Antiprosa: EVENT(UAL)ISIERUNG

Zu folgendem Essay wurde ich inspiriert durch die Podiumsdiskussion "Literatur als Event ohne Buch?" im LCB (Literarisches Colloquium Berlin, 3.12.2002) sowie den Trend zum Thema Sex bei Poetry-Slams (siehe Sexslam-Reportage) - die Berliner Uraufführung erfolgte am 13.12.2002 im englischen Antiquariat "East of Eden". Die 3 fettgedruckten Stellen wurden im Heft 122 der Humboldt-Uni zur Ergänzung der Antrittsvorlesung von Prof. Joachim Kallinich (Ex-Direktor des Museums für Kommunikation) verwendet.

Joachim Kallinich: "Keine Atempause - Geschichte wird gemacht" (Museen in der Erlebnis- und Mediengesellschaft)
Dieses Heft Nr.122 mit der Antrittsvorlesung vom 12.2.2002 enthält zahlreiche ZITATE AUS MEINER ANTIPROSA "EVENT(UAL)ISIERUNG", die den Kapiteln vorangestellt wurden. Erschienen 2003 am Institut für Europäische Ethnologie an der Philosophischen Fakultät. Herausgegeben vom Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin Prof. Dr. Jürgen Mlynek
Prof.Kallinich KEINE ATEMPAUSE 2002.pdf
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"Es hat sich dahin entwickelt, daß die Ansprüche an die Texte immer niedriger wurden und das Sich-in-Szene-setzen (-das im negativen Sinne 'Eventhafte'-) in den Vordergrund gerückt ist. Auf einmal kriegt Jeder die Möglichkeit, auf einer Bühne mal für fünf Minuten der Held zu sein, fünf Minuten der Star zu sein. Und um der Star zu sein, nimmt man jeden Trend in Kauf. Und die Sprache ist Medienrummel, die Sprache ist Spektakel - nicht mehr lyrische Inspiration."
De Toys, im WortSpiel-Interview mit DeutschlandRadio Kultur:

"WENN LITERATUR ZUM EVENT WIRD" (14.3.2000, Berlin)

 

Tom de Toys, 4.12.2002

EVENT(UAL)ISIERUNG
ZUR EVENTISIERUNG DES EVENTUELLEN


Orwellsche Geschichtsfälschung zur Stabilisierung und Stilisierung der pseudozivilisatorischen Langeweile durch Vertuschung progressiver Echter Ereignisse zugunsten pauschalisierter Kanonisierung von antisubversiven Harmlosigkeiten hat noch nie in der Zukunft stattgefunden, sie passiert schon immer und verführt uns zur täglichen Normalität, deren Selbstkontrolle keiner direkten Diktatur bedarf, weil die soziale Akzeptanz des süchtigen Subjekts mithilfe ANTRAINIERTER TABUS als Schadensersatz für die FEHLENDE FREIHEIT fungiert.

Oder erinnern Sie sich an den Münsteraner Historiker, der den Schwindel der christlichen Zeitrechnung beweisen konnte? Feiern Sie lieber die hundertsten Geburtstage und zweihundertsten Todestage von wahnsinnig wichtigen Zombies? Willkommmen im virtuellen Permamoment, dessen binärer Code geradewegs durchs isolierte Herz verläuft. Die große AUSBEUTUNG VON AUTHENTIZITÄT als multimediales Massenspektakel: Wir sind alle live und direkt dabei, wenn Zeitgenossen vortäuschen, live und direkt zu sein. Haben Sie sich noch nie gefragt, warum eigentlich nichts passiert? Und noch nie gewundert, warum sich genau genommen nichts ändert außer den Technologien zur Erzeugung, Darstellung und Bewältigung von Überlebensproblemen? Ist Ihnen nie aufgefallen, daß Jahr für Jahr dasselbe unter anderen Vorzeichen verkauft wird? Daß sogenannte Trends nur der Selbsthypnose dienen, um sich eine oberflächliche Abwechslung einzubilden? Aber ich halte hier keine kulturpolitische Rede und will auch nicht Werbung machen für irgendeinen der Datenträger, durch den Sie meine Gedanken jetzt gerade empfangen (das geliehene Ohr, das bedruckte Papier, der hochgefahrene Computer oder die Bühne, auf der ich stehe), denn Werbung wird sowieso schon für alles und nichts gemacht. Vom Produktmarketing zum Eventmanagement und zurück - auf jeder Ebene der Gesellschaft wird Hirnwäsche und Geldwäsche gefördert! Bis der SEELENLOSE SÄTTIGUNGSGRAD einen kollektiven Herzinfarkt suggeriert, den natürlich nicht Sie wirklich erleiden sondern Ihre harmlose Identität als ganz braver und anständiger Bürger.

