avantgarde 2.0: "DIE KUNST GEHT WEITER - AUCH OHNE REITER" (Treppenhaus, 2010)

"Diesen Sommer haben sich die Leute um den Zapata-Betreiber Ludwig Eben als Gruppe Tacheles organisiert, etwa 30 Künstler, Freaks und Gastronomen. Sogar Mitglieder von SPD und Grünen sind mit dabei. Sie setzen nach jahrelangem hausinternen Streit auf einen Strategiewechsel im Konflikt mit dem Tacheles e.V. und seinem Vorstand Martin Reiter: Konflikte sollen entschärft, das Tacheles demokratisiert und das Areal durch Anmietung oder Kauf für alle dort arbeitenden Künstler erhalten bleiben. (...) Überall im Haus hängen die Plakate vom letzten Beef eines rausgeworfenen Künstlers mit Reiter: DIE KUNST GEHT WEITER AUCH OHNE REITER. Dieser hat den Slogan einfach übernommen und plakatiert selbst. Gehen will er vorerst nicht. Er sei ein Diktator, der seine Gegner im Haus gezielt mit Anzeigen, Klagen und Rufmordkampagnen verdränge, meinen seine immer zahlreicheren Gegner. (...) Martin Reiter herrscht heute gemeinsam mit seiner Partnerin Ragna Strohauer und Pressesprecherin Linda Cerna über ein bröckelndes Reich. Mitgliederversammlungen finden kaum noch, die früher jährlichen Vorstandswahlen gar nicht mehr statt – sie scheitern seit Jahren an gegenseitiger Blockade der Gruppen im Haus. Der Mietvertrag des Tacheles-Vereins ist abgelaufen und die vom Gläubiger HSH Nordbankeingesetzte Zwangsverwaltung hat ihre Räumungsklage gegen den Verein gewonnen und diesen in die Insolvenz geklagt."

Pressemitteilung Gruppe Tacheles: SOMMER DER LIEBE (2.12.2010)

 

"Der Verein winkt ab und bezeichnet die rund 100 Gegner im Haus als Mafiosi, Betrüger, Zuhälter und Faschisten, darunter Mitglieder von SPD und Grünen. (...) Politisch positioniert sich Reiter zu aktuellen Themen mit schrillen Parolen und fabuliert etwa von baldigen Napalm-Einsätzen gegen Demonstranten und der Herstellung von Lampenschirmen aus der Haut Arbeitsloser." Auszug aus:

Vom Tresen zum Besen: 12 Jahre Vorstand Reiter (2.4.2011)

Lord Lässig: TACHELES REDEN ! VOM KAUFHAUS ZUM KUNSTHAUS UND ZURÜCK

SUBCULTURAL SUNSET (c) De Toys, 10 / 1997
SUBCULTURAL SUNSET (c) De Toys, 10 / 1997

Die sogenannte "Neue Lässigigkeit" versteht sich als STILMITTEL EINER LITERATURTHEORETISCHEN REPORTAGE-METHODE, die versucht, nicht nur von objektiven Fakten wahrheitsgetreu zu berichten sondern die subjektive Betroffenheit des Reporters miteinzubeziehen, um einen Artikel in seiner Menschlichkeit, Authentizität und damit letztlich auch in seiner Glaubwürdigkeit aufzuwerten! De Toys schrieb (u.a. als LORD LÄSSIG) Rezensionen, Reportagen, Essays und Kritiken, die seiner eigenen Vision einer "Neuen Lässigkeit" folgten, indem er sich als beteiligten Erzähler auch mit seiner persönlichen Emotionalität in den Text einbrachte, anstatt möglichst steril, trocken und überernst eine längst hinfällige Wissenschaftlichkeit vorzutäuschen, die glaubt, "objektive" Fakten unabhängig vom Beobachterstandpunkt produzieren zu können. Inzwischen fließt die Methode einer Neuen Lässigkeit in den meisten Massenmedien quasi unbemerkt als normales Stilmittel ein, denn der zeitgenössische Mensch schreit nach dem Echtzeit-Real-Life-Feeling - was nicht unbedingt dazu führt, daß die Qualität der Berichterstattung immer besser wird. Eine Kritik an der Kritik der Lässigkeit wäre jetzt vonnöten!

