Abschlußbericht meiner 4-jährigen Dienstzeit im SCHILLERPALAIS als Online-Redakteur & Eventmanager für das Portalprojekt "KÜNSTLERNETZ NEUKÖLLN" (KNK) von April 2005 bis Dezember 2008 im Berliner Rütliskandalbezirk, in dem ich selbst seit Februar 2000 bis Ende 2011 als aktiver "kunstreuter" wohnte...
"Ich glaube, dass den existierenden, kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit, als Bürger die
wirkliche Wahrheit unseres Lebens und unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende Verpflichtung darstellt, die uns allen zufällt. Sie ist in der Tat zwingend notwendig. Wenn sich
diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen Vision verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das wiederherzustellen, was wir schon fast verloren haben – die Würde des
Menschen."
Harold Pinter, in: "Kunst, Wahrheit & Politik" (Nobelpreisrede 2005)
VORWORT 2011 / Update: Die drastischen Veränderungen Neuköllns vom Skandalbezirk zum Trendbezirk gehen einher mit zeitgemäßeren Strategien der Kunstvermittlung und -vernetzung: sogenannte "soziale Netzwerke" im Internet dienen der neu zugezogenen Kneipen- und Kunstszene weit mehr als kurzfristige Werbung für ihre schnelllebigen Programme, während sich ein Portal der ersten Stunde wie das KNK aufgrund des überholten Content Management Systems (punapau) immer weiter ins Abseits befördert. Da bis heute keine neue Redaktion existiert sondern nur viel zu kurzlebige Jobcenter-"Maßnahmen", deren Motivation vom manchmal laufenden, stockenden oder zwischenzeitlich zusammengebrochenen Galeriebetrieb stillschweigend erstickt wird, ist mein Empfehlungsschreiben nur noch von historischer Relevanz, um den Versuch zu dokumentieren, eine nostalgische Epoche in die Neuköllner Neuzeit zu retten, in der jedes Hinterhausloch als sensationelle Eigentumswohnung alte Mieter respektlos vertreibt. Somit erweist sich mein Abschlußbericht mittlerweile als anachronistischer Rettungsplan, der nicht nur mangels personaler Umsetzung zum Scheitern verurteilt war, sondern auch von der allgemeinen Stadtentwicklung stillschleichend abgewickelt wurde! In gewisser Weise bräuchte die Hauptstadt jetzt aber erstrecht ein großangelegtes "Künstlernetz Berlin" der FREIEN SUBKULTUR-SZENE, das die alten Milieus (inclusive der Kulturschaffenden aus den 80er-Jahren, die ebenfalls ihr Nischendasein als fast unsichtbares Paralleluniversum fristen!) mit den neuen vereinigt, um dieses gefährliche Gemisch aus Depression & Euphorie in einer heilsam inspirierenden Synthese zu fusionieren...
Tom de Toys, 1.-3.12.2008, Resumée meines fast 4-jährigen Jobs
DAS KNK ALS PORTAL & VISION
Das Künstlernetz Neukölln (KNK) steckt Ende 2008 in keiner Krise. Die Kosten zur Betreibung der Internet-Plattform sind durch die seit 2007
eingeführten geringfügigen Mitglieder-beiträge gedeckt, die Fluktuation der Mitglieder hat eine gesunde Logik und das Interesse an Neuköllner Kultur ist groß und wächst weiter.
Der reibungslose Betrieb des KNK besteht zu 50% aus der INTERNEN Selbstverwaltung und zu 50% aus der EXTERNEN Redaktion – je nachdem, welche akuten Ziele (Updates, Projekte, Marketing) angestrebt
werden, lassen sich die Anteile in beide Richtungen verschieben. Die Redaktion wiederum lässt sich in 2 miteinander verzahnte Aufgabenbereiche einteilen, die im Büro-Alltag motivationsfördernd
wirken, wenn sich die Redakteure ergänzen und gemeinsame Erfolge durch gezielte Aufgabenteilung feiern können: der ONLINE- und der OFFLINE-Sektor. Nun im Detail:
Die gesunde punapau-Logik
Mitglieder werden meist Mitglieder, weil sie entweder keine eigene Domain betreiben oder trotzdem das Portal nutzen wollen, um erstens: sich mit Kollegen zu vernetzen bzw. gemeinsam zu
präsentieren; zweitens: das quasi grenzenlose Speichervolumen der Plattform als Blog, Archiv, Presse, Werbung oder bessere Visitenkarte für ihre Profession auszuschlachten; drittens: den Sprung
aus der "kreativen Einsamkeit" in die Sichtbarwerdung als Gefundenwerdung überhaupt zu vollziehen.