Aber was heißt das konkret... ich will es am Beispiel der Literatur einmal verdeutlichen: Noch vor 10 Jahren gingen gutwillige Germanisten zu tradionellen Standardlesungen, wo ein berühmter Autor seine frisch erschienene Publikation präsentierte und wohlwollend jedes Exemplar mit seinem nicht näher nachvollziehbaren Weltbild signierte. Jeder verfiel dieser intellektualen Trance und erstarrte vor Ehrfurcht. Außer einem kleinen nachwachsenden Haufen junger Dichter, die ihren obszönen Texten auf alternativen Festivals eine fast vergessene Eigenschaft schenkten: das akustische und theatralische Performance-Potenzial! Schnell wie ein Lauffeuer entfachten die glühenden Buchstaben eine bundesweite Bewegung mit vielen Facetten: Die einen erfanden den "SocialBeat", während andere "Slams" gründeten und wieder andere mißbrauchten den mittlerweile klassisch gewordenen Begriff von "Pop". Und sie alle nutzten die Gunst der Stunde: Der abgeklärte Konsument schrie verzweifelt nach neuen Spielen, nach Überraschungen und vermeintlichen Extravaganzen. Und dank Digitalisierung unserer Sehnsüchte befriedigte bald jede interaktive Experimentierfreudigkeit das Bedürfnis, den angeblichen Zeitgeist ins eigene Schlafzimmer zu holen, wo ohnehin schon seit langem eine erstaunliche Todesstille herrschte. Mit dieser neuen salonfähigen Anti-Avantgarde sank der Anspruch auf Komplexität gegen Null, während der Blutdruck bei jeder möglichst erotischen Trivialität in die Höhe schnellte. Wer sich als zeitgemäßer Literat etablieren wollte, mußte genügend rasant und pervers erzählen. Dann waren sich sämtliche sensationsgierigen Feuilletons sicher: POP KOMMT VON POPPEN - aber bitte auf Hochglanzformat!

Und am Ende dieser melodramatischen Epoche schwebte ein bislang noch unbekannter Erzengel hernieder und sprach zu den Menschen mit göttlicher Inbrunst: "ich bin der gefönte engel / (denn fallen ist out) / mein name lautet 'event' und / ich suche auf erden die letzte braut." Da zeigten die Dichter und Denker mit stinkenden Fingern auf diese Waldlichtung, wo einmal früher die Ufos landeten, später Marienerscheinungen jede Wissenschaft in den Schatten stellten und heute die Villa einer Stiftung stand. Eine Stiftung für alle verkannten Genies, alle Heimatlosen und Arbeitslosen, eine Herberge für Freigeister und Dauerficker, ein Bordell fuer besondere Wünsche - und sie antworteten diesem Engel im Chor: "dort findet jeder engel seine letzte braut / und jede fee ihren bräutigam / dieser ort ist bis auf die knochen versaut / hier vögeln die götter im goldenen schlamm!"

Nach weiteren zehn Jahren, so besagt das Gerücht, sah jemand den Engel beim Pinkeln im Wald. Und damit endet die Geschichte: Der ehemals strahlend weiße Himmelsbote hatte einen ungepflegten Bart, verklebte Flügel, lange graue Haare, einen wirren Blick und viele, viele Kinder gezeugt, die nicht sprechen konnten. Diese sprachlosen Bastarde aus Mensch und Engel waren endlich von der Poesie erlöst und keiner zerbrach sich mehr den Kopf über solch altmodische Dinge wie Performance und Pop, denn der geklonte Event war die Krönung der Kunst und die ewige Jugend der Literatur.

 

Prof. Kallinich (Vortrag) & De Toys (Zitate): Heft 122
Prof. Kallinich (Vortrag) & De Toys (Zitate): Heft 122

 

"(...) / in jeder zelle deines körpers / lauert diese unendlichkeit / sie ist unsichtbar sie ist tief sie ist das / multidimensionale monster deiner existenz / und sie ist leer sie ist so leer daß / DIE LEERE SELBST VERSCHWINDET / kein grund zur panik / wer braucht schon die leere? / die leere ist sowieso / zu nichts großartigem zu gebrauchen / sie durchdringt die unendlichkeit / wie ein flußbett ohne wasser / WELCH EINE TOLLKÜHNE METAPHER ! / aber wenn du nur / deinen kleinen finger hineinsteckst / kriegst du den ultimativen strOMschlag / der deine gesamte identität aus den angeln hebt jaja / so mancher geht danach nie wieder angeln / [...] / die meisten betreiben dann kein einziges hobby mehr / wer die leere geleckt hat benötigt kein hobby / um sich die langeweile zu vertreiben / denn mit der langeweile fängt erst alles an / oder hast du geglaubt daß am anfang aller dinge / das wort war und das auch noch bei gott / und wo war der ???????? / in der langeweile !!!!!!!! / (das ist doch sonnenklar) / [ PAUSE ] / keine schildkröte steht auf keiner / schildkröte steht auf keiner schildkröte / [...] / Am Anfang War Langeweile Und / Die Langeweile War In Der Leere / Und Die Leere Teilte Sich / als der mensch zu bewußtsein kam / und es wurde licht und / das licht war ein einziges farbenmeer / (...)"

Auszug aus "METASLAMETABOLIKUM (SLAmmYSTIK I+II)"

De Toys, 21.2.+12.3.2009 / URAUFFÜHRUNG AM 21.2.2009 LIVE @ "POESIESCHLACHT" IM DÜSSELDORFER "ZAKK"

 

Poemie: "FRIS-UR-POESIE" (ich-ach-ah-Verion)
Poemie: "FRIS-UR-POESIE" (ich-ach-ah-Verion)

Weitere Hörbeispiele:

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