TACHELES RECHTS AB (c) De Toys, 11 / 1998
TACHELES RECHTS AB (c) De Toys, 11 / 1998

Dank der Aufführung von Mozarts "Zauberflöte" unter Schirmherrschaft von Heiner Steiner auf der Freifläche im Sommer 1998 fanden Senat, Fundus und Tacheles endlich wieder Vertrauen zueinander und damit auch die entscheidende Vertragsbasis. Die Legalisierung des Kunsthauses erfolgte am 9.11.1998, doch der interne Krieg dauert an. Tom de Toys alias Lord Lässig betrieb von 1998 bis 2000 einen Literatursalon auf der 4.Atelier-Etage des Tacheles...

OFF-CAGE (c) De Toys 4 / 1999
OFF-CAGE (c) De Toys 4 / 1999

 

 

Lord Lässig, 15.-19.12.2003
(Endversion der Vorstudie "TACHELESGEREDE")

TACHELES REDEN !
VOM KAUFHAUS ZUM KUNSTHAUS UND ZURÜCK

Tote gab es natürlich auch, schon vor meiner Zeit. Als ich 1997 ins Tacheles kam, hatte die Kaufhausruine aus zehnmal massiverem Stahlbeton als nötig schon fast 9 Jahrzehnte deutscher Geschichte im sogenannten Johannisviertel überstanden. Sie war nur der letzte Restflügel des riesigen prunkvollen "Passage-Kaufhaus"-Komplexes, der 1909 fertiggestellt worden war, aber nur kurze Zeit zahlreiche Geschäfte zwischen Friedrichstraße und Oranienburger beherbergt hatte.
Gerne wird hierbei betont, daß es sich hauptsächlich um jüdische Betreiber handelte, was für die spätere politische Entwicklung nicht unwichtig ist – aber als Wahlberliner Weltbürger mit selbstverständlicher multikultureller Gesinnung ekelt mich die subtil suggestive Sprachberieselung, mit der Massenmedien immer als erstes die nationale Herkunft von Menschen in den Vordergrund rücken. Die spirituelle Vision einer MENSCHHEIT als Familie, die gemeinsam auf ihrem Raumschiff „Erde“ durchs Universum treibt, hat seit deren kitschig-religiöser Übertreibung im Esoboom nicht gerade mehr Hochkonjunktur. Statt Wassermannzeitalter und Wirtschaftswunder sehe ich heute bloß noch den ganz normalen Wahnsinn einer lethargischen Alltagsroutine auf allen Ebenen der Gesellschaft von Klimaforschung bis hin zu Kriegsfanatismus. Diese allgemeine seelische Lähmung und Lustlosigkeit führt zur egomanen Desinteresse-Gesellschaft, in der bloß jeder seine Schäfchen ins Trockene bringt (oder sie zwischen Kontinenten pendeln läßt bis sie verenden), allerdings ohne damit irgendein echtes eigenständiges Lebensgefühl zu verbinden.
Jedenfalls richtete nach dem Konkurs die AEG 1928 ihr "Haus der Technik" in dieser ersten europäischen Shoppingmall ein, bis dann 1941 die Übernahme durch die DAF erfolgte und eine SS-Dienststelle einzog. Diese 1000-jährige Ära dauerte allerdings nur drei Jahre, denn ein Luftangriff zerstörte den gigantischen Häuserblock mit seinen prachtvollen Glaskuppeln und goldenen Treppengeländern 1944 fast vollständig. Und auch die Wiedereroberung des Restkomplexes durch die AEG-Tochter FDGB im Jahre 1948 verlief aufgrund des Mauerbaus 1961 nicht so erfolgreich wie geplant. Trotz einiger Zwischennutzungen (wie z.B. vom Kino "Camera") verrotteten die Gebäude während der anschließenden beiden DDR-Jahrzehnte und wurden im Laufe der 80er dann nach und nach gesprengt. Ein einziger Restflügel mit Torbogen, der nun wie ein Ozeandampfer aus Monti Pythons Film "Der Sinn des Lebens" an der Straße vor Anker lag, blieb zunächst unberührt, aber sollte eigentlich auch abgerissen werden. Dies wurde nur knapp am 13.2.1990 durch die Besetzung verhindert, an der Künstler der Gruppen "Unwahr", "Eimer", "Dr.McCoys", "Psychedelische Patenkinder" und die Galerie "Wohnmaschine" beteiligt waren. Bereits im März desselben Jahres öffneten die ersten Ateliers und eine Ausstellungsfläche war von Schutt befreit. Und im Mai nahm das Café "Zapata" seinen Betrieb auf. In den nächsten beiden Jahren bis zur Bestätigung der Denkmalwürdigkeit am 18.2.1992 passierte schon einiges: Am 2.10.1990 blieben Vorverträge mit dem Bezirk Mitte und der WBM ununterschrieben bei der damaligen Kulturstadträtin liegen, ab Ende des selben Jahres galt die Servicegesellschaft SPI als Sanierungsträger und ab 1991 begann eine Förderungsmaßnahme durch Schaffung von Stellen. Aber erst dank des Erhaltungsbeschlusses durch das Abgeordnetenhaus am 21.1.1993 konnte es zu einer langfristigen Projektförderung kommen. Um Grundsätze für eine mögliche Zusammenarbeit auszuarbeiten, wurden dann bereits im weiteren Verlaufe des Jahres Gespräche zwischen dem Tachelesverein und der Investorengruppe Fundus geführt, die allerdings scheiterten.
