Poemie: MY VERY LAST SLAMPOEM...

"M E T A S L A M E T A B O L I K U M"

Tom de Toys, 21.2.2009, 11:30h – 12:17h im IC 146,
gewidmet A.Artaud, A.Watts & W.Whitman
(kursive Kommentare vom 12.3.2009)

METASLAMETABOLIKUM
( SLAmmYSTIK I+II )

es gibt einen einzigen grund
warum ich mikrofone nicht mag
man muß etwas sagen
damit sie nicht depressiv werden
jeder mensch kriegt eine krise
wenn er nicht tun kann wozu er berufen ist
ja irgendwann kriegt jeder seine krise
wenn er zu lange auf dem abstellgleis der
gesellschaft wartet auf irgendwas
wartet was sinn macht was ihm eine aufgabe gibt
was seinem leben bedeutung verleiht
[Zufällig fällt mein Blick auf ein bildhübsches Mädchen
in der dritten Reihe, dem ich daraufhin erkläre,
daß es reine Zeitverschwendung bedeute,
sich dauernd nur im Spiegel zu betrachten
und an Schminke zu denken anstatt
durch das eigene Gesicht hindurch zu schauen,
um sich die letzten Fragen zu stellen.]
oder will jemand hier sterben
will jemand hier sterben
willlll... jeeemand... hiiiiier... steeerben ?????!!!!!
...ohne sich wenigstens einmal im leben
(nur 1 einziges mal)
darüber bewußt gewesen zu sein
DAß WIR DA WAREN
[Mit weit aufgerissenem hohlen Blick starrt
mich das unterhaltungsverwöhnte Slampublikum an
und verführt mich wieder zur Interaktion,
indem ich mehreren dekadent studentisch wirkenden
jungen Männern in der ersten Reihe lauthals erkläre,
daß es eine erstaunliche Gabe des Übermenschen sei,
die eigene Gegenwart von der imaginären Zukunft her
bereits jetzt als vollendete Vergangenheit zu empfinden.]
daß du da bist denn
du bist wirklich da wie die sterne
der weite raum zwischen den sternen
und natürlich das mikrofon denn
ALLE SACHEN SIND DA
und genauso unendlich und
wirklich wie jeder mensch und
ich wiederhole: unendlich !
das ist quantenphysik !!!
das ist taoismus !!!!
das ist der reine wahnsinn !!!!!
in jeder zelle deines körpers
lauert diese unendlichkeit
sie ist unsichtbar sie ist tief sie ist das
multidimensionale monster deiner existenz
und sie ist leer sie ist so leer daß
DIE LEERE SELBST VERSCHWINDET
kein grund zur panik
wer braucht schon die leere?
die leere ist sowieso
zu nichts großartigem zu gebrauchen
sie durchdringt die unendlichkeit
wie ein flußbett ohne wasser
WELCH EINE TOLLKÜHNE METAPHER !
aber wenn du nur
deinen kleinen finger hineinsteckst
kriegst du den ultimativen strOMschlag
der deine gesamte identität aus den angeln hebt jaja
so mancher geht danach nie wieder angeln
[Dieses wunderschöne Wortspiel durch den Wechsel vom
Substantiv hin zum gleichlautenden Verb scheint entweder
niemanden zu beeindrucken oder keinem bewußt zu sein,
jedenfalls starrt mich dieselbe Frau aus der zweiten Reihe,
die schon von Anfang an mit erwartungsvoller Mine
bis über beide Ohren strahlt, immer noch mit ihrem
eingefrorenen Grinsen an, als ob sie gar nicht zuhöre,
sondern wie hypnotisiert mit billigen Witzen rechnet.]
die meisten betreiben dann kein einziges hobby mehr
wer die leere geleckt hat benötigt kein hobby
um sich die langeweile zu vertreiben
denn mit der langeweile fängt erst alles an
oder hast du geglaubt daß am anfang aller dinge
das wort war und das auch noch bei gott
und wo war der ????????
in der langeweile !!!!!!!!
(das ist doch sonnenklar)

