholizismus - und dennoch nutzten wir sie. - Es gab ein kleines gallisches Dorf: Bottrop. Das analoge Internet ging von dort per Schneckenpost in die Vernetzung, seine Name: Ulcus Molle Info. Es wurde herausgegeben von Biby Wintjes. Dieser Aktivist initiierte seit 1969 ein Nonkonformistisches Literarisches Informationszentrum. Wintjes fungierte als Versand- und Vertriebsstelle für Zeitschriften und Bücher aus der Gegenkultur. Und es war immer ein kleines Fest, wenn eine Ausgabe des Ulcus Molle Info im Briefkasten lag. So hatte man selbst in der tiefsten Provinz den Eindruck an eine Szene angeschlossen zu sein. - Viel später folgten die teutonischen Hippies mit der taz, so genannte "Stadt-Magazine", wie beispielsweise der Überblick oder Zeitgeistmagazine wie Tempo. Die so genannten 1968-er sind ergraut. Was bilden sich diese unwürdigen Greise eigentlich auf ihr ewig-cooles Rebellentum ein?

 

E) Meine literarischen Anfänge sind dokumentiert in dem Lyrikband "Wiederbeatmung". Nachdem mir Dachdecker in 2008 den roten Hahn aufs Dach gesetzt haben, hat sich mein Archiv in Schutt, Asche und Schlamm aufgelöst. Um an älteren Texten zu arbeiten, habe ich teilweise 5 ¼ Zoll Disketten ausgewertet, die ich Freunden zur Verwahrung gegeben hatte. Ganz zu schweigen, was sich an getippten Manuskripten in Kellern oder auf dem Dachboden fand. Derzeit arbeite ich an meinem Vorlass. Während andere Künstler ihre Jugendsünden schamvoll verschweigen, versuche ich sie in schlüssiger Weise neu zusammen zu stellen.

Der gröbste Fehler, den ich bei meinem ersten Gedichtband gemacht habe war der, dass ich mich als bildenden Künstler missverstanden habe. Wenn ich mir heute diese Collagen ansehe, läuft mir die Schamesröte über das Gesicht. Dem untergeordnet habe ich damals auf Gedichte verzichtet, die meinen ersten lyrischen Versuchen eher entsprochen haben. Für die Werkausgabe folgte ich einerseits der 1985 erschienenen Erstausgabe "Der lange Atem", habe sie in der Feinjustierung aber ergänzt durch entlegene Gedichte, Textvarianten und Überformungen.

Während ich mich bei dem ersten Gedichtband auf die Collage als lyrisches Prinzip konzentrierte, ist die Überformung eindeutig "textlastig". Ich krame diese frühen Gedichte nicht einfach hervor und reproduziere sie, sondern erarbeite sie in einer Rekonstitution neu. Der Zeitpunkt der Entstehung kann nicht einfach nachgemacht werden, es müssen Beweggründe des Schreibens analysiert werden; sie gehen einmal durch die Sprache hindurch, werden reflektiert, der Zustand, die Stimmung ihrer Entstehung wieder aufgerufen. Es ist eine Arbeit mit der Erinnerung und der veränderten Gegenwart.

Als Hörspielmacher trat für mich zudem eine Ebene der Akustik und der Tonalität des Gedächtnisses zutage. Das medial inszenierte Gedächtnis wurde zur abwesenden Anwesenheit. Das Grundproblem der Erinnerungskultur allgemein und sehr speziell unter dieser literarischen Gedächtnisarbeit, der Zeugenschaft, der Autorschaft, ist die Frage:

Wer erzählt, wer verarbeitet, wem gehört eine Geschichte?

 

2.NAHBELLFRAGE

 