In den vier Folgejahren fanden kontinuierlich vielbeachtete internationale Kunstfestivals statt und auch die hausinterne Kunstproduktion blühte auf, während parallel dazu immer wieder erfolglose Vertragsverhandlungsrunden gedreht wurden und eine Räumungsdrohung der nächsten folgte. Aus dem "Squatterplace", wie das Tacheles in Reiseführern und Flugzeugmagazinen genannt wird, obwohl das Wohnen hier offiziell nicht gestattet ist, wurde eine weltberühmte Stadtattraktion, die täglich Busse voll von Szene-Touristen (besonders Japaner, Franzosen und Dänen) magnetisch anzog. Leider endete laut Landesgerichtsbescheid der informelle Nutzungsvertrag mit der OFD am 30.9.1997 und das im Ausland mittlerweile prestigeträchtige Kunsthaus war nun endgültig von der Gefahr einer Räumungsklage bedroht. Das war die Zeit, als eine neue Generation von etwas jüngeren Künstlern als den Tachelesen (die inzwischen um die 40 waren) freiwerdende Ateliers bezogen und inmitten der Depression einen frischen Wind ins Haus brachten.
Oft fragten mich Leute, wie man überhaupt da rein käme, in diese eingeschworene Clique, oder ob es überhaupt noch existiere. Die Zeitungen brachten immer wieder zu viele verwirrende Meldungen und als ich am 18.10.1997 mit Sack und Pack aus Düsseldorf landete, wirkte alles genauso labyrinthisch und surreal auf mich, wie es von neugierigen mutigen Besuchern oft berichtet wird, die ebenso wie manch ein Senatsbeamter glaubten, daß Hausbesetzer (ohne die das vom Krieg gezeichnete Gemäuer gesprengt worden wäre!) brutale Chaoten sein. Eigentlich hat das Gebäude nur 2 oder 3 Kelleretagen, die teilweise wassergeflutet sind (eine Disco hatte es vor meiner Zeit einmal in der ersten gegeben, wie ich erfuhr) und nur 5 Stockwerke bis unters Dach, die allesamt über ein einziges Treppenhaus mit einer abschließenden Balustrade erreichbar sind. Trotzdem wirkten die verschachtelten Ecken, Graffitis, hohen Decken, kleinen Fensterluken und Treppenpfeiler derart intensiv, daß man beim allerersten Betreten regelrecht schwindlig wurde, und spätestens ganz oben, beim verschnaufenden Blick von der Balustrade, die Höhe und statisch einwandfreie Massivität des nur scheinbar maroden Baus wirklich beeindruckte. Es kam einem vor, als würde das Haus atmen, die feuchten Wände flüstern und die ganze Vergangenheit energetisch gespeichert sein. Manch einer hatte sein Herz sogar so sehr ans Tacheles verloren, daß er im Falle des nachträglichen Abrisses mit Selbstmord drohte. Und Selbstmorde gab es ja sowieso einige bis in die jüngste Zeit, ebenso wie unfreiwillig tödliche Abstürze durch Betreten von gesperrten Bereichen. Erst wenn man die Treppen zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten oft genug hoch und runter gerannt war, gewöhnte man sich an diese unheimliche Atmosphäre und wußte irgendwann auswendig, hinter welcher schweren Tür das Vereinsbüro lag und wo es genau zur 3. und 4. Atelieretage ging anstatt sich versehentlich im gigantischen Theatersaal mit seinem abblätternden Stuck zu verirren.
