Objektlyrik im Berliner Kunstunterricht 2006 am Campus Rütli mitten im Skandal* :

"JEDER SCHÜLER IST EIN KÜNSTLER"

*Zum Zeitpunkt des Projektes geriet die Rütlischule wegen der angeblich hohen Gewaltbereitschaft und schlechten Sozialisation der Schüler in die Schlagzeilen. Die Wahrheit war anders: Journalisten von Boulevardblättern versuchten mit Bestechungsgeldern, Schüler dazu zu bewegen, sich steinewerfend fotografieren zu lassen, um die medienwirksame Hypothese zu beweisen. Die Schüler des hier dokumentierten Kunstunterrichtes waren ganz im Gegenteil allesamt völlig normale Teenager, die vom negativen Medienhype geschockt und verunsichert waren...

"Die Spielsachen und Spiele, die ihnen Freude machen sollen, die Bücher, die sie lesen, und die Manierismen, die sie annehmen sollen, und nicht zuletzt die Schulen, in denen sie auf der Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners sich gegenseitig nachäffen, kann ich nicht ausstehen. Mit dem Säugling, der noch Spaß an Unsinn hat und der sich spontan auf unprogrammierte Spiele einlassen kann, fühle ich mich ganz wohl und dann wieder mit dem Heranwachsenden, der die Gehirnwäsche, der er ausgesetzt ist, in Frage stellt. Aber die verniedlichte 'Welt der Kindheit' ist ein Schwindel, ein Disneyland aus Plastik, eine von frustrierten Fratzen bevölkerte Welt, die herauskriegen wollen, warum sie nicht als Menschen behandelt werden."
Alan Watts, in: ZEIT ZU LEBEN (1972)

Die sogenannte "Neue Lässigigkeit" versteht sich als STILMITTEL EINER LITERATURTHEORETISCHEN REPORTAGE-METHODE, die versucht, nicht nur von objektiven Fakten wahrheitsgetreu zu berichten sondern die subjektive Betroffenheit des Reporters miteinzubeziehen, um einen Artikel in seiner Menschlichkeit, Authentizität und damit letztlich auch in seiner Glaubwürdigkeit aufzuwerten! De Toys schrieb (u.a.als LORD LÄSSIG) Rezensionen, Reportagen, Essays und Kritiken, die seiner eigenen Vision einer "Neuen Lässigkeit" folgten, indem er sich als beteiligten Erzähler auch mit seiner persönlichen Emotionalität in den Text einbrachte, anstatt möglichst steril, trocken und überernst eine längst hinfällige Wissenschaftlichkeit vorzutäuschen, die glaubt, "objektive" Fakten unabhängig vom Beobachterstandpunkt produzieren zu können. Inzwischen fließt die Methode einer Neuen Lässigkeit in den meisten Massenmedien quasi unbemerkt als normales Stilmittel ein, denn der zeitgenössische Mensch schreit nach dem Echtzeit-Real-Life-Feeling - was nicht unbedingt dazu führt, daß die Qualität der Berichterstattung immer besser wird. Eine Kritik an der Kritik der Lässigkeit wäre jetzt vonnöten!

Kinotip 2014: "WORDS & PICTURES"

GOLDFROSCH (c) De Toys, 8.6.2007
GOLDFROSCH (c) De Toys, 8.6.2007

  Abschlußbericht meines Projektes während des "Rütli-Skandals"

 

Tom de Toys, 5.7.2006
(Rütli-Report – ein didaktischer Erfahrungsbericht von unten)

JEDER SCHÜLER IST EIN KÜNSTLER
Objektlyrik zur multikulturellen Identitätsförderung


Wie lassen sich 14-jährige Hauptschüler zu ihrer eigenen Kreativität und nicht aufgezwungener Konzentration motivieren?

Oder anders gefragt: Wie kann man eine Horde von hyperaktiven Migranten-Teenies wenigstens einmal pro Woche soweit von ihren pubertären Sprüchen ablenken, daß sie eine gewisse Freude dabei empfinden, großformatige Buchstaben, Wörter und ganze Gedichtzeilen mit Buntstiften, Wasserfarben und Schablonen auf Tonpapier und Eierkartons zu malen und zu kleben? Ulrike Baade, Kunstlehrerin in der Klasse 7.2 der Neuköllner Rütlischule, warnte mich glücklicherweise vor, unser Projekt ohne literarische, ästhetische oder gar philosophische Erwartungen durchzuführen, sondern den Schwerpunkt auf das handwerkliche Geschick der Schüler zu legen – und das war gut so!