Das Aufnahmeverfahren besteht aus keiner Jury, wodurch das SELBSTBEWUSSTSEIN der künstlerischen Identität & Qualität gefragt und gefordert ist. Da die Mitgliedschaft rein praktisch-technisch
gesehen nur aus der Online-Präsenz besteht, ist der erste und einzige Schritt zur Entscheidung auch zugleich der wichtigste: die ganz triviale Beschäftigung mit der COMPUTER-TASTATUR als unser
konkretes Werkzeug durch das "initiatische" Ausfüllen/Abschicken des Online-Anmeldeformulars zur Teilnahme am punapau-Crashkurs. So mancher Mitgliedschaftsanwärter mußte danach beim Durchlesen
der notwendigen Crashkurs-Details feststellen, daß ihm sowohl die nötigen Computer-Grundkenntnisse als auch die Konzentrationsfähigkeit auf das digitale Medium an sich (noch) fehlen, um die
zukünftigen eigenen Unterseiten ("Objekte") aufzubauen, selbständig zu bearbeiten und regelmäßig zu pflegen.
Spitzen und Eisbergspitzen
Seit 2004 gibt es die Plattform und seit 2005 einen externen Redaktionsposten, nachdem der ehrenamtliche Versuch mehrerer Mitglieder als Gruppe zweimal gescheitert war, die künstlerische
Selbstverwaltung auch auf redaktionelle Dienste auszudehnen. Das Jahr 2005 stand ganz im Zeichen von Projekten, Events und dem Relaunch (Stichwort "Weißer Winkel" als Verleih- und Verkaufsbutton
unter allen Werken), um mithilfe des Künstlernetzes als Spitze des Eisberges im öffentlichen Raum zu zeigen, daß unter der Neuköllner Oberfläche ein gigantischer Brocken an Kreativität
schlummert. Die weitere Entwicklung der Kunstszenen innerhalb aller Neuköllner Kieze hat das seitdem bewiesen!
Für das Jahr 2006 gab es bereits zwei Redaktionsposten, so daß wir auch zweigleisig verfahren konnten: einerseits die Organisation von Events, andererseits die klarere Strukturierung des Portals
sowie dessen Säuberung von Karteileichen, die aus zwei Künstlersorten bestanden: zum einen jene, die zum Startschuß (dem "Launchen") der Plattform mit ihren Steckbriefen und Abbildungen von
Werken beigetragen hatten, davon aber teilweise angeblich nichts (mehr) wußten [in der heißen Gründungsphase des Schillerpalais-Vereins aus einer Kiezkünstlerinitiative, die zur Anmietung der
Räume für die Produzenten-Galerie führte, wurden zunächst alle Daten von beteiligten Künstlern für diverse Projekte euphorisch gesammelt und zur allgemeinen Werbung auf ALLEN Ebenen verwertet] –
und zum anderen jene, die sich durch Nichtzahlung des erstmaligen Jahresbeitrages ab 2007 zum Austritt entschieden hatten, um andere Wege einzuschlagen.
Nach der Gesundschrumpfung im Sommer 2007 [die mir persönlich aufgrund von Überstunden einen Tinnitus durch 3 verschobene Halswirbel einhandelte] begann die zweite Aufbauphase: neue Neuköllner
Kulturschaffende wurden Mitglieder, die oft selber Projekte in ihren Kiezen betreuen. Bestes Beispiel dafür sind Annette Köhn von der Musenstube und Tim Schneider von der Karmanoiabar (Theater
Gaya). In vielen lokalen und überregionalen Ausstellungen finden sich zudem immer häufiger auch zahlreiche Namen von KNK-Mitgliedern...