Was? Warum ich aus Düsseldorf kam? Das ist eine lange Geschichte, denn eigentlich komme ich ja aus Köln, aber ich glaube, ein bißchen sollte ich doch ausholen, damit klarer wird, wie zufällig und individuell einerseits alle Wege ins Tacheles führten und wie typisch andererseits. Alles begann eigentlich bei einem zufälligen Wiedersehen mit dem Performance-Kollegen BBB Johannes Deimling in der Kölner Jazzkneipe "Storch", der mich spontan einlud, im März 1997 eine Performance im Begleitprogramm einer Kunstmesse in München aufzuführen. Dort performte auch Theo di Ricco (Gründer der Galerie "SoToDo"), der dann im Sommer den "1.Congress for Performance and Visual Art" im Berliner "Dock11" organisierte, wo ich nun auch auftreten konnte. Außerdem ließ sich die Reise mit einem Gig in der "SchwarzlesereY" verbinden, die HEL TousainT in der ehemaligen Umweltbibliothek neben dem berüchtigten Café "Schliemann" abhielt. Diese Lesung hörte sich die Dichter-Kollegin Ricarda de Haas (die meine Flyer auf dem Congress gefunden hatte) mit ihrem Freund Wolfgang Spahn an, der wiederum kurz darauf ein Atelier im Tacheles bekam. Und so klingelte eines Tages im Spätsommer in unserer Düsseldorfer "Mengdu"-WG (Verein "Menschen gegen den Untergang") das Telefon und mir wurde seitens des Künstlerkollektivs angeboten, mich im Tacheles als Poet & Performer einzubringen, da die Literatur als künstlerische Disziplin im Haus nicht direkt personell vertreten war.
Sie können sich vorstellen, wie stolz ich einerseits über einen derartigen Ruf war, mich aber gleichzeitig darüber wunderte, daß sich anscheinend noch keiner der vielen Hauptstadtdichter bisher dort um ein Atelier beworben hatte. Umso glücklicher machte mich die Einladung des Dichters Claudius Hagemeister, Ende Oktober in der Metallwerkstatt beim "2.sprechfestival" involviert zu sein, an dem sich auch bekannte Autoren wie Bert Papenfuß beteiligten. Ich fühlte mich reichlich beschenkt, dadurch sofort mit spannenden, ebenfalls jungen Literaten zusammen zu kommen, die ich danach allerdings eher selten im Tacheles wiedersah. Zum Finale gab es eine kollektive Simultanlesung, zu der sich alle auf allen Etagen des Treppenhauses verteilten. Das inspirierte mich dazu, weiterhin regelmäßig von der Balustrade hinab Gedichte vorzulesen (und dank des starken Halls klang das wirklich enorm!), als dann Anfang November das permanente Protestfestival "Semper et Ubique" losging. Wie gesagt, das Haus stand nun im Zeichen der Gefahr einer Räumungsklage. Zum Glück war fast zeitgleich zu mir die dänische Dichterin Henriette Thorslund, genannt Miss Tigra, in Berlin gestrandet, und ich erinnere mich gut an den Tag, als der Hauskünstler Gert Jott. (gesprochen: Jott Punkt) aufgeregt zu mir kam und sagte: "Tom, du bist jetzt nicht mehr alleine mit der Literatur, eine neue Verbündete ist hier!" Und so war es: Tigra und ich wir sahen uns an und plapperten gleich los wie alte Seelengeschwister. Beide hatten wir zu dem Zeitpunkt noch kein eigenes Atelier sondern waren sogenannte Gastkünstler bei anderen, ich bei dem bereits erwähnten Wolfgang Spahn, der sich zusammen mit dem Fotografen FLY um die neue Aufrüstung der Siebdruckwerkstatt kümmerte und bald schon wunderschöne Riesenplakate mit den Monatsprogrammen druckte.
Ach, es gäbe einfach zu viele Details zu erzählen, schöne Details von der Verzauberung, die ja zum Glück auch passierte, manchmal unbemerkt nebenbei, während nicht nur die absurde rechtsstaatliche Bedrohung von außen tagtäglich am kreativen Elan zerrte (absurd, weil das juristische Problem der kulturpolitischen Utopie widersprach!) sondern auch der interne Krieg schon längst aufs Brutalste brodelte. Ich könnte damit anekdotenweise endlos fortsetzen (bis hin zum uralten knöchernen Königsrattenpaar, das nachts durch die leeren Flure flanierte und der heimliche wahre Besitzer des Hauses zu sein schien!) aber will jetzt versuchen, ein bißchen sprunghafter bis ins Jahr 2000 vorzupreschen, als die Ateliermieter nach zahlreichen zermürbenden Kämpfen auf Vereinsebene schließlich unter dem Motto "KUNST STATT KAMPF" entschieden hatten, die ewig destruktiven nervösen Nörgler (damals übrigens noch eine gemeinsame zapatistische Front!) an die Macht zu lassen, und den erbärmlich sinkenden Tross zu verlassen. Zu sehr fühlten wir uns den bis dahin Vorsitzenden (rund um die sensible