Von Mitte März bis Mitte Juni 2006 konfrontierten wir fast jeden Mittwoch zwischen 5 und 15 Schüler in der wöchentlichen Kunstdoppelstunde (außer in den Osterferien und an jenem Mittwoch, als sie in der Arena mit der amerikanischen Tanztruppe eine eigene Show aufführten) mit möglichst abwechslungsreichen visuellen Sprachspielen und waren schon dankbar, wenn am Ende der Stunde tatsächlich kleine, farbenfrohe Werke mit Textauszügen von Omar Khajjam, Heinrich Heine, Joseph Beuys, einem Schüler selber sowie von mir auf den Tischen lagen bzw später museal eingerahmt an den Wänden der Schulflure hingen. Meistens waren wir nämlich die erste Stunde lang nur damit beschäftigt, ihnen die Aufgabe indirekt schmackhaft zu machen, indem wir unverarbeitete Erlebnisse aus den vorherigen Fächern interaktiv ausklingen und die allgemeine Unruhe abebben ließen, spontane Streitigkeiten schlichteten, immer wieder die Sitzordnung änderten und zwischendurch vorsichtig mit themenzentrierten Fragen lockten, um die Aufmerksamkeit langsam dahin zu lenken, daß ihre ureigene Inspiration und Fantasie nun gefragt sei. Dabei half uns eine PÄDAGOGISCHE DOPPELTAKTIK, die sich automatisch aus dem Zusammenspiel unserer unterschiedlichen Funktionen ergab, und die wir im Laufe der Wochen verfeinerten und variierten:

Ulrike Baade war in der permanenten Rolle der Lehrerin zunächst einmal nur die "Unbeliebte per se", weil ihre Verantwortungsroutine ein gewisses Maß an autoritärer Strenge verlangte, während ich mir in der temporären Rolle als externer Künstler leisten konnte, mit größerer Lockerheit und kumpelhafter Geduld auf die teilweise nervtötenden und penetranten Pubertätsreflexe (die mir aus meiner eigenen Jugend als absolut menschlich normal vertraut sind) zu reagieren. Manchmal ergaben sich allerdings derart emotional beladene Situationen, daß es sich als günstig erwies, unsere Rollen zu verwischen oder sogar zu vertauschen: Wenn dann die Kunstlehrerin in einem angespannten Moment größter Unaufmerksamkeit (besonders an den immer heißer werdenden Sommertagen) Scherze machte und die Schüler eine ungewöhnlich lange Zeit wohlwollend gewähren ließ, während ich einzelne mit ungewohnt strenger Stimme daran erinnerte, mich genauso respektvoll zu behandeln wie ich auch umgekehrt für sie "da bin", traten manchmal geradezu hypnotische Effekte ein. Die brutale, typische "Coolness" der unter Selbstverteidigungsstreß stehenden Heranwachsenden wirkte dann plötzlich wie von Geisterhand weggeblasen, und der eben noch völlig chaotische, undisziplinierte Haufen verwandelte sich in eine seelenruhig in sich versunkene Gruppe malender "Kinder".

Diesen Verwandlungsprozess galt es, jede Woche aufs Neue einzuleiten, um die oft unerwarteten "Dochnoch"-Ergebnisse zu ermöglichen, mit denen wir beide letztlich zufrieden waren. Jeder Schüler gestaltete mehrere Arbeiten in seiner eigenen künstlerischen Handschrift und übte im Laufe des Projektes immer wieder grundlegende Wahrnehmungs- und Umsetzungsstrategien: Korrekte Orthografie, realistisches Abschätzen der Bildkomposition, Verständnis des poetischen Textes sowie der Bedeutung einzelner Wörter und nicht zuletzt der soziale Respekt vor den Mitschülern und deren Werken. Die Abschlußrunden am Ende manch einer Doppelstunde mit gemeinsamer Betrachtung und Bewertung aller Werke erhöhte dabei die Sensibilität für das eigene Verhalten und die Akzeptanz der wertfreien Andersartigkeit der anderen Werke. Auffallend war leider trotzdem, wie schnell die Schüler insgesamt aus dem Unterricht flüchten wollten, ein subtiler Hang zum Überfordertsein und allgemeinem Desinteresse schien wie eine kollektive psychische Infrastruktur, gegen die man ständig anrennen mußte, um die Schüler überhaupt zu "erreichen", ganz gleich wie begeistert sie letztlich dann doch immer waren – typisch Jugend eben!