Stand der Dinge: Update and down
Das Jahr 2008 verging viel zu schnell und war von einer dreifachen Depression geprägt: 1. die anhaltende Finanzkrise im Schillerpalais, unter der auch die vereinigte Jahresausstellung (aus
Vereins- & Portalmitgliedern) zu leiden hatte; 2. der mehrmonatige fragile Zustand des punapau-Programms nach dem Server-Absturz, worunter die Redaktion auf allen Ebenen litt; und 3. ein
subtiler Personalmangel an eigenständig visionären Fachkräften, der zur allgemeinen "Stagnation in Routine" führte. Mit diesem letzten Punkt bin ich wieder am Anfang meiner Rede angelangt,
nämlich bei der Motivationsförderung im Online- und Offline-Sektor der Redaktion:
Aus meiner Sicht begann die "Bewußtseinskrise" des Schillerpalais (inclusive KNK-Portal) mit der allmählichen Abschaffung des expliziten Postens einer PERMANENTEN Projektleitung als Supervisor
und "logistische Seele" des Betriebes mit der konkreten Funktion als Ansprechpartner für sämtliche Einzelprojekte [nur zur Erinnerung: das KNK ist ein sogenanntes "Projekt" des Schillerpalais,
wenn auch nicht nur temporär wie ein Event oder eine Ausstellung, und wenn auch finanziell emanzipiert durch die Jahresbeiträge & Crashkurs-Gebühren als eigene Einnahmen]. Stattdessen sind
seitdem sowohl der Vorstand als auch der Presseposten (teilweise deckungsgleich) bemüht, diese Aufgabe trotz ihres Absorbiertseins durch laufende Projekte zusätzlich nebenbei zu erfüllen. Ein
solcher Leitungsposten kann und sollte aber durch den objektiven Überblick über das oft spontane bis panische und improvisierte Geschehen im üblichen Galeriebetrieb die leicht auftretenden
Kommunikationsdefizite und kontra-produktiven Mißverständnisse ausgleichen, bevor sich eine Schneeflocke in eine fahrlässige Lawine verwandelt.
Das externe Büro des Künstlernetzes sollte dringend durch zwei GEMEINSAM regelmäßig ANWESENDE Redakteure besetzt werden, die sich durch "euphorische Kompetenz(en)" ohne Profilneurosen auszeichnen
und sich dadurch am Arbeitsplatz gegenseitig bei Laune halten. Für das wirklich effiziente Zusammenspiel von Online- und Offline-Faktoren ist ein kreativer und offener Informationsfluss notwendig
sowie eine inspirative und konspirative Aufgabenteilung, die den jeweiligen Talenten entspringt und entspricht.
Welche Vision macht Sinn?
Während es 2005 nur wenige einschlägige Kunstszene-Lokalitäten gab, wo dementsprechend nur ebenso wenige Flyer und Plakate rumflogen, wie z.B. in der legendären ersten Berliner Croissanterie, dem sogenannten "Neuköllner Klein-Paris", gehen heute die KNK-Mitglieder-Werbepostkarten genauso wie die 48-Std-Festival-Faltflyer (vom Partner
Kulturnetzwerk e.V.) in der Hochglanzpapierflut unter, die uns über fast täglich stattfindende Kunstszene-Events auf dem Laufenden hält. Ich erachte es in dieser kreativ aufblühenden Epoche des
Armutsbezirkes nicht als ein peinliches Armutszeugnis oder gar ideologischen Verrat an der INHALTLICHEN "Freiheit der Kunst", wenn das Künstlernetz mit großen Firmen oder Stiftungen als Sponsoren
kooperieren würde, sondern im Gegenteil: Es wird dringend Geld benötigt, um Maßnahmen einer stabilen Redaktion zu garantieren, die das POTENZIAL DES PORTALS vorantreiben und im laufenden
Szene-Betrieb wahrnehmbar machen.
Parallel dazu sollten und müßten sich alle KNK-Mitglieder innerlich verpflichtet fühlen (ganz im Sinne von: verbunden/vernetzt), sowohl die redaktionellen Angebote, die für sie geschaffen wurden,
tatsächlich zu benutzen, damit sich durch gezielte Links für die Kunst werben lässt [nur ein Beispiel zur Veranschaulichung: die Unterseite für "Neue Beiträge" ist inzwischen mehr Archiv denn
aktuell], als auch in ihrer selbständigen Werbung (online genauso wie offline) auf ihre PORTAL-PRÄSENZ hinzuweisen.
Nur das tatkräftige Zusammenspiel aus SELBST verwalteten Inhalten der Künstler und der daraus resultierenden MÖGLICHKEIT, auf vorhandene Inhalte aufmerksam zu machen, führen zu einer LEBENDIGEN
Domain, die ihren Namen verdient: ein Künstler-NETZ zu sein...