und kompetente Kunsthistorikerin Bettina Hertrampf) verbunden, deren Kommunikationsfähigkeit es zu verdanken ist, daß die Legalisierung am 9.11.1998 dank Unterschreibung des Mietvertrages mit Fundus über 1 symbolische Mark überhaupt zustande kam. Die Kritik aus den quasi-eigenen Vereinsmitgliederreihen bestand nun wieder einmal darin, daß zu viele faule Kompromisse "in Kauf" genommen würden (wodurch ja bereits sämtliche Versuche seit 1994 gescheitert waren!) und mithilfe eines Annulierungsantrages der Wiederwahl am 26.6.1999 kam es dann zur Absetzung unseres alten Vorstandes. Unter der Hand wurde von übelstem Mobbing bis hin zu Schlägerei-Androhungen getuschelt, aber ich muß gestehen, daß der psychoide Bürosumpf aus privaten Beziehungsgeflechten (schaut es in vermeintlich spießigeren Unternehmen anders aus???) nicht immer bis auf die Galerie-Etagen durchdrang, und wenn, dann eher verwirrend und erschreckend. Immerhin waren wir hier oben für die Kunst zuständig (die eigentliche Legitimierung als Kunsthaus statt Krankenhaus!!!), aber wie bitte darauf konzentrieren, wenn der Feind mittlerweile eher von innen als außen lauerte?
Nachdem es am 7.4.1998 wieder einmal zur Fasträumung des Café "Zapata" gekommen war (vergeblich warteten die Partygäste mit Live-Webcam-Übertragung auf die Vollstrecker!), organisierte ich aus eigenen Mitteln auf der 4.Etage die "1.Objektlyrik-Gruppenausstellung" mit Vernissage am 4.5.1998 und täglichem Begleitprogramm (mit über 50 bundesweiten Autoren im Laufe des Monats), um meinen kulturpolitischen Beitrag als Literaturbeauftragter zu leisten. Doch weder die linken Stadtmagazine "zitty" und "Scheinschlag" noch die Tageszeitungen geschweige denn Magazine wie "Kunstforum" (das passenderweise zeitgleich über die Doppelbegabung Kunst & Literatur berichtete) unterstützten meine Kampagne, die zum Ergebnis hatte, daß ich noch abgebrannter als vorher war, aber mir immerhin die reguläre Bewerbung um ein eigenes Atelier ersparen konnte. Im Juni 1998 durfte ich den Literatursalon im hintersten Raum "am Ende des Flurs gegenüber vom Klo" gründen (dort wo heutzutage das neue Fotolabor residiert), direkt an der rechten Brandwand (die Baulücke ist neuerdings wieder geschlossen!). Die Vormieterin, die die aggressive Stimmung im Haus nicht mehr ertrug, hatte mich im Plenum vorgeschlagen. Apropos Brandwand: das riesige "Captain Nemo"-Gemälde (Motiv vieler Postkarten!) auf der linken Seite wurde so strahlend weiß wegrenoviert, daß man das Tacheles nun vom Fernsehturm aus leichter erkennt als die goldblitzende Kuppel der Synagoge, die nicht weit entfernt davon streng bewacht wird. Und das geniale Klogemälde der mittlerweile verstorbenen Liza Brown, ist es noch zugänglich? Wann wird endlich eine posthume Würdigung ihrer Werke angedacht? Wie wär`s mit einer Retrospektive vorort?
Wie auch immer... zu viele Erinnerungen holen mich beim Schreiben ein... die kalten Wintertage ohne Heizung, der ewige Durchzug wegen der undichten Fenster, der Sand des leise rieselnden Gemäuers... jaja, mit einem Staubsauger zähmte ich den Verfall und die Touristen waren verblüfft über das einzige aufgeräumte Atelier mit Perserteppich, Sofa und goldenem Glastisch... ein Second-Hand-Salon, in dem in Folge die Lesereihe "STELL DICH... DICHTER!!!" stattfand. Der letzte lebende Brecht-Assistent Martin Pohl intonierte hier im Winter 1999/2000 seine Gedichte ebenso wie die damals 15-jährige Nachwuchsdichterin Patricia Hempel alias Orélie Octobre. Das war mein letzter Streich, bevor ich ins Neuköllner Exil auswanderte. Nein, der vorletzte: Im Januar 2000 wurde das letzte Siebdruck-Monatsplakat gedruckt, mit einem Manifest (siehe unten), das verständlicherweise nicht allen gefiel. Etliche Exemplare im Treppenhaus wurden damals zerrissen. Falls Sie heute, vier Jahre später, jemanden beim Zerreissen dieses Artikels hier erwischen sollten, dann wissen Sie, wie aktuell es noch immer ist.

