92 ODER 2000: NEMO's OLLE KAMELLE

 

"(...) Ruine war auch das 1908 gebaute Kaufhaus in der Friedrichstadt-Passage, das heute als Kunsthaus Tacheles fest im Berliner Telefonbuch steht.  Die wildeste, fröhlichste, schönste Ruine der Stadt, 1990 durch Besetzung vor dem Abriß gerettet und von Künstlern zum Schauplatz für Theater-, Musik- und Kunstaktionen gewonnen, kann sich als Alternative zu allem, was eng ist, in allgemeiner Bewunderung sonnen. Die Füße macht das nicht wärmer. Eine Senatsmillion half über den letzten Winter - Subvention, die sich in Rauch auflöste. Man mußte Kohlen kaufen und die Fenster dicht machen. Nun ist das Vorzeigestück voll im Risiko. Wird es verkauft, ist es gerettet? Aber überlebt dann die Idee? Oder findet er dann statt - der Statuswechsel von subversiv nach kommerziell? Auf jeden Fall: Die Kunst-Anarchisten der ersten Stunde machen im Tacheles Ordnung. Der Besetzer-Bonus ist sowieso aufgebraucht. Im Büro des Tacheles-Leiters Jochen Sandig kriegt man heute viel Papier: Bauvorhaben, Konzepte, Zielgruppenbeschreibung. Man traut seinen Augen nicht. (...)"
Thea Herold im art-Magazin 5/92:

HIER WIRD ÜBER TACHELES GEREDET

 

De Toys LIVE c/o BERLINER BALUSTRADEN-OPEN-MIKE 1998 @ 5.Etage Kunsthaus Tacheles
De Toys LIVE c/o BERLINER BALUSTRADEN-OPEN-MIKE 1998 @ 5.Etage Kunsthaus Tacheles

 

Tom de Toys, 23.9.2000: 4.TACHELES-REDE
(Reflexionen rund ums Tacheles, Berlins Möchtegernsubkultursahnetörtchen)

92 ODER 2000: NEMO's OLLE KAMELLE
(NÄHKÄSTCHEN AUS DEM WAHREN OFF)


Als Ricarda de Haas und Wolfgang Spahn meine Lesung in der von HEL organisierten "SchwarzlesereY" (Umweltbibliothek) im Sommer 1997 nach meinem Auftritt beim "1.Kongreß für Performance und Visuelle Kunst" (Dock11) sahen, ahnte ich (damals wegen Gründung meiner Band "Das Rilke Radikal" in Düsseldorf wohnend) noch nicht, daß mich dadurch ein Ruf aus den Reihen einiger Hauskünstler ans Kunsthaus locken würde, um dort "die Literatur ins Haus zu bringen" (Gert Jott.), was mich zunächst auch wunderte, weil es ja schon Mex Schlüpfer ('R'-Volksbühne) auf der Freifläche gab. Zunächst widmete ich mich daher der "Dekoration" des Treppenhauses mit poetischen Reflexionen über den instabilen Zustand der Zivilisation - das soziale Chaos dieser vermeintlich subversiv brodelnden Bastion wurde mir mikrokosmische Metapher des angeblich davon unterscheidbaren sogenannten Spießertums der Neuen Mitte (dessen oberflächliche Höflichkeit ich mehr schätzen lernte als die möchtegern-rebellische Nervosität von Antikunst-Rentnern): von innen betrachtet verpuffte die pauschale Hoffnung auf tagtäglichen interdisziplinären Austausch schnell, nur vereinzelte (-wenige wirklich anwesend-arbeitende-) Kollegen auf den damals noch düsteren Fluren (wie Tim Roelofs, Georg Haubricht, Christina Campo Hübner, der Siebdruck mit FLY & Spahn und später die Gruppe Filo-Art) erzeugten einen leicht schizophren inspirierenden "Familiensinn", ansonsten schien das KUNSThaus eher autistisches KOKS- & KRANKENhaus zu sein. Bald merkte ich aber, welche Nischen noch personell bzw. historisch unausgeschöpft waren und kuratierte die 1.OBJEKTLYRIK-Ausstellung "WER HAT ANGST VOR GROßEN BUCHSTABEN" (mit 10 doppelbegabten Künstlern und weiteren 50 bundesweiten Poeten im Begleitprogramm) auf der 4.Galerie-Etage, wo ich anschließend ein Atelier übernehmen konnte, um den A.L.Off.-LITERATURSALON aufzubauen. Das geschah alles durch finanzielle "Selbstförderung" und die heutige Neue Vorstandsclique hielt mein Engagement (im Gegensatz zu früheren sowie externen Stimmen) für überflüssig, ja sogar faschistoid, so daß der Segen Neuer Senatsgelder auch nach der Legalisierung für die von mir repräsentierte Disziplin ausblieb. Jeder im Kulturbetrieb weiß, wie kräftezehrend Projekte sind, die nicht nur dem eigenen Egotrip dienen sondern "SOZIALEN SPAß" machen sollen und wie wichtig LUST & LEIDENSCHAFT beim Einsatz für eine Sache sind, um nicht vorzeitig "auszubrennen". Diese kreative Power mußte ich im Tacheles ständig aus mir selbst heraus neu entfachen lernen, ohne mich von der permanent miesen und manchmal lebensgefährlichen Laune (bei lähmenden Sitzungen oder Begegnungen der dritten Art danach auf dem Gelände) b-irren zu lassen, von der auch so mancher Szene-Tourist abgeschreckt wurde und auf dem rosa Sofa meines Salons in der obersten hintersten Ruinenecke erstmal verschnaufen konnte. Nach vier Etagen Treppensteigen durch Trash(-Art), Graffitis, Drum 'n' Bass und subtil aggressiver Atmosphäre wirkte das DURCHATMEN-DÜRFEN bei Liebesgedichten und "utopischem" Seelenbalsam plötzlich wesentlich real-subversiver als jede scheinbar "radikale" Provokation. Der suchende Mensch (und von SEHNSUCHT ist das Tacheles halt oft durch seine Kunden bevölkert!!!) verwertet & verdaut eben leisere spirituelle Töne manchmal besser als spröde Bilderfluten und große Klappen. Nachdem ich zusammen mit Miss Tigra (die den Salon später mitnutzte) wöchentliche Balustradenlesungen mit Open-Mike veranstaltet und sogar noch im Jahrtausendwinter die monatliche Lesereihe "STELL DICH... DICHTER" (u.a. zu Ehren des letzten lebenden Brecht-Assistenten Martin Pohl) durchgezogen hatte, fühlte ich mich im Frühling 2000 gezwungen, ein kritisches Resümée meiner beiden Jahre im/mit und für die Idee des FREIEN Tacheles auf die Formel >KUNST STATT K(R)AMPF< zu bringen - Freiheit war hier in den Besetzerjahren vielleicht etwas irgendwie "innerliches" (zumindest als notwendige Arbeitsvoraussetzung für solche Künstler, die von unbestechbaren Fantasien besessen sind), spätestens aber dank der Einigung mit dem Investor auch von außen ermöglicht. Trotzdem drehten aber gerade seit Vertragsunterzeichnung ganz unerwartete Riesenratten in ihren Schrottlaufrädern mit des Kaisers kosmetischen Neuen Kleidern schwungvoll ihre Runden und absolvierten Neudeutsch-Kurse mit Maschinengewehren gegen orthographische Schwächen beim Digitalverkehr. Ich kann sie inzwischen wie in einer Science-Fiction-Fabel aus dem dunkelsten Mittelalter als Zeitreisender telepathisch hören, ja, ich kann die Ratten gut verstehen, sehe in ihren zusammengekniffenen Augen sogar den frierenden Höhlenmensch, die nie therapierte brutale Kindheit inmitten des pastell-sanierten Großstadtdschungels. Und wache im Exil aus diesem Alptraum auf und sage Dank an alle Übermenschen, die den Notausgang aus jener Anstalt "Des Anderen Souvenirs" mitbauten. Danke - danke, danke, danke!!!