mein lieber "a j", jetzt sind monate (!) seit der ersten 5-teiligen frage und deinen fünf ausführlichen antworten vergangen, ich war von den vorbereitungen des 3.offlyrikfestivals neben meinem job als alltagsbegleiter im seniorenheim vollständig absorbiert. so sieht unser echtes leben als verkannte genies eben aus. spaß beiseite, denn wir pflegen keinen genie-begriff. du reagierst auch allergisch gegenüber der bezeichnung "dichterfürst", nennst dich selber einen "VerDichter", wie ich es auch korrekt bei deinem zitat für die festivalwerbung übernahm, obwohl der gemeine düsseldorfer vielleicht eher mit dem genie-begriff eines fürsten klarkommt. der frühere chef der kunstakademie (lüpertz) wurde ja auch in seinen "jungen wilden" jahren als malerfürst bekannt - und der ddorfer liebt das pompöse und das pathetische! pompös und pathetisch sind deine gedichte zwar auch, nämlich gedankenverknotet und buchstabenakribisch, wortspielverliebt und in den existenziellen abgrund bei überklarem verstand hinab bohrend, aber sie biedern sich dadurch der oberflächlichlichen unterhaltungssucht der schickimicki-smartphone-sensationsfetischisten nicht an, sondern entziehen sich dieser "Prostitution auf dem Medienstrich", weil das "autochthone Kernselbst" in einer "Meditation zur Metaphysik" verschwindet (zitiert aus den gedichten "Neuronengeknister" & "Sehnsuchtsmaschinen"). du bist für mich damit der rheinische HEL ToussainT, denn ihr seid ähnlich komplex und kryptisch, ohne es zu beabsichtigen! deine rede vom "Jargon der Uneigentlichkeit" (du zitierst hier im gedicht Adorno) erinnert mich an einen anderen großartigen deutschen dichter: Ernst Meister! er wird vom literaturestablishment gerne als hermetisch bezeichnet, ist aber bei genauerem hinsehen so ziemlich das gegenteil: offenbarend! das problem liegt woanders: um einen Ernst Meister inhaltlich existenziell nachvollziehen zu können anstatt dem poetischen glitzern und funkeln seiner wortdiamanten zu erliegen oder sie andersherum als nichtssagend abzutun, weil man nicht hinter ihre minimalistische kulisse zu schauen vermag, muss man selber den mystischen tiefgang der seele erlebt haben: erst dann wird die einfache, klare, direkte sprache zum höhenflug des bewusstseins! vielleicht ist das der grund für dein heimliches, fast tabuisiertes prestige in der szene? verbotene gedanken eines verkannten genies? ups, sorry, du lachst und winkst müde ab, weil du den geniebegriff falsch findest. dazu muss man deine "poetopathologische" demontage des ich-begriffs erst einmal studieren und den schock deiner psychologischen fragen an die gesellschaft und die identität als "Selbsterfindungsprogramm" (zitiert aus dem gedicht "Vernarbtes Erinnern") überstehen... ich glaube, ich ahne, ich vermute, die ganzen vereinsmeier der schnöselliteratur, 'tschuldigung: "gegenwartslyrik", wissen alle, daß du über relevantes allzu relevantes schreibst, aber du bist damit weder ein trendsetter für den warholschen 5-minuten-ruhm einer slambühne noch lässt du dich stilistisch vom betriebssystem vereinnahmen - sondern bist auf eine unangenehm, mir sehr sympathische weise viel zeitgemäßer, viel kritischer, analytischer und visionärer als der konservative lyrikbetrieb es erlaubt! ich bin froh, neuerdings in derselben stadt untergetaucht zu sein, die dich dank deiner diesjährigen gesamtwerkausgabe auf einem neuen niveau, wenn auch nicht mehr live on stage, so doch vollendet gedruckt wiederentdecken kann! lass dich ein wenig abfeiern, mein lieber! deine bescheidenheit und deine freundliche art in allen ehren, die coolness der lyrikszene steht dir nicht! daher freue ich mich, dir heute im namen des G&GN-instituts den nahbellpreis verleihen zu dürfen und dir die urkunde sogar leibhaftig bei einem lecker eis statt postalisch überreichen zu können! Hadayatullah Hübsch starb im jahre seines preises, das war nicht hübsch. ich wünsche dir, hochverehrter geschätzter weigoethi, einen verdienten lebensabend im meditativen grünen mit einer heilsamen portion UNMITTELBAREM ERLEBEN (jenseits des kognitiven formulierungsprozesses), um "die Sprache vom Rand her betrachten" zu können, ohne dem "tumor lingua" erfolglos zu erliegen (zitiert aus dem frühwerk "Unverbindliche Ratschlaege fuer Aussenseiter", das "ae" und "ue" möge man sich bitte grafisch weigonisch fusioniert vorstellen, meine computertastatur ist leider nicht zeitgemäß, ich habe auch kein großes "ß" für meine eigenen gedichttitel!). und nun, nach diesem ganzen wichtigtuerischen blabla, die näxte (zweiteilige) nahbellfrage: A) was planst du künstlerisch für die zukunft, welche weigoni-aspekte sind noch unerledigt? B) wird es ein comeback als live-lyrikperformer irgendwann geben? ich ärgere mich, daß ich dreißig jahre lang zeit hatte, dich auf der bühne rezitieren zu hören, und doch nie auf deinen lesungen war. das ist unverzeihlich. punkt aus. aber ich tröste mich damit, daß dieses schicksal auch viele andere zeitgenossen ereilt, die vom wahnsinn des alltags einfach verschluckt werden und erst posthum von ihren helden erfahren. zum glück lebst du noch und dein werk wird von keinem nachlassverwalter in ein falsches format gepresst, sondern du selbst "artIQlierst" die herausgabe als vorlass...