 

Was bleibt zu guter Letzt noch hinzu zu fügen? Im Frühling 2000 wurden die Künstler durch den neuen Vorstand unter dem Vorwand der Sanierung gezwungen, ihre eigene Kündigung zu unterschreiben. Ich höre noch gut die österreichische Stimme mit dem kalten Blick: "Sonst können wir auch gleich nach oben gehen und Deine Sachen auf den Sperrmüll bringen!" Desillusioniert und zutiefst frustriert entschied ich mich kleinlaut mitzuspielen, um die Auflösung des Literatursalons etwas unstressiger auf den 5.7.2000 zu verschieben.
Soweit meine persönliche Geschichte mit dem Tacheles. Ich hoffe, Sie nicht gelangweilt zu haben. Bedenken Sie, wie viele Künstler bisher da mitgemischt haben, da könnte ein jeder von den verrücktesten Ereignissen im Haus, im Hof, bei Max Schlüpfers 'R'Volksbühne oder im "Gartenhaus"-Club berichten (ach ja, den gabs auch noch – wann beginnt denn die Neubebauung der geräumten Freifläche mit leerstehenden Büros???), und nicht jeder hat immer alles miterlebt, vieles wurde auch untereinander geheim gehalten, und ich bin froh, mit so manchen Abgründen gar nicht in Berührung gekommen zu sein. Sicher ist allemale, daß da viel spannendere Spukgeschichten zu erzählen wären, falls unter den Lesern ein ehemaliger Tachelese, Tachelaner oder Tachelini ist, der sich trauen würde, Tacheles zu reden. Aber die jüngste Entwicklung zum Jahresende 2003 zeigt natürlich auch den grotesken Stand der Schmierenkomödie: Der Vorstand klagt gegen das Café "Zapata" wegen angeblicher Mietschulden, während das Café seinerseits gegen den Vorstand klagt wegen angeblicher Veruntreuung von Fördergeldern. Eins ist also klar, es geht noch immer nicht um Kunst sondern ums Geld. Und die Sachzwänge sind vorgetäuscht und die nötigen Gesetze dazu frei erfunden. Willkommen in der Real-Matrix. Die traurige Geschichte des doppelt totsanierten Tacheles ist nur ein Spiegel dieser Gesellschaft, in der wir uns mit der Machtbesessenheit von seelenlosen Managern gegenseitig ausbeuten und auffressen. Das ist der eigentliche kollektive Kannibalismus, während innovative Kulturevents jenseits der Medien zeitgleich in geheimen Clubnischen und privaten Ateliers stattfinden. Berlin besteht nicht nur aus Zombies...