 

"schlüssellöcher" zur vierten tacheles-rede:

1) "reBELLische NERVOSität" = personifiziertes hundegejaule: Martin Reiter's (1.vorsitzende) künstlername >nervoes<...
2) "Rentner" = Herr Reiher ist eigentlich einer der echten rentner im tacheles-system, aber wirft genau mit diesen steinen ausm glashaus -ein sehr typisches beispiel wie unbeschreiblich peinlich die offiziellen argumente oft sind, nur daß wenige sich trauen, das laut zu sagen...
3) "verPUFFte" = die wunderbare schriftzug-lichtinstallation von Filo-Art an der tacheles-fassadenfront kurz vor der sanierung in anspielung auf die prostitution vorm und im kunsthaus...
4) "faschistoid" = bezüglich meiner "BÜCHERVERBRÄNNUNGEN" (10.5.)...
5) "b-irren" = verrückte zweiter wahl...
6) "abgeSCHRECKt" = nochmal angespielt auf den herrn tacheles-chef, dessen kunstprojekt so heißt: >nur-schrec<
7) "kosmetisch" = Blixa Bargeld spricht auf der aktuellen platte seiner band (Einstürzende Neubauten) >SILENCE IS SEXY< von der befindlichkeit des landes...
8) "Digitalverkehr" = vereins-emails folgen keiner gängigen rechtschreibung und sind ausgeburten eines artifiziellen autismus (keine spur von verkehr im sinne konstruktiver kommunikation)...
9) "Exil" = erklärungen hätten romanlänge...
10) "Des Anderen Souvenirs" = leider nochmal auf den herren der schöpfung gemünzt: seine antikunst-aktion D.A.S. hat dasselbe kürzel...

De Toys LIVE c/o GALERIE "UNWAHR" 1998 (jetzt saniert: u.a. Goethe-Institut) @ Berlin-Mitte (Rosenthaler Str.)
De Toys LIVE c/o GALERIE "UNWAHR" 1998 (jetzt saniert: u.a. Goethe-Institut) @ Berlin-Mitte (Rosenthaler Str.)

Weitere Hörbeispiele:

www.DirekteDichtung.de

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