"KOMMT ZEIT, KOMMT RAT, KOMMT QUANTENSALAT!" - aus dem gekürzten KE-Interview mit Arnd Moritz 2012:

Über das heimliche Schattendasein der Quantenlyrik im echten Untergrund: Literatur soll unterhaltsam sein, nicht logopädische Laberei! Anekdotisches in voller Länge...

Arnd Moritz führte Ende August / Anfang September 2012 für das Magazin KULTURAextra ein Exklusiv-Interview mit Tom de Toys per Email durch! Aus Platzgründen wurden dort leserfreundliche Kürzungen vorgenommen. Das G&GN-Institut stellt daher den Absatz über die Quantenlyrik in voller Originallänge hier als weiterführende Hintergrundinformation für neugierige Germanisten zur Verfügung.

 

6.Interview-Frage (28.8.2012):

2001 hast du die Quantenlyrik, wie du sie nennst, erfunden, wie du es nennst. Durch das Goethe-Institut erhieltest du dann die Möglichkeit ihrer Uraufführung an der Universität von São Paulo. Bitte erzähle den Lesern von KULTURA-EXTRA kurz etwas zur Quantenlyrik, wie es zur Uraufführung kam und was sie beinhaltete.

 

Offizielle 6.Antwort für KE:

 

die welturaufführung war in gewisser weise eine art schildbürgerstreich, denn der dortige gastprofessor (Ulrich Johannes Beil) an der universität von sao paulo wußte zwar, daß ein junger deutscher "szene"-dichter in sein seminar kommen würde, aber selbst das goethe-institut (das neben den deutschen schulen an den flugkosten beteiligt war) wußte nicht, daß ich die quantenlyrik gerade mal einen monat zuvor erst frisch erfunden hatte! und die studenten verstanden so wenig deutsch, daß sie gar nicht merkten, wann ich ein normales und wann ich ein gequanteltes gedicht vortrug. die deutsche uraufführung später dann in der berliner z-bar war eigentlich wesentlich wichtiger: ich hatte eine abendfüllende multimediale show vorbereitet. einige gäste hielten nicht bis zum schluss durch, manche waren sogar richtig gelangweilt oder genervt, andere wiederum waren begeistert, wie konsequent ich das ganze präsentierte. mit der ersten quantenlyrischen methode (QLP) fand ich eine kongeniale sprachform, um meiner loch-erfahrung von 1989 gerecht zu werden: die quantenlyrik war eine möglichkeit, über mystisches laut zu sprechen, ohne der (konkreten=absoluten) gesichtslosigkeit der leere ein (abstraktes=gegenständliches) gesicht geben zu müssen!

 


6.Antwort in Originallänge:

tja, was ließe sich darüber erzählen, was nicht sowieso nachzulesen ist? ich muß da erstmal selbst überlegen... die pseudonyme (angefangen bei Siegfried Sühd, dem EQ-abteilungsleiter) für die verschiedenen methoden, die historischen hintergrundbriefe, die essays (Lautpoesie.de), manifeste (KonkretePoesie.de) und der tourbericht genügen doch sogesehen, um den neuen gattungsbegriff zu verstehen :-) bei quantenlyrik (Quantenlyrik.de) fällt mir andererseits gleich wieder der damalige artikel im Neuen Deutschland ein, als ich 2003 eine rauminstallation (installyrik: Objektlyrik.de) mit quantisilben auf der "London Biennale Pollinations" (Changing Channels) in berlin machen durfte, und die zeitung meinte, der gemeine berliner würde bei quanten wohl eher an stinkefüße oder quadratlatschen denken als an poesie. da ich selber unter dem senkspreizfuß-syndrom leide (auch plattfüße genannt), passte der vergleich natürlich irgendwie. aber das wirklich schönste erlebnis mit der quantenlyrik hatte ich, als eine weiß getünchte historische s-bahn mit riesigen neongrünen quantisilben im herbst 2003 einen ganzen monat lang zur werbung für die paradies-ausstellung im bunker unter dem alexanderplatz quer durch berlin vom bahnhof zoo bis zum flughafen schönefeld und zurück pendelte, KulturaExtra berichtete damals darüber. zwischen den sitzen klebten in allen abteilen folien mit dem originalgedicht und den darin bunt markierten quantisilben und ich fuhr öfters incognito auf der strecke mit, um etwas wirklich nettes zu beobachten: kinder lasen ihren eltern das gedicht ("PARADIES") oft laut vor, sie hatten keinerlei hemmungen und fragten ihre eltern neugierig, warum einzelne buchstaben im gedicht als rote großbuchstaben hervorgehoben waren, während die eltern meist peinlich verlegen und ausweichend reagierten. seltsam, aber wahr. und sehr schade. denn das wäre ja die poesiepädagogische gelegenheit schlechthin gewesen, um den kindern die zeitgenössische avantgarde zu erklären! naja, das gedichtthema mag vielleicht zu gewagt gewesen sein: die s-bahn benutzt man ja für die tägliche hölle der routine, da ist das paradies für die meisten wahrscheinlich ziemlich weit weg. wie brasilien. die dortige welturaufführung war in gewisser weise eine art schildbürgerstreich, denn der dortige gastprofessor (Ulrich Johannes Beil) an der universität von sao paulo wußte zwar, daß ein junger deutscher "szene"-dichter in sein seminar kommen würde, aber selbst das goethe-institut (das neben den deutschen schulen an den flugkosten beteiligt war) wußte nicht, daß ich die quantenlyrik gerade mal einen monat zuvor erst frisch erfunden hatte! und die studenten verstanden so wenig deutsch, daß sie gar nicht merkten, wann ich ein normales und wann ich ein gequanteltes gedicht vortrug. ich hätte genau genommen auch "hurz" vortragen können! aber egal. die deutsche uraufführung später dann in der berliner z-bar war eigentlich wesentlich wichtiger: ich hatte eine abendfüllende multimediale show (mit elektronischer musik & video-screening) vorbereitet. einige gäste hielten nicht bis zum schluss durch, manche waren sogar richtig gelangweilt oder genervt, andere wiederum waren begeistert, wie konsequent ich das ganze präsentierte. bis heute ist die ganze sache allerdings noch immer nicht von der offiziellen germanistik aufgegriffen worden, die zeiten stehen wohl eher schlecht für experimentelle lyrik, obwohl sich besonders die zweite quantenmethode (QLS) explizit auf die unschärferelation  in der quantenphysik bezieht und dank mister higgs und dem ringbeschleuniger die unsichtbaren aspekte des universums wieder im trend liegen. naja, kommt zeit, kommt rat, kommt quantensalat! als ich 1999 das "forum für quantenlyrik" auf meiner website gründete, war ich davon überzeugt, daß die quantenlyrik irgendwann in ferner zukunft von jemand anders erfunden würde, ich wußte zu jenem zeitpunkt noch gar nicht, was das überhaupt sein sollte, geschweige denn daß ich sie selbst dann entdecken sollte. es war einfach nur eine vision, eine vorahnung, ein unbestimmtes gefühl, daß etwas wirklich progressives passieren müsse, das der poesie wieder den anschluss an die tiefere gegenwart ermöglichen würde. heute, 11 jahre nach der erfindung, spielt aber die comedyliteratur, slapstick und satire eine so dominierende rolle (leider auch auf poetryslams), daß eine "vollendung der lautpoesie" nicht nur sehr anmaßend wirkt, sondern viel schlimmer noch: keinen zu interessieren scheint! literatur soll unterhaltsam sein, nicht logopädische laberei. dennoch bin ich total happy, die quantenlyrischen methoden entwickelt zu haben, denn sie sind mein persönliches gold auf einer geheimen olympiade, bei der ich jahrelang fast zwanghaft multiphren gegen mich selbst in form zahlreicher pseudonyme antrat: mit der ersten quantenlyrischen methode (QLP) fand ich endlich eine kongeniale sprachform, um meiner loch-erfahrung von 1989 gerecht zu werden. insofern hat HEL ToussainT vielleicht recht, daß ich mehr mystiker als poet bin, denn dieses unausweichliche schweigen über mystische erlebnisse hat mich immer schon am meisten krank gemacht. die quantenlyrik war meine ultimative heilung - eine möglichkeit über mystisches laut zu sprechen, ohne der (konkreten=absoluten) gesichtslosigkeit der leere ein (abstraktes=gegenständliches) gesicht geben zu müssen! übrigens hängt das quantenlyrik-mobilée der paradies-ausstellung womöglich noch immer in dem kleinen raum im 3-stöckigen bunker unter dem alexanderplatz. diesen schiefen raum unter der rampe wollte damals niemand bespielen, weil die alten öllampen dort gelagert wurden. mir gefiel er gerade deswegen so gut, zumal die lampen wie eine roboter-armee wirkten. während alle anderen künstler ihre räume sauber verlassen mußten, konnten die mobilée-folien hängen bleiben, sie störten ja nicht... falls du mal eine führung mit dem unterwelten e.v. machst, sag mir bescheid, ob sie noch über den öllampen schweben! das heimliche schattendasein der quantenlyrik im echten untergrund...

Weitere Hörbeispiele:

www.DirekteDichtung.de

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