[ PAUSE ]

keine schildkröte steht auf keiner
schildkröte steht auf keiner schildkröte
[Popschamanistische Regieanweisung
an den Leser in dreihundert Jahren:
die folgenden drei Zeilen sind im Tonfall
eines Gebets zu zelebrieren.]
Am Anfang War Langeweile Und
Die Langeweile War In Der Leere
Und Die Leere Teilte Sich
als der mensch zu bewußtsein kam

und es wurde licht und
das licht war ein einziges farbenmeer
eine blumenwiese auf der mikrofone wachsen
und jedes einzelne mikrofon möchte
eine großartige aufgabe erfüllen und
das ist die wahre bestimmung des slampoeten:
sein mikrofon glücklich zu machen
es ihm richtig gut zu besorgen
das ist die akustische revolution
die geheime verschwörung
auf die die menschheitsgeschichte abzielte
wir sind heute ans ziel gekOMmen wir die
wir jetzt und hier zusammengefunden haben
sind tatsächlich der kerngedanke der welt
und die mitte des universums wenn wir
[Hier verstärkt die Abweichung vom ursprünglichen
Zeilenumbruch den absolut-konkreten Liebesimpuls
des kontaktistisch-integralen Lochismuß:
echte "Mitte" ist postmetaphysisch-transdualistisch
nur als interaktives Wirkungsfeld wahrnehmbar, weil
jede Materieschwingung aus allen anderen besteht.]
heute beginnen das ernst zu nehmen was
vor vierzigtausend jahren begann
kann sich der lauf der dinge
noch einmal ändern und
[Im Bühnenhintergrund ertönt jetzt die Stimme
der Moderatorin, die darauf aufmerksam macht,
daß die 7 Minuten Sprechzeit vorbei sind, worauf
ich prompt antworte: "Das ist mir scheißegal!"]
ALLES WIRD GUT
[Das Publikum unterbricht den Vortrag an dieser Stelle wieder
mit tosendem Applaus, was mich zwar abgrundtief anekelt,
weil sie immer gerne das Ende eines jeden Textes
an der einfachsten, vorhersehbarsten Stelle hätten,
aber ich verzichte diesmal auf einen lauten Kommentar
und beschleunige stattdessen mein Redetempo.]
wird endlich für immer gut
deine geheimsten wünsche werden wahr
zum beispiel sex mit dem nachbarn
oder kein sex mit dem nachbarn
du hast die wahl es so laut und deutlich zu sagen:
kein krieg nie mehr
keine lüge nie mehr
kein leiden nie mehr
keine lustlosigkeit
keine versteckspielchen
kein aberglaube
kein aber kein kein
das ist fein ja
das ist fein
ganz fein
ganz
fein

 

Das Original-Handgekrickel im Bordbistro des IC146 auf dem Weg zum Poetry Slam im ZAKK von Berlin nach D'doof :

LACHT POESIESCHLACHT SCHLECHT ??? Mutmaßung über die logische Folge einer jahrelangen Fehlentwicklung der Next-Generation-New-Slam-Bewegung:

Auf den Gesichtern der Zuhörer lag ein immer-bereites maschinenstarres Lachen, das mit nichts anderem mehr rechnet, als auf Knopfdruck zum Lachen gebracht zu werden, und daher nicht wirklich auf Inhalte achtet geschweige denn selber mitdenkt. Die geslamten Sätze - egal wie literarisch schlecht - werden nur noch zombiehaft konsumiert und müssen daher möglichst eindimensional nachvollziehbar sein. Immerhin tauchte zumindest das WORT Bewußtsein am Ende des finalen Textes der Gewinnerin auf.

"Über die Schuldidaktik verschafft sich das herkömmliche Bildungssystem Zugriff auf ein ursprünglich subversives und widerständiges Format. Der Kontakt mit Spoken Word erfolgt für viele Jugendliche nicht mehr im wahren Leben, in den Clubs, in der Off-Szene, sondern in der Schule. Das Schulsystem wird in den Lebensläufen zeitlich und inhaltlich zur ersten Vermittlungs-Ebene. Teilweise wird die Szene bereits aus dem Schulbetrieb heraus mit Autoren gespeist. Langfristig bringt das eine Entschärfung und einen Autonomieverlust für den Slam. (...) Humor ist soziale Intelligenz. Im Slam-Comedy wird jedoch die Kunst gegen das Schenkelklopfen eingetauscht. Der Austausch mit dem Publikum zielt auf Bejahung der Pointen statt auf Irritation des Denkapparates. (...) Der Slam ist über weite Strecken eine Kunstform gewesen, die herrschende Mechanismen in Frage stellt. Man kann also in bestimmten Business-Partnern oder politischen Institutionen durchaus ein Glaubwürdigkeitsproblem für den Slam sehen. (...) Die Bühne scheint eher die gegenseitige Imitation zu fördern, und verhindert genau das, was sie zu ermöglichen vorgibt: den Ausdruck von Individualität. (...) Oft bleibt der Eindruck einer rein performancegetriebenen Simulation von gestalteter Sprache. Dass in den genannten Bereichen mittlerweile Slam-Geschäftsmodelle entstanden sind, ist kein Zufall. Auffällig ist auch, dass die Einträglichkeit eher nicht aus der Kunst resultiert, sondern auf der Ebene der institutionellen Vermittlung angesiedelt ist. Im Grunde müsste man sagen: derselbe kritische Impetus, der für die Herausbildung des Slam entscheidend war, wäre konsequenter Weise einmal gegen den Slam selbst zu wenden."
Boris Preckwitz, in: Slam - ein Opfer des eigenen Erfolges? (28.11.2010)

