"Kunst allgemein, und die überwiegend von einzelnen Menschen allein produzierte und rezipierte Literatur besonders, verwendet Allgemeines und Öffentliches,
Formen und Konventionen, um Besonderes und Persönliches zu sagen, und klagt damit den symbolischen öffentlichen Schutz des Nichtöffentlichen ein. (...) Die wahrhaft teuflische Ironie am Standort
Deutschland, der die moderne kommerzielle Jugendkultur vor gerade mal einem halben Jahrhundert aus Amerika und England importiert hat, ist dabei aber, daß hier der stumpfsinnigste denkbare Abhub
schlecht-einfältigen Kunsthandwerks neuerdings nicht mehr Schunkeln und Gartenzwerg heißen will, sondern Pop." Dietmar Dath:
Die wo so singen tun, wie sie der Schnabel gewachst hat
(F.A.Z. 10.2.2005, Nr.34, S.37)
"Die Spielsachen und Spiele, die ihnen Freude machen sollen, die Bücher, die sie lesen, und die Manierismen, die sie annehmen sollen, und nicht zuletzt die Schulen, in denen sie auf der Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners sich gegenseitig nachäffen, kann ich nicht ausstehen. Mit dem Säugling, der noch Spaß an Unsinn hat und der sich spontan auf unprogrammierte Spiele einlassen kann, fühle ich mich ganz wohl und dann wieder mit dem Heranwachsenden, der die Gehirnwäsche, der er ausgesetzt ist, in Frage stellt. Aber die verniedlichte 'Welt der Kindheit' ist ein Schwindel, ein Disneyland aus Plastik, eine von frustrierten Fratzen bevölkerte Welt, die herauskriegen wollen, warum sie nicht als Menschen behandelt werden." Alan Watts, in: ZEIT ZU LEBEN (1972)
Tom Toys, 20.3.1996
(anläßlich meiner Lesung an einer Kölner Realschule)
SCHULGEDICHT
das hier ist ein schulgedicht
es reimt sich mal und
mal auch nicht
das ist das schlechteste
gedicht das ich besitze
weil es weder antwort gibt
noch fragen stellt und
offen läßt es gilt
bei frost wie sommerhitze
ohne etwas auszusagen
weil der inhalt öde ist
ich hasse schulgedichte
wie die pest wenn sie
nichts ungereimtes wagen
bleibt die deutsche stunde
blöde und verschwendet
das gedicht das endet hier
"Jedwede Form ist in Wirklichkeit eine Bewegung, und jede lebende Sache ist wie der Fluß, der, würde er nicht irgendwo ausströmen, nie imstande wäre,
einzuströmen. Leben und Tod sind nicht einander entgegengesetzte Kräfte; es sind lediglich zwei verschiedene Arten, die gleiche Kraft zu sehen, denn die Bewegung des Wechsels ist ebenso aufbauend
wie zerstörend. Der menschliche Körper lebt, weil er ein Gefüge von Bewegungen ist, von Kreislauf, Atmung und Verdauung. Zu versuchen, dem Wechsel zu widerstehen, sich ans Leben zu klammern, ist
daher so, als ob du den Atem anhieltest. (...) Wenn du dir das sorgfältig betrachtest, wirst du sehen, daß Bewußt-Sein - die Sache, die du das geistige ’ICH’ nennst -, in Wirklichkeit ein Strom
von Erfahrungen, Empfindungen, Gedanken und Gefühlen ist, ständig in Bewegung. Aber da diese Erfahrungen Erinnerungen enthalten, sind wir unter dem Eindruck, daß dies ’ICH’ etwas Feststehendes
und Bewegungsloses ist, gleich einer Tafel, auf die das Leben seine Aufzeichnungen macht. Da diese ’Tafel’ sich mit dem schreibenden Finger bewegt, wie der Fluß mit dem Wellengekräusel
entlangfließt, ist Erinnerung wie ein Bericht auf Wasser geschrieben, ein Bericht, nicht fest eingraviert, sondern von Wellen, die von anderen Wellen bewegt werden und die man Eindrücke und
Tatsachen nennt. (...) Das geistige ’ICH’, das nicht verstehen will, daß es ebenfalls ein Teil vom Strom des Wechsels ist, wird versuchen, aus Welt und Erfahrung
einen Sinn zu machen, indem es sie zu fixieren trachtet. So kommt es zu einem Krieg zwischen Bewußtsein und Natur, zwischen dem Wunsch nach Beständigkeit und der Tatsache des unaufhörlichen
Wechsels. (...) Der einzige Weg, dem Wechsel Sinn zu geben, ist sich hineinzustürzen, mitzugehen und sich dem Tanz anzuschließen. Religion, wie die meisten von uns sie kannten, hat ganz
offenbar versucht, durch ’Festlegung’ diesem Leben Sinn zu geben. Sie hat versucht, diese vorübergehende Welt dadurch sinnvoll zu machen, daß sie sie in Beziehung setzte zu einem unwandelbaren
Gott, und Ziel und Zweck in einem unsterblichen Leben zu sehen, in dem das Einzelwesen eins wird mit der unwandelbaren Natur der Gottheit. (...) So haben wir uns selbst ein Problem geschaffen,
indem wir das Verständliche mit dem Festgelegten verwechselten. Wir sind der Ansicht, daß es unmöglich ist, aus diesem Leben einen Sinn zu machen, es sei denn die Flut der Ereignisse ließe sich
in einen starren Rahmen fügen. (...) Der Ursprung dieser Schwierigkeit besteht darin, daß wir die Macht des Denkens so schnell und einseitig entwickelt haben, daß
wir darüber die richtige Relation zwischen Gedanken und Ereignissen, Worten und Dingen vergessen haben. (...) Diese einseitige Entwicklung des Menschen ist ... ein besonders auffälliges
Beispiel für eine Tendenz, die unsere gesamte Zivilisation beeinflußt hat. (...) Die Beziehung zwischen Gedanken und Bewegung ist etwa wie der Unterschied zwischen dem lebendigen Menschen, der
läuft, und einem Film, der dieses Laufen mittels einer Folge bewegungsloser Bilder zeigt."
Alan Watts, in: 'WEISHEIT DES UNGESICHERTEN LEBENS'
(1951, aus dem 3.Kapitel "Der große Strom")