VORBEMERKUNG 2009 / Während meiner Dienstzeit im Schillerpalais habe ich über 100 Künstlerkollegen "betreut", was mir manchmal mit unendlicher Geduld gelang, manchmal auch nur
unter Jähzornausbrüchen. Der Außenstehende kann sich leicht vorstellen, daß man im GALERIE-ALLTAG ALS ONLINE-REDAKTEUR, CRASHKURS-DOZENT, EVENT-MANAGER UND PORTAL-PROMOTER (alles auf
autodidaktischer Self-Made-Basis durch Learning-by-Doing) viele merkwürdige Schoten erlebt (von amüsant bis absolut eklig), aber ich hatte immer DIE VISION DER VERNETZUNG vor Augen und das
Anliegen, das Portal vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit zu bewahren. Dank so wunderbaren Künstlern wie zum Beispiel Annette Köhn (Musenstube) & Tim Schneider (Karmanoiabar) hatte ich
stets genug Ansporn, an die Kunst zu "glauben", obwohl das Portal einige "Abstürze" (Server & Sklaven) zu überstehen hatte - und wahrscheinlich immer haben wird. Seit ich meinen Büroplatz
Ende Dezember 2008 räumte, warte ich nun auf neue Funksignale aus dem Mutterschiff, der Galerie Schillerpalais, doch bislang hat sich KEINE NEUE REDAKTION vorgestellt, stattdessen wirkt das
Portal wie im Tiefschlaf versunken: keine Updates, keine Pflege, keine neuen Mitglieder... Da ich immer häufiger auf der Straße gefragt werde, WAS DENN LOS SEI, antworte ich hier einmal für alle:
KEINE AHNUNG !!! Bastelt auf Euren Seiten, verbessert sie, verschönert sie, MACHT EIGENSTÄNDIG WERBUNG FÜR DAS PORTAL !!! Nur so ist es ein unabhängiges, lohnenswertes Medium für uns! ICH LIEBE
UNSER PORTAL NOCH IMMER UND BIN TOTAL FROH, SELBER MITGLIED ZU SEIN !!! Ahoi und bis die Tage, man sieht sich im Reuterkiez, bei Daniela oder DJane Konkubina :-) DAS tO(h)M, New Cologne, den
16.8.09
RANDBEMERKUNG 2010 / Seit Frühling 2009 wartet man gespannt darauf, wie der Relaunch der Startseite aussehen wird. Das Schillerpalais hat meiner Meinung nach einen Fehler damit
begangen, die einladende Auftaktseite HOME komplett zu entfernen, bevor sie überarbeitet ist, denn wer surft bitteschön gerne leere Links an? Besser eine schöne veraltete Seite als gar keine!!!
Bis mindestens November 2009 waren dadurch außerdem zahlreiche redaktionelle Unterseiten verschwunden oder nur über labyrinthische Umwege erreichbar, darunter auch die Seite mit einem ÜBERBLICK
über die wichtigsten Info-Seiten des Portals sowie jene mit den offiziellen Trägern und den LINK-PARTNERSCHAFTEN in der Kunstszene, die ich persönlich in meiner 4-jährigen Amtszeit mühsam
aufgebaut hatte. Es wäre nur allzu verständlich, wenn diese (ehemaligen?) Partner ihren Link zum KNK ebenfalls von ihren Domains wieder löschen, da die gegenseitige Verpflichtung nicht mehr
erfüllt ist. Ich bin gespannt, wieviel von MEINER Arbeit am Ende überhaupt noch übrig bleibt, gepflegt (zum Thema Pflege hätte ich noch eine nette Anekdote parat, siehe unten) wurde jedenfalls
gar nichts seit meinem Abgang: an allen Ecken und Kanten fehlen Updates - obwohl angeblich jemand den Posten (als Hartz4-Minijob) übernommen hätte, was dem guten Ruf der Arbeitslosen nicht
unbedingt förderlich ist und auch nicht meiner Empfehlung im Abschlußbericht gerecht wird. Ich erinnere mich an meine allerletzte Teamsitzung im Dezember 2008, als nur die Hälfte der Mitarbeiter
anwesend war und von diesen NIEMAND diesen Bericht vorher gelesen hatte, obwohl ich ihn als PDF mit der dringlichen Bitte gemailt hatte (spannendes Thema: Zuständigkeit für den Emaileingang im
Bordcomputer der Galerie), um mich auf der Sitzung nicht wiederholen zu müssen, sondern auf meinen Ergebnissen aufbauend ins Detail zu gehen. Immerhin stieß mein Vorschlag der Schaffung eines
zweigliedrigen Doppelpostens für das KNK damals auf offene Ohren... alles nur Blöff?