Live-Lochismuß-Rezension von Metadada Lina Rosenstock: "TAUSCHE LüCKE GEGEN LoCH"

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Lina Rosenstock (c) De Toys, 22.9.2005
Lina Rosenstock (c) De Toys, 22.9.2005

 

 

Lina Rosenstock

"TAUSCHE LüCKE GEGEN LoCH"
Tom de Toys live auf dem 11.Bundestreffen der Tauschringe

Berlin, 15.10.2005.

 

 

Assoziationen an die erste DADA-Soiree am 12. April 1918 in der Berliner Sezession wurden wach, als der Berliner Performance-Künstler, Maler und Dichter Tom de Toys auf dem 11. Bundestreffen der Tauschringe am 15.10.2005 in Berlin in einem seiner legendären spontan-ritualisierten Lochismuß-Perhappenings Leben und Kunst intermedial symbiotisierte. Das abendliche Unterhaltungsprogramm begann zunächst leichtverdaulich mit Gitarren- und stimmgewalttätiger Interpretation längst vergessener DDR-Gassenhauer und hastig abgelesenem (Schul-?) Aufsatz zum spannenden Thema "meine fiese Frisur und ich". Erst als De Toys, ganz in Schwarz mit verspiegelter Skibrille, vor das Publikum trat, durchdrang echtes Leben die vollbesetzte Halle des Nachbarschaftshauses in der Urbanstraße 21. Digitalisierte, toysianisch-kontemplative Mantras, unterlegt von atmosphärischen Sounds, durchschneiden die neugierige Stille: "...und zwischendurch / so tun als ob / dir alles weggenommen sei / nicht nur dein wichtigstes / und schönstes und / wertvollstes aller sachen / sondern alle sachen [...]" [1] Das saß – geht es doch der natürlich rein ökonomisch orientierten Tauschgemeinde immerhin um die freiwillige gegenseitige Übertragung von Gütern! In lochistischen Kussattacken "durchlöchert" der Künstler mit vollem Körpereinsatz Papier und Wahrnehmung des ambivalent faszinierten Publikums. "[...] Nur Dein Körper / SCHAUT / aus sich heraus / und nimmt sich / seiend / wahr und / weiter im / spiel [...]". Überwältigt von derart bewusstseinserweiternder Körpererfahrung sitzt der Zuschauer da und staunt und starrt. Doch anders als in der Berliner Sezession vor knapp 90 Jahren enthüllt der kulturgeneigte Tauschtreffer – wahrscheinlich in Ermangelung von Mut und geeignetem Wurfmaterial wie Beefsteaks oder ähnlichem – ein amüsantes Portfolio unterschiedlichster Reaktionen: Während die einen ihre Enttäuschung nur schwer verbergen, nicht in den "Genuss" einer anständigen "Die Flippers"-Playback-Show zum debil-gemütlichen Mitschunkeln gelangt zu sein, heucheln gutbürgerliche Gutmenschen, ihr Nichtvorhandensein von Geschmack nur mühsam vertuschend, mit herablassendem Grinsen künstlerische Pseudoversiertheit à la "DADA!?! Hab ick ooch schon ma von jehört!" vor. Teenies in der ersten Reihe versuchen mit hektischen Handykameras wild knipsend ihr konsumistisches "Ham-we-dat-ooch-ma-jesehen"-Bedürfnis zu befriedigen. Leichtgläubige Lebensmittelliebhaber bewegen Backen und Bäuche synchron zum opportunistischen Händeklatschen. "[...] Du Bist Alleine / ganz allein / im freien offenen / mit dir und / nur mit dir [...]" prophezeit De Toys der fragenden Menge. Alleine? Nicht ganz: ein Mädchen, hellwach und uneingeschüchtert von der mitunter mephistophelischen Expressivität der Performance, überführt voller authentisch-intuitivem Enthusiasmus zusammen mit De Toys das randhafte (Papier-) Loch in die unendliche Randlosigkeit – ein symbolischer Akt in diesem Kontext. Das Mädchen war sieben Jahre alt.


[1] De Toys, Tom: "AUTHENTIZITÄT". G&GN-Institut. 5.7.1994.

 


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