Am Ende der drei Monate waren Ulrike Baade und ich uns einig: Die Schüler verfügen über ein großes, überraschendes kreatives Potenzial, das allerdings wesentlich individueller und zeitintensiver gefördert und gepflegt werden müßte, als es der herkömmliche Unterrichtsplan erlaubt. Ich persönlich hatte das Gefühl, an der Spitze eines unsichtbaren Eisberges zu kratzen, der in den Fluten des hektischen Schulalltages treibt und dadurch leicht verborgen bleibt. Sobald sich die Schüler ernst genommen fühlen und genügend Muße vorhanden ist, um ihnen zuzuhören und sie in ihrer akuten Stimmung "abzuholen", läßt sich ihre ungezügelte Power in kreative statt kriminelle Bahnen lenken.

Ich glaube darum wieder einmal stärker an die Sehnsucht junger Menschen, bei sich selbst "ankommen" zu wollen, ein sinnstiftendes Selbstbewußtsein und soziales Verhalten zu entwickeln, wenn sie nur selber auch gemäß ihrer menschlichen Würde behandelt werden! Und ich bin mir nun noch sicherer, daß SCHULE AN SICH einen großartigen Beitrag dazu leisten kann, wenn sie nur genug Spaß macht, indem sie Themen anbietet und Methoden anwendet, die zur authentischen Förderung des Individuums dienen.

 

* OBJEKTLYRIK: Meine Wortschöpfung seit 1. Objektlyrik-Gruppenausstellung 1998 im Berliner Kunsthaus Tacheles

Omar Khajjam CXX
Omar Khajjam CXX

 

"Das Kind ist, genetisch gesehen, dazu in der Lage, jede beliebige Sprache zu lernen, jede beliebige Technik zu beherrschen, jede beliebige sexuelle Rolle zu übernehmen. Innerhalb kürzester Zeit wird es jedoch mechanisch darauf abgerichtet, die begrenzten Angebote seiner sozialen und kulturellen Umwelt anzuerkennen, sie zu übernehmen und nachzuahmen. (...) Soll das heißen, daß die traditionellen Schulen kleinen Gefängnissen gleichen? Ersticken sie nicht jede Regung von Phantasie, verkrüppeln sie die Kinder nicht nur geistig sondern auch körperlich, basieren sie nicht auf diversen Formen offenen und verkappten Terrors? Natürlich lautet die Antwort uneingeschränkt ja, aber solche Schulen sind notwendig, um die Menschen auf ganz gewöhnliche Büros oder Fabriken vorzubereiten, die ebenfalls kleinen Gefängnissen gleichen, die die Phantasie unterdrücken. (...) UTOPISCHE Erziehungsmethoden werden sich erst dann durchsetzen, wenn eine Gesellschaft sich aus ihrer Autoritätshörigkeit herausentwickelt hat, und das um so mehr, je schneller die Veränderungen und damit auch die soziale Evolution der Menschheit vorangetrieben werden. Dann braucht man Bürger, die keine Roboter sind, die kreativ sind, statt lammfromm zu gehorchen, innovativ sind, Forscher in jedem Sinne dieses Wortes, und nicht beschränkte Kleingeister."
Robert Anton Wilson, in: DER NEUE PROMETHEUS (1983)


De Toys @ RÜTLI-Kiez (c) Chr.Limbach 24.7.2007 (fotografiert auf der PANNIERMEILE)
De Toys @ RÜTLI-Kiez (c) Chr.Limbach 24.7.2007 (fotografiert auf der PANNIERMEILE)

Weitere Hörbeispiele:

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