IN MEMORIAM MIKE AUSTIN 1953-2006

Mike Austin 1953-2006 (c) 2002
Mike Austin 1953-2006 (c) 2002

 

Tom de Toys, New Cologne, 15.1.2006

IN MEMORIAM MIKE AUSTIN 1953-2006

 

Ich lernte den indianischen Dichter Mike Austin am 3.6.05, dem letzten Abend meiner Wiener POEMiE-Tour, bei Peter Waugh`s Poetry Open-Mic LABYRINTH im Café Kafka kennen. Schon damals fiel uns der Abschied voneinander nicht leicht: wir umarmten uns immer wieder, bis sich die Autotür doch noch schließen mußte. Ich vermisse meinen Dichterkollegen und Seelenbruder sehr, bin aber überglücklich, ihm überhaupt noch begegnet sein zu dürfen, wenn ich bedenke, wie viele geistige Familiengeschwister in anderen Jahrhunderten lebten bzw leben werden und einem in diesem Leben nur dank medialer Dokumente & Zukunftsvisionen, aber eben nicht leibhaftig bekannt sind. Eigentlich war geplant, uns im letzten Herbst in Berlin wiederzusehen, weil er seine Schwester aus Amerika hier vom Flugplatz abholen wollte. Dazu kam es aufgrund seiner Krankheit schon nicht mehr. Ich bin froh, daß er mir an jenem gemeinsamen Lesungsabend im Juni 2005 genug über seinen historischen und spirituellen Hintergrund erzählte, daß ich mich tief berührt bestätigt fühlte in meinen eigenen Visionen, die ich oftmals gar nicht richtig einordnen kann, aber immer spüre, daß nicht ich verrückt bin sondern die Welt, in der wir heute leben, ver-rückt (verdreht) ist: aus den Fugen geraten, nahe dem kollektiven (seelischen UND allgemein zivilisatorischen) Selbstmord, ohne daß es viele überhaupt an der Oberfläche unserer "schönen neuen Welt" (Roman von Aldous Huxley) merken. Von Mikes Tod am 11.1.06 im Alter von 53 Jahren erfuhr ich erst heute durch melamar per Email, in der sie mir auch die deutsche Übersetzung seines Gedichtes "wärmende decke" (siehe unten) mitschickte.

 

Mike Austin: "warm blanket", April 2005

wärmende decke

 

 

verwandte
freunde
das land
rufen mich
streicheln mich warm

die ahnen sind hier
mit ihrer liebe

in wien

ich höre die laute vom eichenholz
vom feuer entfacht
die flammen malen
erinnerungen
in den nachthimmel hinein
und der feuerhüter
besingt unser schicksal

die fussrasseln der frauen
im einklang mit den alten liedern

ich fühle die zeit
heimzukommen
naht
wie ich etwas zeder verbrenne
und meine gebete spreche

 

 

Mike Austin: Tsalagi/Cherokee

phönix


sie weinten
tränen der stillen scham
am wegesrand
als sie unserem sterben zusahen

niemand nannte es
den pfad des todes

neues erwachen
auferstehung
aus der asche
regung
von einem verzweifelten schlummer
einem heilenden winterschlaf
der als tod verkannt

wir sind das feuervolk
von den sieben tänzern
das volk der sprechenden blätter
wir haben den mörderischen
angriff
überlebt
um die visionen fortzusetzen

ruft zusammen
alle nationen
unserer völker
denn wir werden
ewig sein

 

Mike Austin ist ein Cherokee aus Ost-Oklahoma. Er wurde 1953 geboren und wuchs zum Teil in Oklahoma, der Cherokee Nation, Texas und Österreich auf. Sein Urgroßvater hatte prägenden Einfluss auf ihn. Dieser war ein respektierter Ältester und eine führende Persönlichkeit der traditionellen Keetoowah-Gesellschaft der Cherokee, als er 100jährig verstarb. Austin publiziert seine Gedichte seit 1994, und sie sind bisher in verschiedenen Werken in Nordamerika und Europa erschienen. Seine Gedichte und Essays wurden in Anthologien indianischer und internationaler LiteratInnen veröffentlicht. Sein erster zweisprachiger Ge-dichtband "An Indian Perspective - Eine Indianische Sichtweise" wird derzeit vom Wieser-Verlag, Klagenfurt, zur Veröffentlichung bearbeitet. Zwischen 1974 und 1989 war Austin als Aktivist des Indianerzentrums von Oklahoma City in verschiedenen Sozial- und Kulturprojekten tätig. Seit 1991 ist er in Europa ein Aktivist der Gesellschaft für bedrohte Völker - Österreich. Von 1993 bis 1996 war er Vorstandsmitglied und fungierte als Sprecher bei der UNO-Arbeitsgruppe der Indigenen Völker in Genf. Außerdem ist er seit 1994 einer der Sprecher in Europa der Apache Survival Coalition der San Carlos Apachen in Arizona. Austin war seit 1992 als Referent zum Thema "Indianer Nordamerikas" und als Dichter an über 200 Universitäten, Akademien, Volkshochschulen, Schulen und bei einer Vielzahl von Radio- und Fernsehsendungen zu Gast. Mit Auszügen seiner Werke wurde er 1996 im Österreichischen Kulturrundfunk vorgestellt. Er hat bisher Lesungen in Österreich, Deutschland und Italien gehalten. Weitere sind in anderen europäischen Ländern und in den USA geplant. Austin hat seit 1988 eine Vielfalt an politischen und sozialkritischen Artikeln und Essays publiziert, die sich mit der modernen indianischen Erfahrung in Amerika auseinandersetzen.
 "Alle meine Schreiben haben ein Ziel: Die Realitäten der Menschen, die hinter den romantischen Idealen und Klischees verborgen bleiben, aufzuzeigen. Zudem reflektieren meine Gedichte meine Suche nach meiner indianischen Identität. Diese Suche ist ein Protest gegen den kulturellen Völkermord, während sie widerwillig mein Unvermögen zugibt, den Abstand meiner Vorfahren zu den Einflüssen einer euroamerikanischen Gesellschaft nicht wiederherstellen zu können. Mit meiner Lyrik hoffe ich, einen kleinen Teil beizutragen, um den Fortbestand meines Volkes in einer oftmals mehr als feindlichen Umwelt zu sichern. Damit will ich meine Vorfahren ehren, die so viel ertragen haben, um unser Überleben zu gewährleisten und um meinen Kindern und allen, die nach uns kommen, ein lebendes Erbe weiterzugeben".