Zum Autor Lord Lässig (Pseudonym von Tom de Toys):

Vertreter einer Neuen Lässigkeit als "transrealistischer Journalismus",

Pseudonym inspiriert durch Lessing (siehe Artikel in Voss Nr.1),

Moderator der Literaturbühne beim 3.Erich-Mühsam-Festival 2003,

Auktionator der Peter-Ustinov-Stiftung auf der 2.Berliner Buchmesse 2003

QUELLE DER HISTORISCHEN DATEN:

Siebdruck-Broschüre des Tacheles e.V. November 1997
ERSTVERÖFFENTLICHUNG BEI: "KULTURA-extra" 2003

DER ARTIKEL WURDE ZUSÄTZLICH 2011

VON DER "GRUPPE TACHELES" ÜBERNOMMEN

DIE NEUE MAUER: Tachelestordurchfahrt wird "gesichert" (c) taz 12.4.2011
DIE NEUE MAUER: Tachelestordurchfahrt wird "gesichert" (c) taz 12.4.2011

taz, 12.04.2011: "TACHELES WIRD EINGEMAUERT"
Zwangsverwalter lässt Mauer hochziehen und zerstört dabei Künstlerateliers. Dabei gibt es offenbar einen Kaufinteressenten, der mit Bewohnern arbeiten möchte. Der Konflikt um das Kunsthaus Tacheles hat sich erneut zugespitzt. Am frühen Dienstagmorgen begannen Bauarbeiter, die hohe Durchfahrt zum Hof mit einer Mauer zu verschließen. Der Mauerbau wurde von Mitarbeitern einer Sicherheitsfirma geschützt, welche die überraschten und aufgebrachten Künstler und Besetzer des Hauses zum Teil rüde abdrängten. Am Mittag stand die knapp drei Meter hohe Mauer. Damit ist die Verbindung von der Oranienburger Straße zur rückliegenden Metallwerkstatt und zum Hofgelände mit seinen Ateliers gesperrt. Der Zugang ist nur noch über den Umweg des nahe gelegenen Autoparkplatzes möglich.
(VON ROLF LAUTENSCHLÄGER UND KONRAD LITSCHKO)

Weitere Hörbeispiele:

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