2.NAHBELLANTWORT
 
B) Die groszartige Hazel Brugger bezeichnete den Poetry Slam als "die Paralympics der Literatur". Meinerseits ist mit den Hörbüchern "Praegnarien" und "Gedichte" "literally" ALLES gesagt, denn ich hatte das grosse Glück mit den Posaunisten Philipp Bracht bei der "Praegnarien"-Performance in der Werkstattgalerie Der Bogen einen letzten Set spielen zu dürfen. Dieser letzte Auftritt ist von Tom Täger live mitgeschnitten worden. Wir haben dem auf der CD einen Set von Frank Michaelis und mir gegenübergestellt, der 25 Jahre zuvor aufgenommen wurde. So schliesst sich der Kreis.

Das Aufnahmestudio habe ich schon immer als Teil meines Schreibtisches verstanden. In der Medienpraxis bin ich zu der Einsicht gelangt, dass Sprache primär nichts Geschriebenes ist. Sie ist mehrdimensional. Das Manuskript bleibt eine Absichtserklärung, im Aufnahmeraum zeigt sich, was umsetzbar ist und vor allem, welche Inspirationen unter der Arbeit noch entstehen, die aus taubem Material den Funken zünden.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bildet die Poesie als literarische Ausdrucksform einen Gegenpol zur mentalen Versteppung und vermittelt geistige Orientierung. Meine lyrischen Textkompressionen bieten die Möglichkeit, sich die Kodierungen der Nachrichten‑ und Informationskanäle, der Bild-, Ton‑ und Filmarchive in intensiver Textausdeutung zu erschliessen. Die Produktion "Señora Nada" (auf dem Hörbuch "Gedichte" mit den Gesamteinspielungen der Rezitationen und Monodramen), kommt in der klassischen Form eines Funkmonologs daher und fällt damit scheinbar klangästhetisch weit hinter die Arbeiten etwa eines Günter Eich zurück … ich bevorzuge es, durch Inhalte zu provozieren und nicht durch Dolby-Surround.

 

A) Da Du ja weiter oben die rheinischen Befindlichkeiten angesprochen hast, in 2018 wird ein Heimatroman erscheinen. Das rheinische Brauhaus ist eine Universität, dort kommt man auf eine Mischung aus Prägungen und eine Mischung aus Einflüssen, aus der man sich dann mühsam aber auch lustvoll seine eigene Sprache und seinen eigenen Ton herausempfindelt. Dialekte schätze ich sehr, wie die von mir geliebte rheinische Mundart, die Umgangssprache, aber man sollte nicht vergessen, dass wir aufrecht gehen können.

Eigentlich bin ich auf der Suche nach einer Freiheit, wie sie nur in der Literatur zu finden und für die in der globalisierten Wirklichkeit längst kein Platz mehr vorhanden ist.

 

C) [betr. allergie gegenüber der bezeichnung dichterfürst] Die Funktion der 'Dichtung' überlasse ich den Sanitärinstallateuren. Für die Bezeichnung des lyrischen Ausdrucks nutze ich das Wort VerDichtung. Für mich bedeutet Lyrik Lebenszweck, ein Ausdruck persönlicher und geistiger Freiheit als beständige Rebellion. Poesie ist weder das Schöne noch das Gute, doch freilich sollte sie das Wahre sein: die hörbare Passion im Widerstreit der Gefühle, eine Organisation von lyrischen Stimmen mit allen denkbaren Ausdrucksmitteln. Ausführliches im Essay "VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie"

 

Weitere Hörbeispiele:

www.DirekteDichtung.de

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