 

21.2.2009: Poetry Slam im zakk

POESIESCHLACHTPUNKTACHT MIT PARTY


Moderation Pamela Granderath & Markim Pause. Die "POESIESCHLACHT" hat Geburtstag und wird 12 Jahre!!

Das muss einfach gefeiert werden - die Poesieschlacht Allstars DJanes legen ihre besten Platten auf!


Seit 1997 Kultveranstaltung in Düsseldorf, ist die "Poesieschlacht punkt acht" einmal im Monat Garant für literarische Überraschungen der besonderen Art. Die Moderatoren Pamela Granderath und Markim Pause, selbst begeisterte und erfolgreiche Slammer, präsentieren jeden 3.Sonntag den "Poetry Slam" im Club des zakk. Bekannte wie unbekannte Autoren kämpfen um den von Markim Pause liebevoll gestalteten Pokal nebst Champagner für die Siegesfeier. Wer am Ende gewinnen wird, entscheidet eine unerbittlich Jury, die an jedem Abend aus den Besuchern gewählt wird. In der Finalrunde kann dann das gesamte Publikum seine Stimme abgeben. Erlaubt ist beim Poetry Slam, was gefällt - Hauptsache, die Texte sind selbst verfasst, dauern nicht länger als fünf Minuten, und die Teilnehmer kommen ohne Requisiten oder Musik aus. Wer glaubt, dass nur bekannte Autoren gewinnen, sollte sich eines Besseren belehren lassen, seine Texte mitbringen und vorlesen!

NACHTRAG: Bei diesem Geburtstagsslam traten 10 ausschließlich geladene Slamer auf (ausnahmsweise geschlossene Liste!), darunter Tom de Toys, der schon 1996 dabei war, als noch André Bolten (nicht Breton) den Schergen spielte, damals noch nicht in der großen Halle sondern im etwas intimeren Café des Kulturzentrums zakk. De Toys belegte diesmal mit der Uraufführung seines brandneuen zen-taoistisch inspirierten SPIRITSLAM-Gedichtes "METASLAMETABOLIKUM" mit großem Abstand den allerletzten Platz: nur ganze 14 Punkte konnte er der 5-köpfigen Publikumsjury für die neuropoelitische Show abringen (wohingegen sich das überwiegende Publikum bei der extrem interaktiv-improvisierten Performance köstlich amüsierte und den Vortrag öfters durch stürmischen Beifall unterbrach), während fast alle anderen Slamer mit den üblichen semi-goethischen Stabreimen, sex-orientierten Raps und psycho-dynamischen Shortstories (deren Eventcharakter meist aus bekannten Comedy-Effekten resultierte), immer weit über 20 Punkte erzielten. Immerhin tauchte zumindest das WORT "Bewußtsein" am Ende des finalen Textes der Gewinnerin auf. Das 6-seitige Neuropoem des ultimativen Verlierers (mittags auf der Zugfahrt von Berlin nach Düsseldorf frisch niedergeschrieben) erscheint hier in vollständiger Länge incl Faksimiles... Noch bis zum 26. Februar 2009 lassen sich außerdem 5 spirituelle Kurzgedichte von De Toys in den LITERATURAUTOMATEN ziehen, von denen einer auch im ZAKK-Eingangsfoyer steht!

Weitere Hörbeispiele:

www.DirekteDichtung.de

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