Der US-Bundesstaat Oklahoma, das Land der Roten Erde, ist Indianerland. Dieses ehemalige "Indianerterritorium" liegt am geographischen Schnittpunkt zwischen den südlichen Prärien des Mittelwestens, den Bergen und Wüsten des Südwestens und den subtropischen Sumpflandschaften des nordamerikanischen Südens. Wie überall in Amerika sonst ist es mit dem Blut unserer Vorfahren getränkt. Hierher wurden im Zuge der ethnischen Säuberungen der US-Regierung des 19. Jahrhunderts 74 indigene Völker aus allen Teilen der heutigen USA zumeist gewaltsam "umgesiedelt". Viele dieser Völker haben nicht überlebt. Heute gibt es in Oklahoma 31 von der US-Regierung anerkannte Erste Nationen, die an der Schwelle des 21. Jahrhunderts ihr Fortbestehen suchen. Auch im Land der Roten Erde sind die Folgen des Völkermords, der Eroberungen und der andauernden Assimilierungsbestrebungen offensichtlich. Trotzdem sind die indianischen Völker Oklahomas in unterschiedlichster Weise wie der Phönix aus der Asche der Vernichtung gestiegen. Heute besteht für sie zunehmend die Hoffnung, ihren Kindern eine neue Identität für das nächste Jahrtausend mitgeben zu können, die mit dem traditionellen Wissen und den uralten Philosophien ihrer Vorfahren verschmolzen, eine tragende Basis für die Zukunft sein kann. In diesen modernen Visionen hat auch die Tradition der Geschichtenerzähler überlebt. Sie, die Frauen und Männer, "die die Erinnerungen der Ereignisse wahren und weitergeben", haben im geschriebenen Wort der sprechenden Blätter, das ihnen und ihren Vorfahren aufgezwungen wurde, einen Verbündeten gefunden. Mit ihm halten sie die Erinnerungen der Vorfahren aus der Zeit, als es noch keine Erinnerungen gab, bis heute für kommende Generationen fest, denn ihre Erkenntnisse sind die Formeln des Überlebens. Lance Henson und Mike Austin bekunden in ihrer Lyrik ihre Traditionen als Stammesdichter und Geschichtenerzähler als einen essentiellen Teil ihrer Identitäten. Sie erzählen nicht nur von den mythologischen Ursprüngen ihrer Völker und dem langen Weg bis in die Gegenwart, sondern auch vom alltäglichen Widerstand und Überleben, um im Angesicht einer hochtechnisierten und industriell dominanten euroamerikanischen Gesellschaft ihren eigenen Weg fortzusetzen. Mit ihren unterschiedlichen Stilen ermöglichen Henson und Austin einen ungewöhnlich seltenen Einblick in die Lebenswelt der vielen Völker Oklahomas und die Gefühle der Menschen, die hinter den romantischen Bildern "des Indianers" und den Klischees der Traditionen verborgen liegen. (Ray Looney)

BCI-CD "Uncle Peyote"
Logo: BIG CITY INDIANS
Big City Indians: "Uncle Peyote"
(1999, Monte Russo Music)
Special Guest:
Cherokee-Poet Mike Austin
Ein Teil des Erlöses geht an KILI Radio, die Stimme der Lakota-Nation, Pine Ridge Reservation, South Dakota (USA)

 

 

Lance Henson: Dog Soldier, Cheyenne
(Mahago Domiuts, Hetomitoneo, Tsistsistas)


i am standing here
where the cold wind comes from
where the cold wind goes
is where the sun comes up
where the sun goes down
spiritual powers listen to me
i am a human being
i am a human being

na shi neh
no tum
num haisto
ish i tsis iss i mi
ish I tsis ta kit a es
maiyun asts
nah tsistsistas
nah tsistsistas

 

Weitere Hörbeispiele:

www.DirekteDichtung.de

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